Zerzaustes Blond in meinem Bett

Zerzaustes Blond. Warme, weiche Haut. Süßer Mädchenduft. Zehn Quadratmeter Zimmer. 1,40er Bett. Etwas zu weiche Matratze. Ist in die Jahre gekommen. Was soll‘s. Für uns reicht es allemal. Für diesen Moment. Wie lächerlich es klingt – wenn ich ihn einfrieren könnte, ich würde. Mehrfach. Vom Kennenlernen, vom ersten Blick bis zum Jetzt. Nahezu perfekt. Fast. Fast, weil nie etwas perfekt ist im Leben. Ohnehin ist Perfektionismus fiktiv. Eine Erfindung.

Sie muss gehen. Will nicht. Ich will sie nicht gehen lassen. Aber sie muss. Will jetzt gehen, weil sie weiß, dass ich es nicht will. Spielt sie mit mir? Ist das ihr Luxus? Emotionaler Luxus? Sich einer Person sicher zu sein und deshalb mit ihr das ganz eigene tägliche, kleine Spielchen aufzuziehen? Vielleicht übertreibe ich. Vielleicht ist sie genauso verknallt wie ich. Sie behauptet es. Ich hoffe es, weiß es aber nicht. Wieso nicht ewig hier liegenbleiben, keine Wörter, nur wir? Hier und Jetzt.

Dann rasselt es über meinen Kopf wie Kieselsteine. Sie muss weg. Sie hat einen Freund. Ich bin nur Einwechsler, wäre gern mehr. Er wohl nur noch Gewohnheits-Freund, wäre gern mehr. Sie ist die Unentschlossene, die Marionettenspielerin, hält die Strippen lang. Zieht mich an, weist mich ab. Vermisst mich, ist eiskalt. Will mich sehen, denkt, dass wir Abstand halten sollten. Entscheidet sich nie, weil sie nicht kann. Vielleicht nicht will. Ich unterstelle nichts. Wer immer versucht, sich alle Türen offen zu halten, verpasst irgendwann den Punkt, an dem er plötzlich allein im dunklen Flur steht. Ich wünsche es ihr nicht, ahne aber, dass es früher oder später ihr Karma werden könnte. Was genau tun wir hier?

Ach, die Vernunft. Schlimmster Gegner des Herzens.

Wir treffen uns wieder allein. Zu zweit. Aufregung. Dann dieser Blick, diese Augen und ich weiß wieder, wieso ich nicht von ihr loskomme. Es soll unser letztes Treffen bleiben. So habe ich es mir vorgenommen. Wir kochen. Lachen. Es fühlt sich gut an. Dann reden wir. Ich sage alles, was ich denke. Sie muss ziemlich schlucken, ab und zu zieht sie die Mundwinkel nach unten und schaut länger auf den Boden, aber es fällt ihr schwer, Emotionen zu zeigen. Alles in allem ist es besser, wenn wir uns nicht mehr sehen, nicht mehr schreiben. Funkstille. Vernünftiger für alle Beteiligten, Leidenden und Liebenden. Ach, die Vernunft. Schlimmster Gegner des Herzens.

Abstand. Nicht wirklich mein Wunsch, aber ich muss das Ganze endlich regeln, bevor es mich zerreißt. Wir beide werden nie ernsthaft zueinander finden. Auch, wenn da mehr ist, es sich nach mehr anfühlt. Ich will. Sie kann nicht. Ist gefangen in sich selbst, ihren alten Mustern, Sicherheiten und gibt viel auf die Meinung anderer. Stellt sich lieber hinten an, anstatt sich vorzudrängeln. Wartet lieber ab, bis das Leben endlich irgendwann beginnt. Es wird schon noch schöner werden. Irgendwann.

Ein letzter Schluck Wein. Ein letzter trauriger Blick, noch mal entrinnt uns etwas Verliebtheit, innige Umarmung, etwas zu lang, als dass es nicht direkt wieder das Herz berühren würde. Dann fahren wir gemeinsam auf eine Party. Mit dem Rad blind durch die Dunkelheit. Wie passend. Ab dort wollen wir uns ignorieren und den Kontakt vermeiden. Es schreibt sich leichter als es sich anfühlt. Wir sitzen weit auseinander, ab und zu treffen sich unsere Blicke unsicher. So nah und doch so fern.

Sie füllt meine Minuten und Momente, Tag für Tag.

Zerzaustes Blond. Warme, weiche Haut. Süßer Mädchenduft. Zehn Quadratmeter Zimmer. Nächster Morgen. Was genau tun wir hier eigentlich? Haben wir uns gestern Abend tatsächlich so missverstanden? Oder sind wir einfach nur schwach und naiv? Auf jeden Fall scheinen wir beide keinen allzu großen Wert auf emotionale Abschiedsgespräche à la gestern Abend zu legen. Ich habe die Zügel abgegeben. Schon länger, als ich mir eingestehen möchte. Sie zieht mich an. Ich verliebe mich oft. Aber selten richtig. Meist nur Schwärmerei. Träumerei. Nicht so bei ihr. Sie füllt meine Minuten und Momente, Tag für Tag. Besser, sie weiß es nicht. Sie hat ohnehin schon zu viel Kontrolle.

Ich sitze allein auf der roten Ledercouch. Sonderlich bequem war sie noch nie aber heute … passt sie zu meinem Gemüt. Heute bleibe ich allein. Sie kommt nicht mehr. Ich melde mich nicht mehr bei ihr. Wir haben verstanden. Vorbei. Die schöne, aufregende Zeit. Herzklopfen jeden Tag. Das war Verliebtsein. Ich hatte fast vergessen, wie es sich anfühlt. Umso intensiver das Gefühl, desto vielfacher scheint sich die Einsamkeit danach zu potenzieren. Heute kommt niemand mehr. Nur ich. Ich habe das Alleinsein verlernt. Das wiegt viel schwerer. Innere Leere ist kein emotionales Hochgefühl.

Aber es scheint richtig. Vielleicht bin ich nicht ihr Lieblingskapitel. Zu viel habe ich durcheinander gewirbelt, was vorher wohl seine Ordnung hatte. Vielleicht blättert sie irgendwann dennoch im Guten zurück zu den Seiten der letzten Monate und muss ein wenig schmunzeln. So wie ich in diesem Moment. Weil ich daran denke, wie naiv wir beiden waren, so oft schon, in so vielen Situationen, immer und immer wieder aufs Neue. Naiv genug, um wirklich zu denken, wir könnten Abstand halten. Naiv genug, um ernsthaft zu glauben, wir würden unsere Gefühle einfach so kontrollieren können. Am Ende aber doch nicht naiv genug, um mehr zu versuchen. Irgendwie schade. Irgendwie witzig. Ich glaube, irgendwie ein ganz großes Stück von ihr und mir eben.

Jakob ist ein 25-jähriger Freigeist. Zumindest behaupten das die meisten Menschen um ihn herum. Chronisch rast- und ruhelos mit dem ständigen Versuch, diesen Durst durch Reisen zu stillen. Manchmal fühlt er sich als verlorener Träumer und letzter einsamer Romantiker in einer Gesellschaft, die kein Lieblingsgericht mehr ohne laufenden Fernseher zu sich nehmen kann und Multitasking als etwas Positives empfindet. Die Stadt seiner Träume hat er in Gestalt von Leipzig gefunden. Sein Zukunfts-Ich sieht sich selbst als letzten verbliebenen Junggesellen auf den Hochzeiten seiner Freunde betrunken und erfolglos die Brautjungfern anflirten, weiß aber, dass sowieso immer alles anders kommt.

Headerfoto: Akhil Lincoln via Unsplash.com. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

 Danke dafür.imgegenteil_Jakob

9 Comments

  • „Naiv genug, um wirklich zu denken, wir könnten Abstand halten. Naiv genug, um ernsthaft zu glauben, wir würden unsere Gefühle einfach so kontrollieren können. Am Ende aber doch nicht naiv genug, um mehr zu versuchen. Irgendwie schade. Irgendwie witzig. Ich glaube, irgendwie ein ganz großes Stück von ihr und mir eben.“

    – dieser Abschnitt, so wunderschön. So wahr und so traurig zugleich.

  • Oh. Genau so waren meine letzten Wochen. „Vorbei. Die schöne, aufregende Zeit.“ Danke, dass ich lesen konnte, dass ich nicht allein damit bin und es andere genauso schlecht und recht verkraften.

  • Kompliment – wundervoll formuliert! <3
    Du sprichst mir aus der Seele, als hätte ich meine eigene Geschichte noch einmal 1:1 durchlebt. <3

  • wahnsinnig guter Artikel! spricht mir aus dem Herzen. Fatale Kombination,Herz an Hirn Kommunikation und umgekehrt, Turbulenzen..aufregend, leidenschaftlich.Ein Spiel auf Zeit dass zu schön ist und doch auch zu viel Energie kostet. Mitspielen und akzeptieren oder schleunigst und konsequent raus. Kenne ich sehr gut! anstrengend…

    vielen dank!

  • bitte dieses große Lob an Jakob weiterleiten!
    Ich glaube, dass viele sich darin wieder erkennen. Wir erinnern uns an Personen zurück, mit denen wir auch schon diese Situationen erlebt haben. Aber wieviele geben dies offen zu? Rastlos und leer sein ist doch wirklich nicht „hipster“ in unserer coolen Gesellschaft.

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