Wo fängt Untreue an? – Eine verheiratete Mutter offenbart ihre gedankliche Affäre

Beim Thema Treue gibt es für viele Menschen nur zwei Zustände: Entweder man ist es oder man ist es nicht. Aber ich frage, ob es nicht doch eine Grauzone gibt? Wo hört Treue auf, fängt Untreue an? Ist es schon eine Art Untreue, dass ich diesen Text diskret schreibe und nicht möchte, dass mein Mann davon erfährt? Weil ich weiß, dass es ihn verletzen würde. Weil es kränkt, betrogen zu werden.

Niemand möchte von dem*der Partner*in hintergangen werden, egal ob es sich um die erste große Liebe mit Anfang 20 oder den*die Ehepartner*in mit Anfang 40 handelt. Ob Mann oder Frau. Es sei denn, die Partnerschaft basiert auf einer offenen Beziehung, aber ganz ehrlich, wie viele Partner*innen kennt ihr, die in einer offenen Beziehung leben (und wenn ja, bei wie vielen von ihnen funktioniert das dann wirklich)? Ich kenne keine, erst recht keine Partner*innen mit Kindern.

Dafür kenne ich Single-Frauen, die mit verheirateten Männern schlafen. Ich kenne Ehefrauen und Mütter, die mit Single-Männern schlafen. Vorsätzlich. Als ob das nicht genug wäre, auch noch mit dem Bruder des Single-Mannes. Ohne Witz. Ich kennen sie persönlich. Ich kenne eine Frau, die Kinder mit einem verheirateten Mann hat, ohne dass seine „erste Frau“ davon weiß.

Auch Mütter hegen verbotene Sehnsüchte

Solche Seitensprünge aus dem Bekanntenkreis verfolge ich gespannt, mit Faszination und Fassungslosigkeit. Mit ein bisschen Neugierde über ihren Schneid. Die menschlichen Abgründe sind tief, Mütter nicht ausgenommen. Ich höre interessiert zu, wie im Umfeld gestritten wird, bin immer wieder erstaunt, wie sich Partner*innen, die sich einst ein romantisches Ehegelöbnis in Weiß gegeben haben, gegenseitig in der Öffentlichkeit in die Pfanne hauen. Scheidungen gehören ab dem vierzigsten Lebensjahr offensichtlich zum natürlichen Lauf der Dinge.

Gegen diese Frauen bin ich ein Unschuldslamm. Ich habe meinen Mann noch nie betrogen, zumindest nicht physisch. Insofern bin ich ihm treu. In Gedanken war ich im letzten Jahr dagegen bei einem anderen Mann. So, jetzt ist es raus. Ich gierte nach seinen Komplimenten, nach verstohlenen Blicken, die mich fühlen ließen, als sei ich wieder 20 Jahre jung. Die mich nervös machten und mir den Appetit nahmen.

Ich hatte fast vergessen, wie es war, dieses flatternde Gefühl, diese Leichtigkeit, gepaart mit Sehnsucht, die ich bei meinem eigenen Mann im Alltag schon lange nicht mehr gespürt hatte. Der Seitensprung in Gedanken gepaart mit einer zehrenden Sehnsucht machte mich süchtig. Beflügelte mich. Im nächsten Moment war ich der Verzweiflung nahe.

Ich lief kilometerweit mit dem Kinderwagen durch die Straßen, versuchte meine Gedanken zu bändigen, zu verdrängen, denn dieser Mann hat selbst Familie. Und doch hoffte ich, er würde durch Zufall an der nächsten Ecke stehen, suchend, wie ich. Doch wonach? In desolater emotionaler Verfassung, wie ich. Und was wäre dann? Katastrophe.

Der Seitensprung in Gedanken gepaart mit einer zehrenden Sehnsucht machte mich süchtig. Beflügelte mich. Im nächsten Moment war ich der Verzweiflung nahe.

In Anbetracht dieses Zustandes bin ich doch kein Unschuldslamm. War ich untreu? Lieder im Radio rührten mich zu Tränen, gleichzeitig musste ich Fassade bewahren. Wollte ich liebevolle Mutter sein und liebende Ehefrau. Es besser machen als die eigenen Eltern. Als die Freundinnen. Vernünftig sein.

Manche meinen, diese Art Kopfkino belebe die Beziehung zu ihrem Mann. Unter dem abgedroschenen Motto „Appetit holen okay, aber gegessen wird zuhause“. Vielleicht ist da etwas dran, aber ich fühlte mich eher verletzlich und gereizt, war genervt von meiner eigenen Familie … Aber was war zuerst da? Es bleibt die Frage nach der Henne und dem Ei: Flüchtete ich gedanklich in eine Affäre, die mich dann daheim schlecht drauf brachte? Oder war es die miese Stimmung daheim, die mich in eine gedankliche Affäre stürzte?

So intensiv und schön die Verliebtheit war, es war eine Phase, die vorüberging

Am Ende blieb ich stark. Und es ging vorbei. So schön das Gefühl der Verknalltheit auch war, es blieb viel Leid. Ich musste leiden. Aber ich lernte viel über mich. Spürte mich so intensiv, wie schon lange nicht mehr. Hielt dem ganzen Wirrwarr meiner Gefühle stand. Ich bin nicht stolz darauf, ich liebe meinen Mann, ich liebe die Kinder und ich weiß, dass ich das um alles auf der Welt nicht verlieren möchte.

Es blieben bittersüße Träume. Und die Verunsicherung, ob ich nun untreu bin oder nicht. Heute versuche ich, diesen Zustand als eine Phase zu sehen, die auch wieder vorüberging. Wie diese Phasen, die die Kinder ständig an den Tag legen. So eine Art Trotzphase bei Mama. Ich hoffe inständig, dass mir das nicht wieder passiert. Drückt mir die Daumen, ich wünsche meiner Familie und mir doch so sehr ein Happy End.

Die Autorin lebt mit ihrem Mann und den 3 Kindern in Deutschland. Sie veröffentlicht Texte in diversen Print- und Online-Publikationen und ist Ghostwriterin für Mama-Blogs. Ihr Jugendtraum, spätestens in der Schwangerschaft einen Roman zu schreiben, wurde von der Realität eingeholt. Aber wer weiß, was zukünftig kommt?

Headerfoto: Michael Browk via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür.

2 Comments

  • Ich wache auf, ich schlafe ein, ich fahre Auto, ich sitze in Meetings, ich fahre mit meiner Familie in Urlaub und ich denke nur an sie.Die Eine, die ich jeden Tag sehe und die nicht weiss, dass ich seit drei Jahren verliebt in sie bin. Die Flucht habe ich angetreten, der Schmerz ist geblieben.

    Auch eine verheiratete Mutter, Mitte 40

  • Es ging vorbei?
    Ich leide unter diesem Zustand seit nunmehr drei Jahren. Möchte es in mir beenden und sehne mich doch so danach. Nach den ein bis zwei Treffen pro Jahr. Nach ihrer diskreten Berührung, ihren Augen und ihrem Blick, wenn sie mich anschaut.
    Niemand darf es merken, niemand! Dass diese Frau alles ist, was ich mir je erträumte.

    Eine verheiratete Mutter, Mitte 40.

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