Wir dürfen nicht anziehen, was wir wollen | Von der Seele geschrieben

Die Fotografin steht ein paar Meter von mir entfernt, die Kamera auf mich gerichtet. Naja, eigentlich auf das Brautpaar, das neben mir sitzt. Aber auf den Fotos werde zwangsläufig auch ich zu sehen sein, weil ich als Trauzeugin nun einmal direkt neben der Braut sitze.

Wahrscheinlich fühlt sich die Fotografin deshalb in diesem Moment dazu angehalten, mir mit einer Geste zu signalisieren, dass ich mein Kleid zurechtrücken sollte, um meinen Ausschnitt zu verhüllen. Eine kleine, nett gemeinte Geste von ihr – mit großer Bedeutung für mich.

Denn ab diesem Moment fühle ich mich nicht mehr wohl in meinem Outfit. Und dieses Gefühl wird mich den ganzen, schönen Hochzeitstag begleiten.

Weil es eben noch nicht egal ist, was wir (weiblich Gelesenen) tragen.

Vielleicht kennst du solche Situationen, Gedanken und Gefühle. Mit Sicherheit sogar. Weil es eben noch nicht egal ist, was wir (weiblich Gelesenen) tragen. Insbesondere Events wie Hochzeiten sind verknüpft mit jeder Menge Vorgaben, was man nun an Klamotten tragen darf und was nicht.

Aber auch im Alltag gibt es diese, wenn auch unausgesprochenen, Vorgaben. Dieses und jenes Körperteil sollte bedeckt sein, mit bestimmten Körpermaßen sollten wir bestimmte Sachen gar nicht tragen, unrasierte Körperstellen zu zeigen, ist nicht schön, und einen BH zu tragen erwünscht. Seien wir ehrlich: Auch wenn einige dieser Regeln inzwischen im öffentlichen Diskurs verabschiedet werden, stecken sie nach wie vor in den meisten Köpfen.

Der eigene Wille geht verloren

Klar, wir müssen uns dem nicht fügen. Niemand zwingt uns dazu (das Lieblingsargument von Nicht-Betroffenen). Aber so einfach ist das nicht. Weil dieses Sich-nicht-Fügen eben doch mit unangenehmen Konsequenzen für uns verbunden ist.

Es können Blicke sein, Gesten oder Kommentare. Oder im schlimmsten Fall die Beschuldigung, dass unser Outfit der Auslöser für einen Übergriff gewesen sei. Diese Blicke, Gesten oder Kommentare können Unwohlsein in uns auslösen bis hin zu Angst und der Entscheidung, uns lieber in Kartoffelsäcke einzuhüllen und uns und unsere Körper von nun an zu verstecken.

Wir fühlen uns nicht mehr in der Lage dazu, selbst zu entscheiden, was wir tragen und wie wir uns in der Öffentlichkeit zeigen wollen.

Diese Konsequenzen mögen nicht besonders gravierend klingen. Dann zeigen wir unsere Körper eben nicht mehr in Shorts und ohne BH. Doch das kann mitunter Auswirkungen auf unser ganzes Leben haben. Wir fühlen uns nicht mehr in der Lage dazu, selbst zu entscheiden, was wir tragen und wie wir uns in der Öffentlichkeit zeigen wollen.

Wir lassen uns in dieser Hinsicht und vielleicht als Konsequenz daraus auch in anderen Bereichen fremdbestimmen. Wir haben nicht mehr unseren eigenen Willen. Wir leben schlichtweg nicht mehr so frei, unbeschwert und selbstbestimmt wie zuvor – und wie es jeder Mensch können sollte.

Weibliche Nippel dürfen nicht gezeigt werden

Und an dieser Stelle muss gesagt werden: Diese Erfahrungen machen vor allem weiblich gelesene Menschen. Sie können also unter Sexismus verbucht und den patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft zugeschrieben werden.

Deshalb beschuldige ich auch nicht die Fotografin für mein Unwohlsein in dem oben beschriebenen Moment. Sie hat es sicherlich gut gemeint und wusste es vermutlich nicht besser. Ihre Aufgabe war, darauf zu achten, dass die Menschen auf ihren Fotos gut aussehen.

Eine der Regeln ist: Weibliche Nippel dürfen in der Öffentlichkeit nicht gezeigt werden. Punkt.

Gut im Sinne dessen, was gesellschaftlich als „gut“ gilt. Und dazu gehört für sie, dass keine Körperstellen zu sehen sind, die nicht zu sehen sein sollten – wie zum Beispiel meine Nippel. Denn eine der Regeln ist: Weibliche Nippel dürfen in der Öffentlichkeit nicht gezeigt werden. Punkt.

Wie ich selbst dazu stehe, spielte in dieser Situation keine Rolle. Die Fotografin tat, was sie dachte, tun zu müssen. Und zeigte damit unbewusst, ein Kind dieser Gesellschaft zu sein.

Das Kontra im Außen ist wichtig

Jetzt kann ich so reflektiert darüber schreiben. Doch diese kleine, nett gemeinte Geste verfolgte mich auch den ganzen, restlichen Tag. Hatte ich mich zuvor wohl und schön in meinem Kleid gefühlt, zerbrach ich mir von da an den Kopf darüber, ob mein Ausschnitt zu tief sei und was die Leute wohl von mir dachten, und zuppelte ununterbrochen an mir herum.

Ich war gefangen in der Spirale aus negativen Gedanken, die im Ursprung gar nicht meine eigenen waren, sondern die, die mir irgendwann einmal beigebracht worden waren. Das zeigt: Genauso wie die Fotografin bin ich – wie wir alle – nicht frei von Triggern und tiefverwurzelten Gedanken. Es ist wichtig, solche Muster bei sich selbst zu erkennen, um sie auflösen zu können.

Obwohl ich mich bereits von der ein oder anderen gesellschaftlichen Regel selbstbewusst und selbstbestimmt befreien konnte, viele Bücher über Feminismus lese und selbst feministische Texte schreibe, gerate ich in Situationen wie die beschriebene und lasse mich in meiner Freiheit und Lebensfreude einschränken.

Das Kontra im Außen ist ein Zeichen für deine eigene Transformation und dafür, wo du selbst noch sicherer werden darfst.

Ich könnte das Patriarchat dafür hassen und das tue ich auch in vielen Momenten. Aber ich könnte mir auch immer wieder diesen schönen Satz ins Gedächtnis rufen, den eine gute, mich immer wieder sehr inspirierende Freundin zu mir sagte: „Das Kontra im Außen ist ein Zeichen für deine eigene Transformation und dafür, wo du selbst noch sicherer werden darfst.“

Womöglich können wir durch solche Situationen am meisten lernen. Und wenn wir dann daraus gelernt haben, dürfen wir das Gelernte weitergeben, um irgendwann solche Situationen vollkommen vermeiden zu können.

Geh in deinem eigenen Tempo

Eine kleine Anmerkung zum Schluss: Ich möchte dich dazu anregen, die Klamotten zu tragen, die du tragen möchtest. Es ist aber genauso okay, dass du an manchen Tagen nicht „stark“ oder „mutig“ genug bist, das zu tun, weil du glaubst, Blicken, Gesten oder Kommentaren nicht standhalten zu können.

Schließlich lässt sich nicht verleugnen, dass es in unserer Gesellschaft Mut und Selbstsicherheit erfordert, Shorts mit unrasierten Beinen oder ein Top mit tiefem Ausschnitt zu tragen, so traurig das ist.

Also: Wenn du dafür losgehen möchtest, die patriarchalen Regeln zu brechen und abzuschaffen oder eben einfach selbst in Freiheit leben zu können, dann geh in deinem Tempo und achte dabei gut auf dich. Das Wichtigste ist immer noch dein Wohlbefinden.

Headerfoto: ANTONI SHKRABA (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt. ) Danke dafür!

LEONIE MACHBERT schreibt Geschichten, seit sie schreiben kann. Sie hat Journalismus studiert und tobt jetzt irgendwo auf den weiten Feldern des freien Journalistendaseins herum. Dort sammelt sie Geschichten zu ihren Herzensthemen Body Positivity, Selbstliebe, Feminismus und den kleinen, zwischenmenschlichen Phänomenen. Sie liebt es, im Café zu sitzen, ihren Laptop alibimäßig vor sich aufzuklappen und dann zwei Stunden lang Leute zu beobachten. Mehr von ihr lest ihr auf ihrer Webseite.

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