Anders betrachtet: Wir haben verdammtes Glück

Gefühlt steht die Welt still, sie hält den Atem an, wartet, bis etwas passiert – nichts ist mehr normal, alles ist anders, jeder Morgen ist auf komische Art und Weise ungewiss. Und ausgerechnet in dieser seltsamen Situation – oder vermutlich gerade deswegen – wird mir das erste Mal in meinem Leben bewusst, wie privilegiert ich eigentlich lebe, wie viele Freiheiten ich genieße, wie unabhängig, selbstbestimmt und offen ich mein Leben gestalten kann. Seit über 25 Jahren stand mir gefühlt jede Himmelsrichtung und jede Möglichkeit offen, aber damit war‘s das jetzt erstmal.

Plötzlich ist mein normales Leben unterbrochen, ein kleines Virus, das ich nicht mal sehen, riechen oder begreifen kann, hat einfach auf Pause gedrückt und erst jetzt fällt mir auf, wie frei ich war.

Für wie lang – das kann mir keiner sagen. Plötzlich ist mein normales Leben unterbrochen, ein kleines Virus, das ich nicht mal sehen, riechen oder geschweige denn begreifen kann, hat einfach auf Pause gedrückt und erst jetzt fällt mir auf, wie frei ich war. Erst dadurch, dass ich es nicht mehr darf, fange ich an zu schätzen wie unbeschwert ich mich bewegen konnte, wie viele Wege mir offenstanden, welche Möglichkeiten mir diese Welt bietet und wie erfüllt und großartig mein Leben ist.

Wir alle werden gerade gezwungen, anzuhalten, abzuwarten, Rücksicht zu nehmen und zurückzustecken. Zu unserem eigenen Wohl und dem Wohl Anderer. Wir alle müssen unser privilegiertes Leben auf unbestimmte Zeit unterbrechen, um genau das wiederzubekommen. Genau auf das verzichten, was der Lohn für diesen Verzicht sein wird.

Mich nervt das alles – dass ich nicht mehr ohne nachzudenken durch die Straßen gehen, meine Freund*innen, meine Familie, all diese Menschen, die mir so unfassbar viel bedeuten, einfach treffen und fest in den Arm nehmen kann. Dass ich meine Liebe für sie gerade am meisten zeige, indem ich ihnen fernbleibe. Dass ich nicht reisen, keine neuen Orte entdecken kann, meine Kollegen nicht sehe, nicht durch die Bars ziehen und die Nacht zum Tag machen, diese ätzende Phase nicht einfach überspringen kann.

Ich bin genervt, ich bin sauer, ich bin frustriert, ich bin traurig. Und trotz all dem bin ich, so kontrovers das klingt, auch glücklich.

Im genauen Gegensatz zu so ziemlich allem leben zu müssen, was meine Werte und Eigenschaften ausmacht. Ich bin genervt, ich bin sauer, ich bin frustriert, ich bin traurig. Und trotz alldem bin ich, so kontrovers das klingt, auch glücklich. Gefühlt steht die Welt still, sie hält den Atem an, wartet, bis etwas passiert – und gibt mir dadurch Zeit, Raum und Gelegenheit, zu reflektieren. Gibt mir die Chance, mein privilegiertes Leben zu erkennen. Zeigt mir auf, wie es eigentlich aussieht, wie bunt und erfüllt es ist und bringt mich durch den Stillstand dazu, endlich mal zu erkennen und anzuerkennen, was ich alles habe und wie stolz ich darauf sein kann.

Ich bin genervt, weil ich limitiert werde. Eben weil ich sonst ständig Neues erleben kann, Dinge unternehme, grenzenlose Möglichkeiten habe. Ich bin sauer, weil ich mich einschränken muss und endlich mein normales Leben zurückwill – aber das zeigt doch nur, dass mein normales Leben unglaublich schön ist. Ich bin frustriert, weil mir die Decke auf den Kopf fällt – aber wenigstens in einer Wohnung und einer Stadt, die ich mein Zuhause nenne, in der ich mich wirklich wohl fühle und die ich einfach nur als schön und lebenswert empfinde.

Es ist ein Privileg, etwas zum Vermissen zu haben

Ich bin traurig und ich vermisse so sehr, dass es wehtut. Und warum? Weil ich das große Privileg habe, diese Menschen, die mir gerade so sehr fehlen, zu meiner Familie und meinen Freunden zählen darf.

So verrückt das klingt, aber diese Zeit gerade ist irgendwie auch eine gute – sie ist mit Sicherheit anstrengend, entbehrungsreich und konfus und für viele Menschen auch ganz bestimmt noch mehr als für mich. Menschen, die sich täglich den Arsch aufreißen, während ich einfach nur mit dem eben Erwähnten auf meinem Sofa bleiben muss. Aber für mich persönlich hat diese Zeit auch dafür gesorgt, näher zu mir zu kommen, vieles zu lernen und zu erkennen und endlich mal wieder dankbar und zufrieden mit mir und meinem Leben zu sein.

Es gibt weiterhin Tausende von Möglichkeiten, die für den Moment vielleicht eingefroren aber sicher nicht für immer verloren sind.

Denn lässt man mal den ganzen unnötigen Nonsens aus, über den man sich sonst so aufregt – es bleibt einfach nur ein großes Potpourri Glück, zusammengesetzt aus den besten Freund*innen der Welt, einer Familie, die immer hinter mir steht, einem Job, den ich mag und der mir ein Einkommen einbringt, mit dem ich mein Leben so gestalten kann, wie es mir gefällt, einem Studium, das mir Spaß macht und mich dazu noch weiter nach vorne bringt; und es gibt Tausende von Möglichkeiten, die für den Moment vielleicht eingefroren aber sicher nicht für immer verloren sind.

Wir werden wieder normal leben können. Wie lang das dauert, kann uns niemand sagen – was ich aber weiß ist, dass ich mein Leben dann sicher anders wahrnehmen werde. Ich werde es zu schätzen wissen, mit meinen Freund*innen in der Sonne zu sitzen, meine Geschwister zu umarmen, morgens ins Büro zu fahren, am Samstag unbeschwert und ohne Maske über den Markt zu schlendern, Kaffee mit meinen Mädels trinken zu gehen, mit meinen Kommiliton*innen Unsinn zu machen, in stickigen Clubs die Nacht durchzutanzen und bei Sonnenaufgang auf dem Weg nach Hause eine schlechte Pizza zu essen.

Ich werde lachen, ich werde meine Freund*innen umarmen und sie lange nicht mehr loslassen und ich werde glücklich sein – noch mehr als ich es jetzt schon bin. Und bei dem Gedanken an das „Morgen“, an dem mein normales Leben sein Comeback hat, werde ich buchstäblich zum Honigkuchenpferd.

Gefühlt steht die Welt still, sie hält den Atem an, wartet, bis etwas passiert – und erinnert uns daran, was für ein verdammtes Glück wir haben.

Svenja bezeichnet ihre Freunde als ihre Familie, ist ständig unterwegs, langweilt sich schnell und bekommt immer unterstellt, dass sie viel zu schnell und auch gern etwas zu laut spricht. Wenn’s dann doch mal ruhiger ist, bringt sie ihre Gedanken aufs Papier – vorzugsweise nachts und nach einem Glas Wein.

Headerbild: Maks Styazhkin via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild zugeschnitten.) Danke dafür!

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