Alle meine Orgasmen waren vorgetäuscht – wieso jetzt endlich Schluss ist mit dem Fake

Mit 32 Jahren stelle ich fest, dass ich sehr wenig über die Sexualität im Allgemeinen und meine eigene im Besonderen weiß. Nein wirklich! Wusstet ihr, dass es unterschiedliche Erregungsmodi gibt? Ich nicht. Die Art und Weise, wie ich seit meiner Pubertät masturbiere, hielt ich immer für abnormal. Wie kam ich überhaupt auf diesen Gedanken? Allein die Tatsache, dass ich meinen Ausdruck der Selbstbefriedigung bewertete und kategorisierte und mich dafür schämte, offenbart mein verschwurbeltes Denken.

Ich überlege die ganze Zeit, woran es gelegen haben könnte. Vielleicht lag es an meinem Elternhaus. Ich konnte nie offen über solche Themen mit meinen Eltern sprechen. Als ich meine erste Regelblutung bekam, rannte ich panisch zum Drogeriemarkt und kaufte Binden, ohne genau zu wissen, was da passiert und was ich machen sollte. Es war mir zu peinlich, mich an meine Mutter zu wenden.

Oder unser völlig unzureichender schulischer Aufklärungsunterricht ist schuld daran. Was haben wir schon in der Schule über Lust, Begehren, Bedürfnisse und Vorlieben gelernt? Gar nichts. Lediglich etwas über Anatomie und Verhüttung.

Trotz langjähriger Beziehung waren meine Orgasmen immer vorgetäuscht

Mein erstes Mal hatte ich mit meinem ersten Freund, als ich 18 war. Wir waren neun Jahre zusammen. Und neun – sehr lange – Jahre habe ich einen Orgasmus vorgetäuscht. Jedes verfickte Mal. Nach ein paar Jahren habe ich es gehasst, mit meinem Ex-Freund zu schlafen. Der Sex wurde weniger. Als er aus seinem halbjährigen Auslandssemester zurückkam, hieß ich ihn am Kölner Hauptbahnhof willkommen. Mein erster Gedanke, als ich ihn sah, war: „Oh Fuck. Jetzt muss ich wieder Sex haben.“ Und trotz dieses Gedankens waren wir noch ein Jahr zusammen.

Wenn ich mich zurückerinnere, war es eine furchtbare Zeit. Ich fühlte mich nicht selbstbestimmt. Ich wurde nicht dazu gezwungen, fühlte mich aber gezwungen. Versteht mich nicht falsch: Ich bezeichne mich als Feministin. Nicht im Sinne heteronormative Frauen gegen heteronormative Männer und erst mal muss es den anderen schlechter gehen, bevor es uns besser geht, sondern im Sinne von wir – alle Geschlechter und sexuelle Formen – entscheiden gemeinsam, wie wir zusammen leben wollen.

Und dennoch hatte ich seit meiner ersten sexuellen Erfahrung das merkwürdige Gefühl, dass es beim Sex nicht um mich geht, nicht um meine Bedürfnisse, meine Vorlieben, nicht um meine Lust, mein Verlangen, meinen Orgasmus, sondern um seine Bedürfnisse, seine Vorlieben, seine Lust, sein Verlangen, seinen Orgasmus. Diese Machtverschiebung ging gar nicht von meinen Partnern aus, zumindest nicht bewusst. Es lag an mir. Ich war stumm. Warum bloß?

Ich hatte seit meiner ersten sexuellen Erfahrung das merkwürdige Gefühl, dass es beim Sex nicht um mich geht, nicht um meine Bedürfnisse, meine Vorlieben, nicht um meine Lust, mein Verlangen, meinen Orgasmus, sondern um seine Bedürfnisse, seine Vorlieben, seine Lust, sein Verlangen, seinen Orgasmus.

Vier Jahre nach der Trennung habe ich gebraucht, um überhaupt wieder an diesen Teil meines Lebens zu denken. Vier Jahre Enthaltsamkeit und vier Jahre Therapie. Danach hatte ich nur wenige Partner. Ich wollte mich dem Stress und dem Druck nicht aussetzen. Denn jedes Mal, wenn ich mich auf jemanden körperlich eingelassen habe, lief derselbe Film in meinem Kopf ab:

„Hat es ihm gefallen?“, „Was könnte ich tun, damit es ihm noch besser geht?“ Weder in meinen Affären noch in meinem eigenen Kopf hatte ich für mich selbst Platz eingeräumt. Ich konnte mich nie fallen lassen, weil ich permanent dabei war, eine Performance abzuliefern.

Letztes Jahr habe ich einen Mann kennengelernt. Wir hatten einen holprigen Anfang. Er ist älter, hat Kinder, ich habe mir eine Auszeit genommen und bin weggegangen. Und dennoch war es dieser Mann, von dem ich nicht gedacht habe, dass wir ein Jahr später noch immer zusammen sein werden. Dieser Mann zeigte mir, dass Sexualität mehr ist als ein Akt der Penetration. Er zeigte mir, dass Sex ein Ausdruck von Intimität, Nähe und Geborgenheit ist.

Indem er zärtlich und behutsam auf meine Bedürfnisse einging, zeigte er mir, dass diese auch zählten. Er ist mit sich und seiner Sexualität in einer Weise im Reinen, von der ich nur träumen kann. Er fordert nichts, muss sich nichts beweisen, kann seine Bedürfnisse zurücknehmen und mich in den Mittelpunkt stellen. Ich kann mich in den Mittelpunkt stellen.

Endlich kein Vortäuschen mehr

Da war nur eine Sache, die alles ziemlich kaputt machte. Ich täuschte es wieder vor. Von Anfang an. Es war zermürbend. Ich kam aus der Nummer irgendwie nicht mehr raus. Wir sprachen jedoch bereits über das Heiraten, das Zusammenziehen, das Kinder kriegen. Sollte ich die nächsten 40 Jahre einen Orgasmus vortäuschen? Bei dem Gedanken wurde mir kotzübel. Vor zwei Tagen, als wir abends im Bett lagen, platze es mir heraus. „Ich bin noch nie beim Sex gekommen“, waren Worte, die ich noch nie zu irgendjemandem gesagt habe. Er guckte mich an und meinte: „Ich weiß.“

Er wusste es! Ich habe mit jeder Reaktion gerechnet, nur nicht mit dieser. Meine Performance à la Hollywood war ganz passabel. Ich war gut, aber anscheinend nicht gut genug. Auf die Frage, warum er mich nicht darauf angesprochen hätte, antwortete er lediglich, dass er mir so viel Zeit lassen wollte, wie ich gebraucht hätte. Und wenn es noch fünf Jahre gedauert hätte, hätte es noch fünf Jahre gedauert. Tja, was soll ich sagen? Seit diesem Abend liebe ich diesen Mann noch ein bisschen mehr.

Anna nimmt sich gerade eine Auszeit vom Leben. Das Leben hat sie trotzdem eingeholt. Man kann von sich selbst nicht weglaufen. Das ist bisher ihre wichtigste Lektion im Leben.

Headerfoto: Benjamin Suter via Unsplash. („Körperliches“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

3 Comments

  • Liebe Mädels. Vielen Dank für diese schönen Rückmeldungen. Es ist beruhigend zu wissen, dass ich damit nicht alleine dastehe und meine Erfahrungen auf Resonanz stoßen. Ich bin davon überzeugt, dass wir – Frauen – private und öffentliche Räume brauchen, um über unsere Erfahrungen zu sprechen, den gängigen weiblichen Stereotypen zu widersetzen und unsere Sexualität zurück zu erobern. Wenn ihr Lust habt, euch zu vernetzten, so würde ich mich darüber freuen.

  • Wow. Und Danke. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob ich je einen Orgasmus hatte. Ja, da war oft das Gefühl nach mehr, nach einer sich wahnsinnig aufbauenden Lust und dann war ich irgendwann auch erfüllt und wurde ruhiger. Doch das soll es schon gewesen sein? Ich habe mich doch nie ganz fallen lassen können, irgend ein Fünkchen Vernunft hat mich hier in dieser Welt festgehalten und ich hab das große Finale doch irgendwie vorgetäuscht. An ihn gedacht. An das, was er in dem Moment von mir erwartet? Glaub ich. Ich weiß es nicht und das klingt mega bescheuert. Ja, ich hatte definitiv tollen Sex, aber wie sollte es sich anfühlen? Alle Geschichten und Beschreibungen klingen so,…pompös, sie groß, oder gibt es auch ganz kleine Orgasmen und das ist ganz normal und gut so. Bin ich, ist mein Körper vielleicht gar nicht zu mehr fähig? Chaos im Kopf. Umso schöner zu lesen, dass es noch mehr Frauen gibt mit solchen Gedanken.
    Meinen Glückwunsch zu diesem tollen Mann auf jeden Fall.

  • Oh man. DANKE, DANKE, DANKE für diesen Artikel. Du hast mir echt das Leben gerettet. Ich dachte wirklich das ich der einzigste Mensch bin der das so in dieser Konseqenz durchzieht. Mir geht es EXAKT genauso. Leider habe ich irgendwie auf ein happy end gehofft. Aber wir sind hier nicht in Hollywood. Das du es einfach gesagt hast ist großartig. Ich würde so gerne mehr erfahren…. Danke für diesen Artikel ❤️

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