Zuhause im Winter ohne Dich: Von Monstern im Kopf und Höhlen im Bett

Es ist kalt draußen. Kalt genug, um keinen Fuß vor die Tür setzen zu wollen. Wir schreiben die Zeit, in der die Sonne schon vor Wochen verlernt hat, dass sie zum Strahlen gemacht ist. In der Raureif die knochigen Äste bedeckt und der Welt ihre Kontraste nimmt.

Es ist kalt draußen. Und wir schreiben die Zeit, die gefährlich ist für zerbrechliche Herzen. Alles vor dieser Tür scheint gefährlich – und selbst hier drinnen, in meinem selbsterbauten Königreich, das nach dir und nach mir und nach Zuhause riecht und die Fusseln meiner bunten Wollsocken in dunklen Ecken sammelt, scheint es nicht sicher zu sein.

Bett, Höhle. Zufluchtsort. Decke über den Kopf. Wenn ich die Welt nicht sehen kann, kann sie mich auch nicht sehen.

Bett, Höhle. Zufluchtsort. Decke über den Kopf. Wenn ich die Welt nicht sehen kann, kann sie mich auch nicht sehen. Ging das denn nicht ganz genau so? Aber selbst hier – oder vielleicht am allermeisten hier – finden die Monster mich am Ende doch.

Seit ich denken kann, gehören die Schattenphasen zu meinen Wintern dazu. Die Tränen, die grundlose Verzweiflung, diese allumfassende Leere in meinem Bauch. Nach jeder Schattenphase so hoffnungslos hoffnungsvoll darauf, es könnte die Letzte gewesen sein. Trugschluss. Sie holen mich immer wieder ein.

Gestern Nacht saß ich mit dem Telefon am Ohr im Bett und habe versucht, dir zu erklären, wie sich all das anfühlt. Machtlos, habe ich gesagt, und verloren. Es ist, als säße ich da und würde ganz genau verstehen, was hier passiert. Würde ganz genau begreifen, dass mein Kopf mir Streiche spielt, und dennoch gleicht es schon dem allergrößten Kraftakt, nur meine Füße aus dem Bett und unter die Dusche zu bewegen.

Utopisch, zu denken, ich käme einfach so gegen all die Monster an.

Utopisch zu denken, ich käme einfach so gegen all die Monster an. Es schmerzt, dass du gerade jetzt nicht hier bist, um mich festzuhalten. Als hätte mein Kopf mit dieser ganz besonderen Party gewartet, bis du ein paar Tage unterwegs bist, um bloß mit mir allein zu feiern.

Ich fühle mich abhängig, wenn ich mir eingestehe, wie sehr ich dich gerade bräuchte. Wie sehr ich gerade überhaupt einen Menschen bräuchte, der mir bewusst macht, dass die Welt nicht untergeht und ich in ein paar Tagen wieder okay sein werde. So, wie es immer ist. Ich könnte kotzen, weil ich mich schwach fühle und wertlos und weil dieses Stück Selbstsicherheit, das sonst in mir drin wohnt, gerade lieber in einer Ecke des Schlafzimmers sitzt und mich argwöhnisch dabei beobachtet, wie ich heulend auf dem Bett hocke und alles bedaure.

Aber dann sitze ich da und starre aus dem Fenster und es ist tröstlich zu sehen, dass die Zeit vergeht. Dass nach dem Morgen ein Mittag kommt, an dem ich mir Spaghetti koche, weil ich weiß, dass ich jetzt doch mal etwas essen sollte. Dass nach dem Mittag ein Nachmittag und dann ein früher Abend kommt, gefolgt von einem sehr späten Abend, der mir bewusst macht, dass ich den Tag geschafft habe. Und die darauffolgende Nacht mag einsam sein und die Monster im schwarzen Loch unter meinem Bett tanzen lassen, aber unweigerlich folgt ihr ein neuer Morgen, der die Dunkelheit vertreibt.

Es ist tröstlich zu sehen, dass es weitergeht. Einfach so, ohne dass ich dafür etwas tun müsste.

Es hat sich angefühlt, als würde ich für eine Weile dieser Leere im Bauch und der Machtlosigkeit davonlaufen. Langsam nur, aber stetig.

Heute Mittag habe ich es geschafft, meine Laufschuhe anzuziehen. Dazu zwei Leggings und drei Pullover übereinander, mit Kopfhörern in den Ohren, die die Welt draußen halten, aber ich bin rausgegangen. Ich bin noch nie sonderlich gern Laufen gewesen und habe gejapst, weil die Eiseskälte mir die Luft genommen hat. Aber es hat sich angefühlt, als würde ich für eine Weile dieser Leere im Bauch und der Machtlosigkeit davonlaufen. Langsam nur, aber stetig.

Und nun sitze ich an meinem Schreibtisch, mit dem zweiten lauwarmen Kaffee des Tages, und beobachte immer wieder die Dunkelheit dieses frühen Abends, während ich meine Gefühle und Gedanken aufschreibe für Menschen, die überhaupt nicht wissen, dass es mich gibt. Für Menschen, die vielleicht mit Unverständnis keinem einzigen Wort hier eine Berechtigung einräumen, weil sie denken: Jeder ist mal traurig, was ist da schon dabei?

Aber auch für Menschen, die vielleicht jedes einzelne Wort mit Verständnis in sich aufnehmen und mit dem ganz kleinen Ansatz eines Lächelns wissend nicken, weil sie all diese Gefühle viel zu gut kennen.

Ich schreibe all diese Worte auf ­– für mich. Um mich daran zu erinnern, dass ich mir Schattenphasen eingestehen darf.

Ich schreibe all diese Worte auf ­– für mich. Um mich daran zu erinnern, dass ich mir Schattenphasen eingestehen darf. Dass ich am Telefon weinen und überhaupt auch manchmal einfach schwach sein darf, und Menschen dann trotzdem immer noch hinter mir stehen. Mir bewusst machen, dass der Großteil von all dem einfach nur in meinem Kopf passiert. Kleine Schritte. Ablenken. Nicht zu viel nachdenken.

Manchmal sind Bettdecken einfach zum Verstecken gemacht. Deine Stimme am Ohr, die mir wieder und wieder sagt, dass wir immer noch echt sind.

Wenn ich später schlafen gehe, wache ich morgen wieder auf. Wenn ich ein weiteres Mal schlafen gehe, wird deine Stimme an meinem Ohr immer noch da sein. Und dann auch wieder deine Hände auf meinem Bauch und die Wärme deines Körpers, wenn du mit in meine Höhle kommst. Und wenn ich noch ein paar Mal mehr schlafen gehe, werde ich aufwachen, und die Sonne wird scheinen. Die Monster unter meinem Bett mögen keine Sonne, das weiß ich genau. Und bis dahin. Kleine Schritte.

Headerfoto: Frau sitzt auf einer Bank (Stockfoto) via Evgeny Hmur/Shutterstock. („Wahrheit und Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

LUISA ist Wahlhamburgerin. Seit sie „irgendwas mit Medien“ fertig studiert hat, arbeitet sie als freie Texterin und Konzeptionerin. Damit Kunst und kreatives Chaos in so einem Erwachsenendasein allerdings nicht zu kurz kommen, macht sie außerdem ein bisschen Musik, manchmal schöne Bilder und ganz viel mit Worten. Zum Beispiel auf Poetry-Slam-Bühnen. Dort redet sie über Emotionen, Beziehungen und den ganz normalen Wahnsinn. Wann das Leben für sie am schönsten ist? Mit guten Freunden, leckerem Vino und Gesprächen ganz weit weg von Smalltalk!

1 Comment

  • Den Text hätte ich schreiben können. Es passt fast jedes Wort und ich kann dieses Gefühl absolut nachempfinden. Mit Liebeskummer und einem zerbrechlichen Herzen fällt es schwer, diese Zeit zu überstehen. Sicher wird es wieder besser werden, nur der Weg dahin macht einem Angst. Aber: „…bis dahin. Kleine Schritte.“ 👌🏻

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