Zwei Nächte wie auf Drogen: Ich war verloren in dir und wollte nicht gerettet werden

Die Tram hielt, ich musste aussteigen, blieb stattdessen sitzen und fuhr eine Station weiter. Ich war zu früh und noch immer unmotiviert, in der Kälte zu warten. Hinter dem Fenster mit Regentropfen an der Scheibe, sah ich dich in der Dunkelheit. Es gab keinen Zweifel. Ich war mir sofort sicher, dass du meine Verabredung bist. Fünf Minuten später bekam ich eine Nachricht in der Dating-App, du wärst bereits an der Bar und wartest. Wir hatten noch keine Handynummern ausgetauscht. Ich war kein großer Dating-Freund, erst recht nicht von Blinddates, und fragte mich, wieso ich mich nach zwei Abenden Schreiben mit dir traf.

 Du hieltest mich gefangen und ich versuchte nicht, mich zu befreien.

Ich betrat die Bar, als du gerade deinen Kaffee bestelltest. Sich umzuschauen war nicht mehr nötig, es war klar: Du bist es. Bevor du den zweiten Satz zu Ende gesprochen hattest, war ich in deinem Bann.

Mit der Getränkekarte in der Hand saßen wir nebeneinander auf einer Bank, statt zu lesen, drehte ich sie in alle Richtungen, hielt mich an ihr fest. Nicht vor Nervosität, sondern um zu verhindern, von meiner Wolke zu fallen. Ich, die kühle, nüchterne, sachliche Steinbockfrau, die ihre letzte Beziehung wegen zu wenig Emotionen beendet hatte, war innerhalb von zehn Minuten heillos verloren. Verloren in dem, was du sagst, in deinem Blick, in deiner entspannten, lockeren, unaufdringlichen, lustigen Art. Du hieltest mich gefangen und ich versuchte nicht, mich zu befreien.

Ich zweifelte keine Sekunde daran, wie das auf dich wirkt. Es fühlte sich richtiger an als alles zuvor.

Ich weiß nicht mehr, über was wir alles redeten, bis zu deiner Frage, ob wir weiterwollen oder lieber schlafen gehen sollten. Für einen Moment war ich wieder in der Realität und merkte, dass der Abend enden könnte und ich frei gelassen oder ausgesetzt werden würde. Ich wäre überall mit dir hingegangen, nur um bei dir zu sein, scheinbar ging es dir genauso. Es fühlte sich richtiger an als alles zuvor.

Ich war der Darsteller in meinem eigenen Traum und hatte keinen Einfluss auf das Drehbuch. Deine Wohnung war kühl, aber in deiner Nähe war alles unwichtig. Wir kochten und redeten ununterbrochen. Unsere Blicke wichen nicht voneinander ab. Ich war fixiert, gefangen, verloren, eingetaucht in deinen Augen. Die Spannung war nicht mehr auszuhalten. Du küsstest mich, gefolgt von der Frage, ob ich bleibe. Ich hatte nicht vor, in dieser Nacht wieder zu gehen und das war anscheinend auch nicht deine Intention.

Gemeinsam rauchten wir zwei meiner Zigaretten, Seite an Seite an deinem Fenster. Selbst in diesem Moment waren wir uns so nah und vertraut auf eine Art, die mir komplett neu war. Gleichzeitig fühlte es sich an wie das Normalste der Welt.

Es gab keine Fragen in meinem Kopf, nur das Verlangen, alles aufzusaugen und zu teilen, über alles zu reden und gleichzeitig die Stille mit dir zu genießen. Wir küssten uns, redeten und schliefen eng verschlungen ein, ohne miteinander zu schlafen. In keinem Moment kam ich auf die Idee, irgendetwas zu hinterfragen.

Es war wie eine Afterhour zu zweit verbunden mit den stärksten Glücksgefühlen.

Betrunken vor Glück, high vor Emotionen. Ich hatte kein Bedürfnis mich zusätzlich zu betäuben oder aufzuputschen, so wie in den Monaten davor. Ich war wie auf den besten Drogen, die ich je genommen hatte. Und der Zustand blieb, man musste nicht nachlegen, es gab keinen Kater am nächsten Morgen, stattdessen einen Kuss als Wecker, Kaffee und Frühstück nach meinen Wünschen nur für uns beide.

Ein Blick auf mein Handy bestätigte, dass ich alles um mich herum vergessen hatte: Treffen mit Freundinnen, Wecker, Uhrzeit, jeglichen Sinn für die Realität. Selbst diese Erkenntnis weckte mich nicht aus meinem Traum. Aufwachen ließ ich nicht zu. Es war wie eine Afterhour zu zweit. Du hast ein bisher unbekanntes Gefühl in mir ausgelöst.

Mir war klar, ich musste gehen, die Schatten der Nacht aus meinem Gesicht schminken, doch ich kam nicht gegen diese magische Anziehung an. Das starke Glücksgefühl und deine Wirkung auf mich schwächten nicht ab. Es gab keine Sättigung, keine Toleranz. Auch keine Gier nach mehr. Es war einfach da. Du, das Gefühl, wir zusammen, diese Perfektion und diese Vollkommenheit zwischen uns.

Wie ein Magnet wurde ich angezogen. Wir waren beide müde, doch die Magie hielt uns wach.

Als wir schließlich in deinem Auto saßen, vor meiner Tür, ließ die Wirkung schlagartig nach. Ich musste aufwachen, erstmal aussteigen, allein, ohne dich. Jetzt war es soweit. Doch ich wachte nicht auf, du hattest gerade nachgelegt, mich für heute Abend zu dir zum Essen eingeladen. Das Hoch wurde noch stärker.

Wie ein Magnet wurde ich angezogen, wir waren beide müde, doch die Magie hielt uns wach. Wir verschmolzen wieder bei dir und ich blieb. In dieser Nacht schliefen wir zusammen, was alles noch perfekter machte. Liebevoll, zärtlich und zugleich leidenschaftlich, alles, was ich auch bin, und nie dachte woanders zu finden, war plötzlich neben mir.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich vor lauter Rauschgefühlen nicht, dass ich süchtig geworden war und du die härteste Droge warst, die ich jemals genommen hatte – mit dem schlimmsten Entzug als Konsequenz.

Dieser begann, als ich Montagmorgen den Schutz deiner Arme verließ. Nach zwei Tagen wolltest du mich zum ersten Mal nicht mehr mit Nachschub versorgen. Ich war wie ein Süchtiger, der dich anfleht, mir dieses Gefühl zurück zu geben, zumindest noch einmal. Ich weiß nicht, ob auch ich deine Droge war und du nur so reagiert hast aus Angst, süchtig zu werden.

Für mich war es bereits zu spät. Ich war völlig verloren in unserer Welt, in meinem Traum, in dem ich die Kontrolle abgegeben hatte und nur noch eine hilflose gefangene Darstellerin war, die nicht gerettet werden wollte.

Marie-Christine ist 30 Jahre und hat kein Problem damit. Sie fühlt sich wohl mit sich selbst und ist zufrieden mit ihrem Leben. Ihre kleine Familie hat sie mit vielen Freunden bereichert, verbringt dennoch gerne auch Zeit alleine. Sie ist auf der Suche nach Freiheit kombiniert mit Geborgenheit und der Möglichkeit anzukommen, ohne Drama und sich selbst aufzugeben. In ihrer Single-Zeit hat sie Geschichten für ein ganzes Buch erlebt, von lustig über traurig zu unfassbar. Ihre Freunde müssen zu dieser Zeit keine Serien schauen. Dennoch ist sie sich sicher, dass alle diese Geschichten etwas Gutes haben und das eigene Glück nicht von Außen abhängig sein soll. Somit bleibt sie weiterhin für die vielen interessanten Seiten des Lebens offen.

Headerfoto: Artem Kim via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

1 Comment

  • So ein toller Text! Ich habe es gerade ganz ähnlich erlebt, samt des kurzfristigen Kennenlernens, der sofortigen Vertrautheit und leider auch mit dem plötzlichem Ende und bin immer noch auf „Entzug“. Danke!

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