Zeitreise ohne Wissenschaft -Wie uns bestimmte Songs auch nach Jahrzehnten noch berühren

Eine Staubwolke umgibt mich, ich schmecke den Sand auf der Zunge und eigentlich flehen meine Füße nach einer Pause. Doch wir tanzen, springen und schreien die Songtexte mit, die uns basslastig entgegendröhnen. Mein erster fester Freund reißt mich an sich, seine Lippen sind rau und seine Haut lässt kaum noch ihre ursprüngliche Farbe erahnen.

Wir küssen uns leidenschaftlich und kippen im nächsten Moment die widerliche Mische runter, die wir in Tetrapaks auf das Festivalgelände geschmuggelt haben. Freiheit — die leben wir nicht nur an diesem Wochenende, die konservieren wir in Songs und die spüre ich noch bis kurz vor meinem 18. Geburtstag.

Gänsehaut und Tränen in den Augen.

Eine Emotionsflut die mich niederreißt und vergessene Momente und Gefühle durchleben lässt. Jeder Song einer lange vergessenen Playlist spült eine neue Welle durch meinen Körper. Plötzlich bin ich wieder ein Teenie. Mein abgegriffener MP3-Player liegt vor mir, nur die Kopfhörer sind neu und ich höre nun glasklar, wie schlecht die Qualität einiger Stücke doch ist. Dafür sind meine Erinnerungen gut, überwältigend und voller Sehnsucht nach längst vergangenen Tagen.

Ich liebe Musik, fast so sehr wie ich Worte liebe. Beide ermöglichen es mir meine Stimmung festzuhalten oder widerzuspiegeln. In beiden finde ich auch immer einen Teil meiner früheren Ichs wieder. Aber es ist vor allem die Musik, die mich bereits mit den ersten Klängen eines bestimmten Songs in eine bestimmte Zeit katapultiert. Eine Zeitreise, ganz ohne Science-Fiction Technologie.

Ich liebe Musik, fast so sehr wie ich Worte liebe. Beide ermöglichen es mir meine Stimmung festzuhalten oder widerzuspiegeln.

Vor einigen Wochen las ich in einem Interview, dass es dieses bestimmte Alter gibt, in dem wir versuchen, ein konsistentes Ich aufzubauen. Wir fragen uns, wer wir eigentlich sind, wohin wir wollen, was unser Platz in der Gesellschaft ist. In einem Moment fühlen wir uns unbesiegbar und im nächsten werden wir von allem überwältigt und flüchten uns in Musik. Wir leben die Melodie, fühlen den Text, den Schmerz oder die unendliche Freude jedes Songs. Wie können wir da nicht gedankenschwer jedem dieser Lieder eine besondere Bedeutung beimessen, auch Jahrzehnte später?

Überallhin begleitet mich mein persönlicher Soundtrack of Life. Vor allem zwei meiner Lebensabschnitte sind intensiv, voller Musikemotionen, und wenn ich mir nun Playlists dieser Zeit anhöre, stehe ich wieder in der alten Schützenhalle. Es stinkt nach Zigaretten und schwitzenden Körpern. Wir fiebern jedem Song entgegen, den der DJ auflegen wird. In der Schlange waren wir noch nervös, unsicher, ob wir überhaupt reingelassen werden.

Es stinkt nach Zigaretten und schwitzenden Körpern. Wir fiebern jedem Song entgegen, den der DJ auflegen wird.

Jemand hatte gehört, dass sie heute niemanden unter 18 durchwinken, auch nicht mit Unterschrift der Eltern. Mein Muttizettel ist mittlerweile total zerknittert. Ich will meine Mum nicht anrufen und bitten müssen, uns wieder abzuholen. Geld habe ich eh nicht auf meinem Klapp-Handy. Dann stehen wir an der Kasse und der Bruder meines Freundes flüstert dem Mädchen, das die Karten verkauft, etwas ins Ohr. Er ist einige Jahre älter als wir und es ist die Abi-Party seines Jahrgangs. Auf unseren Handgelenken glänzt der noch feuchte Stempel und lässt uns unheimlich wichtig und so erwachsen fühlen.

Und dann verschwimmt meine Sicht, ich spüre wieder wie ich damals fast ertrank, als all das mit einem Mal endete. Ich sehe mich auf dem Bett liegen, mein Gesicht in ein tränenfeuchtes Kissen drücken, während ein Song immer und immer wieder all den Herzschmerz vertont, der mich wie eine Flut erfasste. Es ist, als hätte der Song mit jedem Repeat mein Leiden zwischen den Zeilen verwoben und nach all den Jahren funktioniert er wie ein Gedächtnis, das nur langsam vergisst. Und ich muss durchatmen und überspringe einige Playlists.

Ich sehe mich auf dem Bett liegen, mein Gesicht in ein tränenfeuchtes Kissen drücken, während ein Song immer und immer wieder all den Herzschmerz vertont.

Die Jahre nach meinem 18. Geburtstag sind längst nicht so intensiv wie die davor. Es existiert kein wirklicher Soundtrack. Mein neuer Freund teilt meine Leidenschaften nicht und ich versuche ihm immer mehr zu gefallen, werde zu einer Anderen. Erst nach dem Bruch und meinem Entschluss für ein Studium in eine andere Stadt zu ziehen, erlebe ich wieder diese Art von Freiheit, die erst durch die Musik zu etwas wirklich Besonderem wurde.

Ich bin Single. Nach Jahren in Beziehungen weiß ich erst gar nichts damit anzufangen. Aber eines Nachts, in einem vollen Auto, auf dem Weg in irgendeine Dorfdisco, macht es Klick und ich spüre sie mit jeder Faser meines Körpers. Der Fahrtwind zerwühlt meine Haare, die eine Freundin zuvor stundenlang hergerichtet hat. Mein Blut ist verdünnt und ich drehe die Lautstärke hoch.

Wieder dröhnt uns Musik entgegen, doch dieses Mal sind es andere Songs. Sie sind nicht voller Herzschmerz, Suche und Verständnis. Sie sind Party.

Wieder dröhnt uns basslastige Musik entgegen, doch dieses Mal sind es andere Songs. Sie sind nicht voller Herzschmerz, Suche und Verständnis. Sie sind Party — bringen uns zum Tanzen und lassen die Vorahnung vergessen, dass wir solche Momente, frei von Zukunftsängsten, vermutlich niemals wieder erleben werden. Später liege ich im Bett, alles dreht sich und ich bin froh, nicht mit dem Typen von der Tanzfläche nach Hause gegangen zu sein.

Dafür tanze ich wenige Monate später auf dem klebrigen Tisch unseres Gemeinschaftsraumes. Um mich herum bewegen sich bekannte und unbekannte Gesichter. Ein Mix aus verschiedenen Sprachen versucht die Lautstärke zu übertönen. Meine spanische Mitbewohnerin hebt ihr Bier, prostet mir zu. Ich strecke ihr meinen Arm entgegen und ziehe sie zu mir hoch. Die Anlage spielt unseren Song. Aber auch so finden wir immer eine Gelegenheit um zu tanzen. Die ersten Semester meines Studiums sind durchzogen von endlosen Hauspartys, zahlreichen Gesichtern aus der ganzen Welt und einem Soundtrack, der bunter nicht sein könnte.

Wer ich eigentlich bin und wo mein Platz in der Gesellschaft ist, weiß ich auch heute noch nicht sicher. Aber Musik wird mich immer begleiten.

Wer ich eigentlich bin und wo mein Platz in der Gesellschaft ist, weiß ich auch heute noch nicht sicher. Ich suche mich noch immer und ob ich in zehn Jahren einen weiteren Lebensabschnitt rein über Musik definieren kann, vermag ich nicht vorherzusehen. Aber das macht mir auch nichts aus, denn Musik wird mich immer begleiten; mal mehr, mal weniger intensiv.

Sie ist, im Gegensatz zu meinem Ich, konsistent. Dennoch verstehe ich heute umso mehr, warum meine Eltern immer mal wieder eine ihrer alten Platten aufgelegt haben und warum ich nicht dieselbe Begeisterung für diese Musik fühlen konnte. Es ist ihre ganz persönliche Musik-Zeitreise, die sie für einige Minuten zu mir unbekannten Orten und Emotionen zurückbringen kann.

Wir alle können musikzeitreisen, unsere eigenen konservierten Momente und Gefühle aus den Boxen erklingen lassen, öffnen wir nur unser Musikprogramm und klicken auf Play.

Wie es sich für eine Räubtertochter gehört, tanzt Tanja gerne aus der Reihe und zu guter Musik. Gesellschaftliche Zwänge sind eher nicht so ihr Ding. Rassismus und Sexismus betitelt sie als Kackscheiße. Dafür schreibt sie gerne Geschichten, ist neugierig auf die Welt, verteidigt ihre Werte und Maps in Multiplayer Games.

Headerfoto: Stockfoto von sergey causelove/Shutterstock. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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