Blut ist nicht dicker als Wasser: Wie ich erkannte, dass mein Vater nicht gut für mich war

Ich bin ehrlich – ich denke nicht gerne zurück an meine Kindheit, ich kann die ‚schönen‘ Erlebnisse wahrscheinlich an einer Hand abzählen. Denn nichts war dominierender, furchteinflößender und bedrohlicher als die Präsenz meines Vaters. Und ich sag’s wie es ist: Diesen Satz jetzt so zu Wort bringen zu können, verlangt mir mehr ab als gedacht.

Nichts war dominierender, furchteinflößender und bedrohlicher als die Präsenz meines Vaters.

<Vater, der>. Der Mensch, der eigentlich dein sicherer Hafen sein soll. Der sich liebevoll um dich sorgt, dir die Welt zeigt, dir Fehler verzeiht und verständnisvoll auf dich als Heranwachsende:r reagiert.

Heute weiß ich, dass ein Kind diese Eigenschaften von den Eltern braucht und verdient. – Damals war mir das nicht klar. In meiner frühen Kindheit habe ich den häuslichen Umgangston niemals hinterfragt, ich habe das alles einfach so hingenommen, denn ich kannte es schließlich nicht anders. Ich kann mich genau daran erinnern, dass, wie schön ein Tag auch gewesen sein mochte, ich einen permanenten unglaublich bitteren Beigeschmack erlebte – der Beigeschmack der Angst. Und wisst ihr was? Angst schmeckt scheiße.

Die Angst war mein ständiger Begleiter

Angst legt sich wie ein grauer, schwerer Schleier über alles was dir Freude bereitet. Sie ist ein ständiger Begleiter. Und genau das verkörperte mein Vater bis in die Perfektion: Er war für mich eine permanente Bedrohung. Wie eine unberechenbare Naturkatastrophe, die von jetzt auf gleich über dich hereinbrechen kann. Und weil Kleinigkeiten dafür ausreichen konnten, befürchtete ich ständig den nächsten Ausbruch.

Mein Vater war wie eine unberechenbare Naturkatastrophe, die von jetzt auf gleich über dich hereinbrechen kann.

Vom eigenen Vater Gewalt zu erfahren, tut.. anders weh. Die blauen Flecken sind scheiße, ja; aber die vergehen wenigstens. Das, was bleibt, ist eine vernarbte Seele. Die Narben von den vielen Malen, als mein eigener Vater mir wieder und wieder sagte und zeigte, dass ich nicht gut genug bin. Dass ich nichts wert bin. Dass ich es nie zu etwas bringen werde. Und ja, 20 Jahre später, höre ich seine Stimme immer noch manchmal in meinem Kopf.

Weil Dinge in mir kaputt gemacht wurden, die nicht mehr repariert werden können. Auch 20 Jahre später, spüre ich das Holz des Kochlöffels, mit dem ich regelmäßig geschlagen wurde. Wenn ich nicht aufessen wollte. Wenn ich schlechte Noten nach Hause brachte. Ich spüre noch immer die Angst, die Wut, die Trauer, die Enttäuschung. – Und fuck ja, auch 20 Jahre später tut das alles immer noch verdammt weh.

Auch 20 Jahre später tut das alles immer noch verdammt weh.

Als Kind in so einer Situation versteht man das alles so gar nicht – bei den Freund*innen läuft das doch schließlich ganz anders als bei uns. Wieso ist deren sicherer Hafen WIRKLICH ein sicherer Hafen und meiner eher ein bedrohlicher Dämon?

Ich habe wahnsinnig lange gebraucht, um zu verstehen, dass es niemals meine Schuld war und ich ein ganz anderes Umfeld als Kind verdient und gebraucht hätte. Dass dieser Mensch mir nachhaltig geschadet hat. Ich hatte permanent riesige Angst etwas Falsches zu sagen, – also sagte ich in der Regel einfach gar nichts. Die komische introvertierte in der Ecke – hi, das bin ich.

Das Gefühl, nicht gut genug zu sein

Ich hatte bei allem, was ich anfing, Angst, nicht gut genug zu sein. Ich hatte große Schwierigkeiten, wirklich zu vertrauen. Die Liste ist so. verdammt. lang… Ich hatte schlicht und ergreifend das Gefühl, nichts wert zu sein. Als junge Erwachsene kam ich zum Glück irgendwann an den Punkt, zu verstehen, wo das alles herkommt: absolut kein Selbstvertrauen, geplagt von unzähligen Ängsten, aber wenigsten um die Erkenntnis reicher, dass mein Vater verantwortlich ist für so viele meiner psychischen Probleme. Also brach ich mit ihm.

…geplagt von unzähligen Ängsten, aber wenigsten mit der Erkenntnis, dass mein Vater verantwortlich ist für so vieles Schlechte in meinem Leben.

Ich habe in meinem Leben schon mit vielen Menschen gebrochen, die mir nicht guttaten und in den meisten Fällen ist mir das auch ganz problemlos gelungen, schließlich wird man unnötigen Ballast los, aber in diesem Fall erweist es sich nach wie vor als unglaublich schwierig. So richtig abschließen kann ich einfach nicht, ein Teil von ihm hängt irgendwie immer noch an mir. Wie das Herbstblatt, das eigentlich schon längst verwelkt ist, aber einfach nicht vom Baum fallen will.

„Er ist ja schließlich auch dein Vater? Seine DNA ist eben Teil von dir!“ – Blut ist also doch dicker als Wasser? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich sehr regelmäßig dabei erwische, an ihn zu denken. Mich zu Fragen ‚Was wäre, wenn‘. Zu überlegen, ob da noch eine Chance ist. Manchmal sind es lächerliche Kleinigkeiten, die diese Gedanken triggern. Wie die Tradition, dass der Vater die Braut bei der Hochzeit zum Altar begleitet. Total banal, oder? Aber ich heirate nächstes Jahr und guess what – dieser Gedanke kommt immer wieder.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Familie einzig und allein die Menschen sind, mit denen du dich gerne umgibst und die dir guttun.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Familie einzig und allein die Menschen sind, mit denen du dich gerne umgibst und die dir guttun. Seine Blutsfamilie sucht man sich eben nicht aus und manche haben einfach Pech, wenn es darum geht, in welche Verhältnisse sie reingeboren werden. Nur weil man mit jemandem verwandt ist, heißt das lange nicht, dass dieser Mensch Familie für dich ist. Mein Kopf weiß das längst. Vielleicht wird mein Herz das auch irgendwann verstehen, vielleicht bleibt es aber auch ein lebenslanger Prozess.

Ich wünsche allen Betroffenen von häuslicher Gewalt und/oder toxischen Elternbeziehungen ganz viel Kraft und spreche hiermit meine vollste Solidarität aus. Ihr seid nicht allein.

Du bist selbst von Gewalt in der Familie betroffen oder kennst jemanden, der/die betroffen ist? Hier findest du Hilfe und Rat:

www.frauen-gegen-gewalt.de/de/hilfsangebote.html

www.weisser-ring.de/haeuslichegewalt

www.hilfetelefon.de/gewalt-gegen-frauen/haeusliche-gewalt.html

www.big-berlin.info/dgs

 Lisa Bumble beschäftigt sich gern mit allem worüber niemand so richtig reden mag. Sex während der Menstruation, die Bedeutung der Schwanzlänge, Schönheitsideale von Vulven,… All das was tabu ist halt. Als Scannerpersönlichkeit hat sie eine absurde Vielzahl von Interessen und versucht damit immernoch jeden Tag aufs Neue ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Ach und außerdem dreht sie Pornos. Mehr über sie erfahrt Ihr auf ihrem Instagram-Profil.

Headerfoto: MART PRODUCTION (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

2 Comments

  • Kleine Randbemerkung: Man kann sich als Kind/Jugendlicher auch an das Jugendamt oder die Polizei wenden und um Inobhutnahme bitten. 🙂 Dann wird man sofort aus der Familie geholt und kommt erstmal in einer ION-Gruppe oder bei einer Bereitschaftspflegefamilie unter. Wenn man nicht zurück zur Familie kann/will, wird nach einer dauerhaften Lösung gesucht. Habt bitte den Mut, euch Hilfe zu suchen! Solche Zustände muss keiner aushalten!

    • Danke, dass du das erwähnst. Ich hoffe dass dies oft genug genutzt wird. :/

      Ich war auch von häuslicher Gewalt betroffen, als Kind/ Jugendliche auf dem Dorf hatte man (ohne Internet) leider so gar keinen Zugang zu Informationen.
      Ich habe mich total in der Aussage der Autorin wieder gefunden, dass man dachte, dass es normal ist – und zusätzlich dazu die Angst hatte von der Polizei nicht ernst genommen zu werden und ich war zwischen 10 und 17 Jahren so oft kurz davor diese zu rufen um dann doch wieder zu denken, dass die Schuld bei mir lag. Ich finde es total toll und wichtig, dass dieses Thema hier Präsenz findet ♡

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