Corona-Fluch und Lockdown-Segen: Warum der Lockdown mich gerettet hat

Die Zeit davor

Es war Silvester 2020 und ich saß am Esstisch meiner Eltern in Berlin, wir lachten, wir tranken und wir aßen. Wir machten Späße über Corona, wir machten Späße über Lockdowns und tranken viel und aßen viel.

5 Tage später musste ich zurück nach Bayern, weil ich dort die Oberstufe eines Gymnasiums besuchte. Doch alles in mir sträubte sich, wie immer, wenn ich mich auf den Weg zurück machen musste.

Ich fiel mal wieder in ein Loch, doch dieses war anders, tiefer und dunkler als jedes andere zuvor.

Ich fiel mal wieder in ein Loch, doch dieses war anders, tiefer und dunkler als jedes andere zuvor. Ich weinte viel, mein Vater versuchte mir Kraft zu geben, aber ich weinte immer noch. Ich weinte, den ganzen Weg, von der Wohnung bis zur S-Bahn und von der S-Bahn bis in den Zug.

Ich weinte die ganze Fahrt, ich telefonierte abwechselnd mit meinem Bruder und meinem Vater, doch der Schmerz ließ nicht nach. Das Loch wurde immer größer, je größer der Abstand zwischen mir und meiner Familie wurde.

Drei Jahre machte ich es schon mit, immer wieder musste ich mich von meiner Familie verabschieden, immer wieder weinte ich deswegen. Manch einer fragt sich jetzt bestimmt, wieso ist sie nicht einfach nach Berlin gezogen?

Die Antwort ist paradox: Ich kann nicht lang in der Nähe meiner Familie sein. Mit diesem Zwiespalt zu leben, hat mich krank gemacht. Jedes Mal diese tiefe Trauer und das Wissen, dass es anders nicht geht.

Als mein Zug kurz vor Nürnberg war, der Ort, an dem ich umsteigen sollte, ging ich zur Toilette und wollte mir ein Ticket kaufen, um wieder zurück nach Berlin zu kommen.

Aber ich konnte nicht zurück, ich wusste, dass es nicht geht.

Aber ich konnte nicht zurück, ich wusste, dass es nicht geht. Dort wartete mein depressiver Vater, ein stark kontrollierender älterer Bruder und mein kleiner Bruder auf mich, zu dem ich jahrelang ein eher mütterliches als geschwisterliches Verhältnis hatte.

Also alles ungesunde Scheiße, was zur Hölle sollte ich nur tun? Ich entschied mich dazu, umzusteigen und nach Hause zu fahren.

Dort angekommen wurde das Loch noch tiefer, ich war in einem riesigen, dunklen Haus, in dem ich jetzt nur noch alleine lebte, da alle ausgezogen sind. Das Haus war einmal mit so viel Leben gefüllt und jetzt war es einfach nur noch dunkel und schrie vor Einsamkeit. Ich war einsam.

Am nächsten Tag musste ich in die Schule, ich musste funktionieren, ich musste es schaffen, aufgeben ging nicht.

Am nächsten Tag musste ich in die Schule, ich musste funktionieren, ich musste es schaffen, aufgeben ging nicht. Ich hatte seit 24 Stunden nichts mehr gegessen, ich hatte kaum geschlafen, aber wen interessierte das schon? Ich sollte einfach nur funktionieren.

Es standen Klausuren an, ich habe es immerhin geschafft, mir ab und zu über den Tag verteilt einen Löffel Nutella in meinen Mund zu stecken, damit ich nicht unterzuckere und ohnmächtig werde. Der Druck war da, er war größer denn je.

Alles zählt für das Abitur! Jede Klausur, jede mündliche Note, jeder Tag war eine Prüfung und machte den Unterschied zwischen Erfolg und Versagen.

Ich hatte seit Tagen nicht mehr geduscht und hoffte einfach, dass man durch meine Deo-Wolke nichts davon mitbekommt. Ich hatte seit Tagen nicht mit meinen Freunden gesprochen. Ich hatte seit Tagen meinem Vater geschrieben, mit ihm telefoniert, um jeden kleinen Schritt mit ihm zu besprechen.

Es waren die simpelsten Dinge, wie Aufstehen, sich die Hefteinträge für die Klausur wenigstens einmal durchzulesen, einen Löffel Nutella zu essen, mich anzuziehen. Alles brauchte Zeit, weil ich erschöpft war durch den Kampf mit der Dunkelheit.

Therapeutin und Corona

Nach einigen langen Wochen, habe ich meinen Vater darum gebeten, mir eine Therapeutin zu suchen. Zwei Wochen später saßen wir zusammen bei ihr auf dem Sofa.

Es war ein Anfang, der Anfang von etwas Gutem. Wieder zwei Wochen später kam der Lockdown. Mein Vater holte mich ab und wir fuhren nach Brandenburg. In einem kleinen Dorf in der Uckermark machte ich wohl die entschiedensten Schritte meines Lebens.

In einem kleinen Dorf in der Uckermark machte ich wohl die entschiedensten Schritte meines Lebens.

Die Schule, das soziale Leben, der Leistungsdruck, alles war auf Stillstand gestellt. Niemand erwartete etwas von mir. Ich musste nichts leisten, ich musste mich nur um mich selbst kümmern und nicht mal das wirklich. Ich musste nicht einkaufen gehen und mir überlegen, was ich koche.

Ich durfte mich endlich mal wieder an den Tisch setzten und nur Kind sein. Das war das Beste, was mir hätte passieren können. Ich entwickelte Routinen gemeinsam mit meiner Therapeutin, ich fing an, jeden Morgen Sport zu machen, rauszugehen, und endlich mit meinem Vater zu reden.

Es gab viele Gespräche zwischen uns, ich musste oft weinen, doch es hat sich in mir etwas gelöst.

Es gab viele Gespräche zwischen uns, ich musste oft weinen, doch es hat sich in mir etwas gelöst. Ich habe ihm aufgezeigt, welche Momente mich verletzten. Momente, in denen ich Geborgenheit und Schutz gesucht habe, aber nur weggestoßen wurde.

Es brachte mir Verständnis und Heilung. Ich fühlte mich besser, die Dunkelheit um mich herum war verschwunden, das Einzige, was blieb, waren die Ängste vor Corona.Diese Ängste schwanken jetzt, genauso wie damals.

Der Lockdown hat mir die Chance gegeben, eine Pause zu machen, eine Pause die ich brauchte, um all meine Traumata zu verarbeiten. Dafür bin ich dankbar, ich weiß nicht, ob ich heute noch leben würde, wenn ich diese Pause nicht gehabt hätte.

Leben jetzt oder jetzt leben

Das Leben jetzt hat wenig mit jetzt leben zutun, vor allem für junge Menschen in meinem Alter. Ich bin 20 Jahre alt, würde gerne mit meinen Freunden feiern gehen, Partys schmeißen, Essen gehen, ins Kino gehen und neue Menschen treffen.

Stattdessen sitze ich hier auf dem Sofa in meiner Wohnung, trinke Tee und habe manchmal Angst. Ich bin im Moment an Corona erkrankt, alle in meiner Familie haben es, viele meiner Freunde sind krank.

Ich habe diese Pause gebraucht. Aber ich will jetzt leben!

Aber ich bin stolz auf mich, ich habe so viel geschafft in diesen zwei Jahren, ich habe meine Panikattacken, Verlustängste (zumindest größtenteils), Bindungsängste und mittelschwere Depression hinter mir lassen können.

Ich habe diese Pause gebraucht. Aber ich will jetzt leben!

Laura ist jung, manchmal ängstlich und verletzlich aber auch neugierig und voller Lebenslust. Und verliebt in das Leben!

Headerfoto: Athena (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

 

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