Zwischen Freundschaft, Nostalgie, Liebe und Sex – Aus „Wir“ wurde „Ich“

Du und ich – es gab schon einmal ein Wir. Ich habe mich damals gegen uns entschieden, weil ich mich nicht mehr entwickeln konnte. Für mich war die Trennung tatsächlich der einzige logische Schritt. Mit 17 Jahren hat sich das verdammt erwachsen und gut angefühlt.

Die Jahre gingen ins Land und mir wurde bewusst, dass du ein großartiger Partner warst. Viele Werte, die wir in unserer Beziehung gelebt haben, haben ihren wahren Wert für mich erst offenbart, als ich von anderen „Vorstellungen“ ausgesetzt war. Ich vermisste dich, vermisste uns. Erkannt habe ich das alles erst einige Zeit nach der Trennung.

Viele Werte, die wir in unserer Beziehung gelebt haben, haben ihren Wert für mich erst offenbart, als ich von anderen „Vorstellungen“ ausgesetzt war.

Du hattest dich längst neu verliebt, warst glücklich und bist umgezogen. Ich wollte dir so gerne sagen, was ich seit Jahren in meinem Herzen trug. Ich konnte nicht. Ich weiß nicht, ob ich mich selbst schützen wollte oder ob ich deine neue Beziehung nicht stören wollte. Ich tat nichts. Wir schrieben hier und da und ich schaute immer wieder, ob sich dein Beziehungsstatus geändert hatte. Es tat sich nichts und irgendwann kam ein Zeitpunkt, an dem ich für mich akzeptieren musste, dass ich dir nie sagen würde, was ich empfinde.

Bye, bye Single-Leben!

2017 änderte sich mein Liebesleben und ich verliebte mich. Nach über 8 Jahren war da wieder jemand, der dir irgendwie das Wasser reichen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass er ein aufrichtiger, ehrlicher und loyaler Partner sein konnte. Bis Anfang 2019 lief das auch wirklich gut. Dann geschah sehr viel.

Einer deiner Freunde erzählte mir, dass du getrennt warst. In meinem Kopf kamen tausende Gedanken hoch, tausende Emotionen strömten durch meinen Körper. Es tat mir leid, dass du verlassen wurdest. Ich wollte dir schreiben. Ich konnte nicht – schon wieder! Ich wollte meine Beziehung nicht gefährden. Ich tat nichts – schon wieder! Und dann hat mich mein Freund verlassen. Eigentlich hatte er es nur angedeutet, aber ich wusste, dass er es tun würde.

Oder tat ich doch etwas? Hatte ich meine Beziehung sabotiert, weil ich von deiner Trennung erfahren hatte? Ich wusste nur eins: Ich musste dir schreiben!

Willst oder kannst du mich retten?

Also schrieb ich dir ein paar Zeilen. Irgendwie etwas Oldschool bei facebook, aber ich hatte keine Handynummer von dir. Natürlich gab es noch die Möglichkeit, dass du mir nicht antwortest oder wir nur kurz in Kontakt stehen.

Und dann schrieben wir. Anfangs über unsere Ex-Beziehungen, die wir beide noch nicht abgeschlossen hatten. Du wolltest sie zurück und ich ihn. Wir überlegten, was wir ihnen schreiben konnten, teilten unseren Schmerz und dann trafen wir uns.

Als ich dich zum ersten Mal wiedersah, blieb mein Herz kurz stehen.

Als ich dich zum ersten Mal wiedersah, blieb mein Herz kurz stehen. Aus dem Moped wurde ein Motorrad, was dich noch etwas attraktiver machte. Unfassbar! Ich fühlte mich wie damals. Obwohl wir uns jahrelang nicht gesehen hatten, war sofort eine tiefe Vertrautheit da.

Aus einem Treffen wurden noch viele weitere. Anfangs redeten wir viel über Schmerz, über Trennung, über die Enttäuschung. Wir heilten uns gegenseitig. Wir hörten dem jeweils anderen zu und wussten, wie der andere fühlte. Vielleicht hast du mich auch davor bewahrt, noch mehr zu zerbrechen. Aus Gesprächen über Trennungen wurden Gespräche über uns. Gespräche, warum wir damals scheiterten. Gespräche darüber, wie wir uns entwickelt haben und was wir uns wünschen.

Mit dir war es einfach, weil wir uns kannten und weil wir auch nichts zu verlieren hatten.

Aus den Gesprächen wurde mehr. Wir wurden wieder intimer, hatten Sex.  Meist ist der erste Sex nach einer Beziehung irgendwie seltsam und auch schwierig. Mit dir war es einfach, weil wir uns kannten und weil wir auch nichts zu verlieren hatten. Und jetzt ist alles verdammt kompliziert!

Wie viele Worte brauchen wir eigentlich, um die Beziehung zwischen dir und mir zu beschreiben?

Ich öffnete mich dir und sagte dir, was ich alle Jahre für mich behalten hatte. Du warst mehr als überrascht. Du konntest es nicht glauben. Es folgten offene Worte, viele Fragen und noch mehr Tränen.

Jetzt stehen wir irgendwo zwischen Freundschaft und Beziehung, zwischen Nostalgie und Liebe, zwischen Zukunftsplänen und unverbindlichen Sex, zwischen Exklusivität und Single-Sein, zwischen Freundschaft Plus und Halbbeziehung. Ganz selbstverständlich schreiben wir uns „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“, telefonieren irgendwo dazwischen und versuchen, am Leben des anderen teilzunehmen. Wir versuchen uns regelmäßig zu sehen und ich weiß selbst nicht, was wir nun füreinander sind.

Du bist tief in mir verwurzelt und ich würde dir blind vertrauen.

Es gibt ein paar Sachen, die ich weiß. Du bist tief in mir verwurzelt und ich würde dir blind vertrauen. Wir teilen identische Werte, wenn es um Beziehungen geht. Wir sind uns ähnlich und bleiben trotzdem Individuen. Du hast deine Hobbies, ich habe meine Hobbies und dafür nehmen wir uns getrennt Zeit. Wir hören zu und reden über jedes Thema, egal wie ernst oder emotional-aufwühlend es ist.

Was ist, wenn…?

Und ich stelle mir seit geraumer Zeit so viele Fragen: Gibt es Seelenverwandtschaft? Wieso sind wir nach über 10 Jahren noch so verbunden? Haben so ein gutes Verständnis für den anderen? Wie wird es sich anfühlen, wenn es kein uns mehr gibt? Gibt es ein zu früh für manche Beziehungen? Brauchten wir diese Zeit, um uns als Mensch und als Partner neu und tiefer kennenzulernen? Verfolgt uns der Geist unserer alten Liebe?

Ob und wann ich die Antworte auf diese Fragen finden werde, weiß ich nicht. Bis dahin vertraue ich auf mein Herz und genieße die Zeit und vor allem dich.

Scarlett lebt mitten in Deutschland – in der Nähe vom Harz. Sie hat zwei Masterabschlüsse und will nun in eine größere Stadt zurück. 2019 war ihr härtester Lehrer und hat ihr viel über sich selbst beigebracht, sie herausgefordert und all ihre Erfahrungen möchte sie nun mit der Welt teilen.

Headerfoto: Stockfoto von Elena Helade/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

4 Comments

  • Dein Text hat mich sehr berührt! <3
    Mir erging es fast genauso. Unser erstes heimliches Treffen vor über zehn Jahren hat mich zutiefst verwirrt zurückgelassen.
    Ich war jung & vergeben. Doch ich wusste, dass er der Mann ist, der mein ganzes Leben verändern wird. Ich lebte weiterhin diese ewige "Jugendliebe" und dachte dabei ständig an ihn. Der digitale Kontakt brach nie ab; tiefe Sehnsucht, Tag für Tag.. Keine Menschenseele wusste von uns. Nun, nach so vielen Jahren haben wir uns füreinander entschieden und es ist pure Magie.

    • Hey Michelle, aktuell läuft es ganz gut. Wir wohnen in einer Stadt und geben uns die Zeit, zusammenzuwachsen. Auf einige äußere Umstände habe ich wenig Einfluss und muss diese halbwegs vernünftig angehen.

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