Was ich mal sagen wollte: Eine Reform für den Sexualkunde-Unterricht, bitte!

Viereinhalb Jahre ist es her, dass ich die Schule verlassen habe. Dass ich den Sexualkundeunterricht besucht habe nochmal länger. Was ich aber noch genau weiß, ist, dass er schlecht war.

Was mich damals schockiert und traumatisiert hat, ist die Nahaufnahme einer Geburt. Ein Close-Up auf eine Vulva, die ein Kind hervorpresst. Ja, das ist etwas völlig Natürliches, aber nicht das, was Vollpubertierende beschäftigen oder weiterbringen würde.

Wir lernten, Kondome über Holzpenisse zu stülpen, sahen uns ein Wärmekameravideo von einer entstehenden Erektion an und sprachen über sexuell übertragbare Krankheiten. Vor allem HIV und AIDS. Wichtige Sache, ohne Frage! Die meisten anderen Krankheiten wurden allerdings bloß angerissen oder ganz ausgelassen. Was beispielsweise Chlamydien und HPV sind, erfuhr ich erst 2018 bei meiner neuen Frauenärztin.

Konsens und weibliche Lust waren kein Thema.

Konsens und Lust waren kein Thema. Erregung wurde ausschließlich anhand eines erigierten Penis gezeigt und der Höhepunkt der Lust durch dessen Ejakulation. Dass es auch für Menschen mit Penis mehr als das gibt wurde ausgespart, ebenso wie Menschen mit Vulva Lust empfinden.

Der Unterschied zwischen Vagina und Vulva wurde auch nicht erwähnt. Ebenso wenig Lebenswege abseits von Heterosexualität und Cis-Gender. Oder aber, was mit dem Körper bei einer Schwangerschaft wirklich passiert oder passieren kann.

Ich wusste nicht, dass die Geburt im Liegen nur eingeführt wurde, weil sie für den betreuenden Arzt bequemer ist.

Ich wusste beispielsweise nicht, dass die Geburt im Liegen, die man auch oft in Filmen sieht, sehr anstrengend für die gebärende Person ist, schnell zum Dammriss führen kann und nur eingeführt wurde, weil sie für den betreuenden Arzt bequemer ist.

Ich wäre dafür, bundesweit zu diesem Thema externe Sexualpädagog*innen einzuladen, die dafür ausgebildet sind. Keine beschämten, prüden Lehrer*innen, die man als Schüler*in immer wieder sieht, schon kennt und die die Situation für alle Beteiligten ausschließlich unangenehm machen.

Ich habe mich damals mit der Zeitschrift Bravo und dem Internet aufgeklärt.

Ich habe mich damals mit der Zeitschrift Bravo und dem Internet aufgeklärt. Alle möglichen verrückten Sachen gegoogelt und mir angeschaut. Heute kann man das noch weniger verhindern als damals. Aber man kann dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche die richtigen Ansprechpartner*innen haben, um ihre Fragen zu stellen und um ggf. richtigzustellen, was sie im Internet oder generell unserer sexualisierten Welt gesehen und gelernt haben.

Ich wünsche mir einen Sexualkundeunterricht mit einer unaufgeregten Darstellung der Diversität von Geschlechtern, Körpern und sexuellen Vorlieben, ohne in die heterosexuelle Matrix zurück zu fallen. Einen Unterricht, der Menschen eine positive Einstellung zu Sexualität vermittelt.

Für Großbritannien ist ab 2020 eine solche Reform bereits im Gespräch. Dort ist die umfassende Überarbeitung des Sexualkundeunterrichts an Schulen geplant. Der britische Bildungsminister Damian Hinds kündigte ein neues Curriculum an, es sollen Themen wie Menstruation, Verhütung, Genitalverstümmelung, Zwangsehen, häusliche Gewalt und unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten behandelt werden. Vergleichbares wäre auch für Deutschland an der Zeit.

Headerfoto: brookecagle via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als intersektional denkende, sexpositive Oueer-Feministin, Bi-Aktivistin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Kolumnistin und Podcasterin (Gedanken einer Sexfluencerin). Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere über Sexualität, Liebe, Beziehungen & Schönheitsideale), queeren Themen sowie zu Diversitätsbewusstsein und Anti-Diskriminierung allgemein. So auch in ihrer Kolumne „Was ich mal sagen wollte“ bei im gegenteil, die es mittlerweile auch als Buch gibt. Melina hat einen Bachelor of Arts in Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ihren Master of Arts in Journalistik und Kommunikationswissenschaft absolvierte sie an der Uni Hamburg. In ihrer Masterarbeit behandelte sie – wie soll es auch anders sein – feministischen Journalismus und die Frage, ob feministische Journalist:innen einen beruflichen Rollenkonflikt erleben. Mehr von Melina kann man auch in ihren Büchern Traum(a), LIEBEN & LEIDEN und Kopf. Stein. Pflaster lesen.

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