Bisexualität heute: Wie aufgeklärt und tolerant sind wir wirklich?

Am Wochenende kurz im Park gewesen und belästigt worden. Warum? Gute Frage! Anlass war scheinbar, dass meine Freundin und ich ein Glas Wein auf der Wiese tranken und recht ausgelassen und fröhlich wirkten. Zumindest sah der druffe Dummkopf dies als Einladung, uns zuzutexten und wie selbstverständlich nach einem Glas Wein und einem Platz auf unserer Picknick-Decke zu fragen. Als wir höflich, aber bestimmt ablehnten, wurde er direkt aggressiv und drohte uns Schläge an. Er wollte einfach nicht gehen und unsere Ignoranz schien ihn auch wenig zu beeindrucken – im Gegenteil.

Keine Frau mag Gaffer, keine mag aufdringliche Sprüche, keine möchte einfach so angefasst werden und Gesten sehen, die eher Ekel als Geilheit wecken.

Zwei Abende zuvor: Same shit, different location. Ich datete eine schöne Frau und wir überlegten uns noch spontan, in den Club zu gehen. Zur späten Stunde hatten sich immer mehr Schaulustige um uns herum versammelt. Wenn wir uns küssten und die Augen öffneten, hatten wir jedes Mal aufs Neue Besuch. Keine Frau mag Gaffer, keine mag aufdringliche, primitive Sprüche, keine möchte einfach so angefasst werden und auch irgendwelche obszönen Gesten sehen, die eher Ekel als Geilheit wecken.

Geilheit, das ist euer Problem!

Unkontrollierte Geilheit – so unkontrolliert, dass scheinbar jegliche innere moralische Instanz aussetzt und auch der letzte Funken zivilisierten Verhaltens in sabbernde, aufdringliche Gier umschlägt. Natürlich darf an dieser Stelle nicht vergessen werden, dass auch diese temporär unliebsamen Gestalten nur ein Opfer ihrer (unterdrückten) Triebe sowie verzerrten Wahrnehmung von Frauen und demnach der Gesellschaft sind.

An dieser Stelle möchte ich nun aufzeigen, wie übergreifend und sexualisierend die Reaktionen auf Bisexuelle und das Verhalten ihnen gegenüber selbst im 21. Jahrhundert noch ist. Natürlich sind lesbische Frauen hier auch von betroffen – ebenso wie bisexuelle Männer.

Geilheit – so unkontrolliert, dass scheinbar jegliche moralische Instanz aussetzt und auch der letzte Funken zivilisierten Verhaltens in aufdringliche Gier umschlägt.

Trotzdem habe ich mich, in erster Linie aus egoistischen Gründen heraus, gefragt, inwiefern meine sexuell gleichorientierten (Leidens-)Genossinnen, ihren emotionalen Alltag meistern. Außerdem hat jede „Gruppierung“ irgendwo ihre Lobby und Menschen, die sich für eben diese einsetzen.

In den letzten Wochen habe ich einige bezaubernde Frauen zu ihren Erlebnissen im Alltag und den Reaktionen des Umfeldes und vor allem ihrer Partner auf ihr Outing befragt. Sie schilderten mir offen und ehrlich, emotional und persönlich von ihren unschönen Erlebnissen, aber gleichzeitig auch vielfältigen Bereicherungen, die ihre sexuelle Ausrichtung bislang für sie bereithielt. Einige wollen öffentlich zu Wort kommen, in Bild und Schrift, andere ziehen es vor, lediglich eine anonyme Stimme, ein unbekannterweise zitierter O-Ton, zu bleiben.

Schließlich geben sie damit bereits zu Beginn preis, dass sie sich nicht wohl mit der Offenlegung ihrer sexuellen Neigung und Wiedererkennung als bisexuelle Frau fühlen, die in der Öffentlichkeit über ihr doppelgeschlechtliches Liebesleben und in diesem Kontext auch unangenehmen Konfrontationen und beinahe verdrängten Situationen spricht.

Willkommen im 21. Jahrhundert: Wir sind so tolerant.

Christina (27), Nürtingen

Ihr Umfeld weiß von ihrer Bisexualität und seit Jahren lebt sie abwechselnd in Beziehungen mit Männern und Frauen. In der Öffentlichkeit fühlt sie sich jedoch mit Frauen unwohler, wenn es darum geht, Zärtlichkeiten auszutauschen. Die gaffenden Blicke und primitiven Anmachen stören sie ebenso wie die zuweilen aggressiven Ausbrüche, die sie bisher erleben musste.

Einschüchtern lässt sie sich davon jedoch nicht, auch wenn die mangelnde Zivilcourage sie manchmal an unserer Gesellschaft zweifeln lässt. Traurigerweise empfindet sie den aktuellen gesellschaftlichen Tenor als rückschrittlich:

„[…] die Gesellschaft ist heutzutage so verurteilend und beobachtend geworden, wie ich mich vor 10 Jahren nicht daran erinnern könnte. Man wird angeschaut, beobachtet, getuschelt, angepöbelt, sexuell angemacht.“

Das allgemeine Vorurteil, Bisexuelle seien hypersexuell und sexzentriert, empfindet sie als unsensibel. Sie betont, dass sie sich in Menschen verliebt und eben nicht in Geschlechtsmerkmale. Liebe besteht schließlich zwischen zwei Seelen. Mangelnde Toleranz und Gerede von außen sind ihrer Meinung nach Gründe, weshalb viele Frauen bis heute ihre bisexuelle Seite unterdrücken oder ihr doppelgeschlechtliches Verlangen einfach nicht weiter hinterfragen.

Das allgemeine Vorurteil, Bisexuelle seien hypersexuell und sexzentriert, empfindet sie als unsensibel. Liebe besteht schließlich zwischen zwei Seelen.

Ihren männlichen Partnern erzählt Christina gleich zu Beginn von ihrem Verlangen nach dem weiblichen Geschlecht, auch hier hat sie bereits die gesamte Bandbreite an Reaktionen erhalten. Von positiv-respektvollen Reaktionen, über dämliche Relativierungen bis hin zu einer direkten Degradierung zum Sexobjekt. Mehr Dreier – Yeah!

Christina, was wünschst du dir für die Zukunft unserer Gesellschaft?

„Dass die Menschen endlich aufgeschlossener werden. Sich mehr um ihre Nächsten kümmern, anstatt wegzusehen und tolerant sind. Nicht alles von vorne weg verurteilen und nichts damit zu tun haben wollen, sondern interessiert sein, sich anhören was ein anderer zu sagen hat.“

Alina (24), Köln

Alina bemerkte bereits früh, dass sie für Frauen ebenfalls etwas übrighatte. Aus Unwissenheit hinterfragte sie dieses Verlangen allerdings längere Zeit nicht weiter und ging auch viele Jahre nur Beziehungen mit Männern ein. Aktuell beschränken sich ihre Abenteuer mit Frauen ausschließlich auf sexueller Ebene, was nicht heißt, dass sich dies in der Zukunft nicht ändern kann.

Unschöne Erfahrungen hat sie leider auch schon machen müssen: Ein Clubbesuch, den sie mit ihrer schönen Begleitung früher beendete, weil die penetranten Blicke und primitiven Anmachen der männlichen Clubbesucher sie zu sehr belästigten.

Etwas Schlimmeres hat sie zum Glück noch nicht erleben müssen und auch ihr Outing, vor gerade einmal zwei Monaten, lief entspannt und verständnisvoll ab. Warum sie sich erst vor Kurzem offiziell outete? Dass ist noch so eine Besonderheit an ihrer Denkweise: Sie hält ein Outing generell nicht für nötig, da die Dinge sind, wie sie sind und keiner besonderen Etikettierung benötigen.

Warum sie sich erst vor Kurzem offiziell outete? Sie hält ein Outing generell nicht für nötig, da die Dinge sind, wie sie sind und keiner besonderen Etikettierung benötigen.

Ihre Sexualität beschreibt sie als etwas Flüssiges, etwas, was formbar ist und einfach mit den Dingen mitfließt. Aktuell lebt sie in einer offenen Beziehung, wo sexuelle Exklusivität eh keine Rolle spielt, dennoch könnte sie sich vorstellen, für ihre*n Partner*in noch einmal monogam zu leben. Zumindest würde sie es versuchen, jedoch ist die Entscheidung, eine offene Beziehung zu führen, unabhängig von ihrer Bisexualität entstanden.

Klischees über zahlreiche Dreier, die sich laut gesellschaftlichem Tenor ja quasi ergeben müssen, wenn die Frau bisexuell ist, kann sie nur belächeln. Natürlich wäre das eine schöne Bereicherung, aber in erster Linie geht es ihr darum, dass ihre Sexualität ernst genommen und nicht zu einer weiteren Männerfantasie degradiert wird.

Schlimmer sind für sie “…manchmal aber tatsächlich die Reaktionen anderer nicht bisexueller Frauen. Ich denke das hat dann etwas mit der Angst zu tun, man könne im Gegensatz zu den Bildern, die manche Männer beim Thema „Bisexuelle Frauen“ im Kopf bekommen, als langweilig gelten, weil man selbst „nur“ Männer mag. Das ist dann klassisches Konkurrenzdenken.“

Ja, das gibt es scheinbar auch unter Frauen.

Alina, was wünschst du dir für die Zukunft unserer Gesellschaft?

„Mehr Empathie, mehr Zuhören und mehr Wille, etwas, das man selbst nicht hat oder macht, trotzdem zu verstehen. Und mehr realistische Pornos!“

Tanita (29), Berlin

Tanita lebt zwischen den Welten: nicht nur in spiritueller Hinsicht. Aktuell verbringt sie die meiste Zeit in Berlin, kommt aber auch regelmäßig nach Hause in die Kölner Gegend, wenn sie nicht gerade in Südostasien rumreist und sich dort für mehr Achtsamkeit und Liebe im Alltag, zu sich selbst und zu anderen, einsetzt.

Sie bemerkte erst relativ spät, Mitte zwanzig, dass sie sich auch zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlt. Sie kommunizierte ihr Verlangen direkt offen, so wie sie es mit allen Dingen tut, und stieß damit weder vor ihrer Familie noch Freunden oder (Ex-)Partnern auf taube Ohren.

Sex geht für sie immer mit einer emotionalen Bindung einher und es seien oftmals Ängste, die die Menschen davon abhalten, ihre Wahrheit zu leben, sich zu entfalten.

Allerdings gab es auch männliche Ausnahmen, die sich von ihrer Bisexualität bedroht fühlten. Tanita fühlt sich in der Öffentlichkeit im zärtlichen Umgang mit einer anderen Frau völlig frei und auch sonst hat sie keine negativen Erfahrungen machen müssen, wodurch sie sich von den anderen Teilnehmenden abhebt. Das Leben besteht für sie aus Phasen und von festen Etikettierungen hält sie daher nichts, denn schließlich möchte sie im Moment leben und fühlen. Trotzdem begleitet sie bereits eine Vision:

Es gab eine Phase in der ich mich mehr zu Frauen als zu Männern hingezogen fühlte. Zurzeit ist es wieder anders herum. Langfristig möchte ich einen Mann an meiner Seite, mit dem ich eine Familie habe. Ich wäre aber auch offen dafür, eventuell eine andere Frau dabei zu haben.“

Beziehungen führte sie daher bereits zu mehreren Menschen gleichzeitig und aktuell befindet sie sich in einer monogamen Beziehung mit einem Mann – was ihr übrigens nicht schwerfällt. Sex geht für sie immer mit einer emotionalen Bindung einher und ihrer Meinung nach sind es oftmals Ängste, die die Menschen davon abhalten, ihre Wahrheit zu leben, sich zu entfalten.

Tanita, was wünscht du dir von unserer Gesellschaft?

„Dass wir uns trauen das auszuleben, was uns wahrhaftig erfüllt.“

Janina (26), Köln

Janina datet Frauen, seit sie mit 23 bemerkt hat, dass sie sich ebenso zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt. Monogamie und Bisexualität können für sie ebenso zusammengehören wie Heterosexualität und Polygamie. Für sie gilt nämlich Folgendes:

„Ich würde sagen, dass Monogamie nichts mit der sexuellen Orientierung an Geschlechtern zu tun hat. Entweder möchte man eine Vereinbarung der Exklusivität und entscheidet sich also für nur einen Menschen oder eben nicht. Ich denke, niemand ist von Anziehungen zu anderen Menschen als dem Partner befreit, es ist nur eine Frage der Vereinbarung und dem Willen diese einzuhalten oder eben nicht. Also wäre eine monogame Beziehung als Bisexuelle in gleichem Maße schwierig für mich, wie als rein hetero- oder homosexuell orientierter Mensch.“

Sie verliebt sich in Menschen, Persönlichkeiten und nicht in Geschlechtsmerkmale. Ein Merkmal, dass alle Teilnehmenden immer wieder betonen und von sich aus angesprochen haben. Auch Janina musste bereits nicht so schöne Erfahrungen machen, als sie in der Öffentlichkeit mit einer Frau Zärtlichkeiten austauschte.

Allerdings verurteilt sie niemanden – im Gegenteil! Sie ruft dazu auf, auch die Menschen zu verstehen, die vielleicht aus Angst, Unwissenheit, Erziehung oder was auch immer, mit Ignoranz und/oder Aggressionen reagieren.

Sie verliebt sich in Menschen, Persönlichkeiten und nicht in Geschlechtsmerkmale.

Mehr Mitgefühl – mehr Verständnis. Mit Frauen führte sie bis jetzt nur sexuelle Beziehungen, auch wenn die Gefühle für „mehr“ bereits vorhanden gewesen wären. Was die Zukunft bringt, weiß sie noch nicht, aber festlegen will sie sich definitiv nicht. Es kommt, wie es kommt. Hauptsache frei lieben, frei entscheiden!

Janina, was wünschst du dir für die Zukunft unserer Gesellschaft?

„Ich wünsche mir für unsere Gesellschaft, dass sich einiges ändert und viele Menschen endlich aufwachen, sich reflektieren und zumindest lernen, sich einfach nur die Frage zu stellen: Tut mir das gerade weh, wenn die sich küssen? Nein? Okay, dann ist das sowas von in Ordnung, was die da machen. ‚Das‘ lässt sich durch alles ersetzen und diese Fragestellung ist universell anwendbar.

Ich wünsch mir eine Gesellschaft, in der Menschen leben, die miteinander auskommen, in der das Gute siegt und Freiheit und Toleranz ALLES ist. Eine Gesellschaft, in der jeder authentisch sein Selbst ausleben kann und wobei alle friedlich in Harmonie koexistieren können. In der Zukunft soll niemand dem anderen etwas Böses wollen, es soll ein achtsames miteinander sein, in dem jeder vertrauens- und respektvoll behandelt wird.

Eine Gesellschaft voll mit Menschen, die ehrlich zu ihren Gefühlen stehen können, in der alle im Einklang mit allem sind. Eine Akzeptanz für heterogene Gruppen mit heterogener sexueller Vielfalt, es ist dort nicht mal nötig, benannt zu werden. Ich wünsch mir mehr Liebe, mehr Verstand, mehr Toleranz und Akzeptanz- mehr Achtsamkeit für unsere Gesellschaft.“

Anonym, Koblenz

Warum diese Stimme anonym bleiben möchte? Ihr direktes Umfeld in ihrer Heimat und die weiterhin scheinbar nicht existenten freien Denkmuster in unserer Gesellschaft sind der Grund dafür. Hiermit beantwortet die schöne Frau auch gleich die Frage, wieso Monogamie bzw. ihr Scheitern für sie nichts mit ihrer Bisexualität zu tun hat:

„…nicht nur wegen meiner Bisexuellen Neigung. Auch grundsätzlich bin ich der Meinung, dass der Mensch biologisch nicht für Monogamie geeignet ist. Der Mensch ist zwischen schätzungsweise 150.00-300.000 Jahre alt und lebt erst seit ca. 12. 000 Jahren zivilisiert –  mehr oder weniger. Ich denke, dass die Biologie uns deutlich stärker beeinflusst als uns bewusst ist und wir wahrhaben möchten.

Monogamie ist in unseren Genen ursprünglich nicht einprogrammiert. Für das Lebensglück ist ein fester Partner, auf den man sich immer verlassen kann, wesentlich! Dafür muss man meiner Meinung nach nicht monogam leben. Diesen Spagat hinzubekommen, ist allerdings extrem schwierig und bedarf ganz anderer und freier Denkmuster als wir sie aktuell in der Gesellschaft haben.“

Sie und ihr Ehemann haben sich also nach einigen Jahren dazu entschieden, ihre Beziehung zu öffnen und auch andere Menschen an ihrem Sexleben, zusammen oder getrennt, teilhaben zu lassen. Ein schöner Kompromiss, der lediglich durch die Tatsache überschattet wird, dass die beiden ihn nicht öffentlich ausleben und dazu stehen können. Bisexualität stellt auch für sie nach wie vor lediglich das kleine „b“ in der LGBTQ+ Community dar. Selbst Homosexualität empfindet sie inzwischen als salonfähig und gesellschaftlich akzeptierter.

Sie und ihr Partner haben trotzdem beschlossen, ihr Verlangen nicht weiter zu unterdrücken. Zu ihrem eigenen Wohl und vor allem zum Wohle der Beziehung.

Sie und ihr Partner haben trotzdem beschlossen, ihren Weg zu gehen und ihre Bedürfnisse, ihr Verlangen nicht weiter zu unterdrücken. Zu ihrem eigenen Wohl und vor allem zum Wohle der Beziehung. Die beiden sind bereits Eltern und mal ganz ehrlich: Wieso sollte Sex denn eine intakte Familie zerstören?

Was wünschst du dir für die Zukunft unserer Gesellschaft?

„Schwierige Frage! Ich finde, wir sind auf einem guten Weg und die Toleranz steigt immer weiter gegenüber Menschen, die nicht der Norm entsprechen. Aber es gibt noch Luft nach oben. Ich persönlich, die gerne Sex mit mehr als nur einem Menschen hat, wünsche mir, dass ein offener Umgang mit Sex nicht in die Schmuddelecke gesteckt wird.

Und vor allem, dass Frauen, die sexuell komfortabel sind, gerne viel Sex haben und das nicht immer mit demselben Partner, nicht mehr den Schlampen-Stempel aufgedrückt bekommen oder zumindestens die Nase gerümpft wird. Dies erlebe ich leider immer wieder. Es ist schon unfassbar, dass eine Frau als „eklig“ beschimpft wird, wenn sie mehrere Sexualpartner hat.“

Trauriges Fazit

Ich bin euch unendlich dankbar, dass ihr euch die Zeit genommen habt, die Fragen zu beantworten und auch nicht davor zurückgescheut habt, eure unschönen Erlebnisse als auch intimsten Gedanken preiszugeben.

Außerdem hat es mir gezeigt, dass Redebedarf besteht – mehr als das!

Es kann doch nicht sein, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden und im Alltag trotzdem noch mit Diskriminierung und Intoleranz aufgrund von sexuellen Neigungen zu tun haben?! „Oversexed and underfucked“, alles wird sexualisiert, obwohl der Sex scheinbar eine Bedrohung darstellt. In diesem Fall: die bisexuelle Bedrohung. Mir ist bewusst, dass sexuelle Belästigung o.ä. kein Problem ist, dem ausschließlich doppelgeschlechtliche Frauen ausgesetzt sind – im Gegenteil! Schlimm genug.

Erschreckend wie viele der Teilnehmerinnen Klischees bestätigten und gleichzeitig unter ihnen zu leiden haben. Jede einzelne von ihnen hat bereits zu Beginn recht deutlich betont, dass sie sich in Menschen, in Persönlichkeiten, in Seelen verliebt – und nicht in Geschlechtsmerkmale. Auch hat keine von ihnen das Vorurteil bestätigt, aufgrund ihrer sexuellen Neigung nicht monogam leben zu können.

Besser noch: Allesamt ließen heraushören, dass Monogamie für sie ein rein gesellschaftliches Konzept und dazu noch nicht einmal das Beste ist. Wie auch? Hundertausendjahre Evolutionsgeschichte sprechen dagegen. Anderes Thema: nächstes Mal!

Ich kann mich meinen Interviewpartnerinnen nur anschließen und für eine tolerantere, offenere und in erster Linie achtsamere Gesellschaft plädieren.

Ich kann mich meinen Interviewpartnerinnen nur anschließen und für eine tolerantere, offenere und in erster Linie achtsamere Gesellschaft plädieren. Vielleicht ist es mir mit diesem Text ja gelungen, die anhaltenden Missstände und Widersprüche in unserer Gesellschaft zumindest kleinteilig aufzuzeigen. Vielleicht fühlt sich die eine oder andere Leserin verstanden, vielleicht fühlt sich der ein oder andere Leser verurteilt.

Ich verurteile niemanden, denn ich will ja schließlich auch nicht verurteilt werden. Höchstens von mir selbst, aber das geschieht oft genug. (Mehr Selbstliebe!) Aber wenn wir nicht anfangen, nach den Ursachen für das Fortbestehen von sexuellen Stereotypen zu suchen, um eben genau diese aufzulösen, dann steuern wir zukünftig lediglich auf einen gesellschaftlichen Rückschritt statt Fortschritt zu.

Wäre das nicht paradox? Freie Liebe ist anders. Freiheit auch. Es gibt eben nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch viele spannende, wunderbare Zwischentöne.

Headerfoto: Stephan Lode / www.instagram.com/stephanlode („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

NADINE studierte nach dem Abitur an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Romanistik und Geschichte (Bachelor of Arts) und Internationale Geschichte der Neuzeit (Master of Arts). Aktuell arbeitet sie als Model und Ghostwriterin, um genug Zeit für ihre Recherchen und Gedanken zu haben und sich das Schreiben zu finanzieren. Das Reisen ist eine ihrer größten Leidenschaften, ebenso wie Literatur, Philosophie, Soziologie und (Kultur-)Geschichte. Als bisexuelle Frau in einer offenen Beziehung teilt sie auf ihrem Blog und Instagram, als auch auf Facebook persönliche Erlebnisse und spricht über (Bi-)Sexualität, (offene) Beziehungen und Achtsamkeit. | Foto der Autorin: Fabian Stuertz.

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