Wieder zurück bei den Eltern – Erkenntnisse aus dem Kinderzimmer

Seit gut einem halben Jahr bin ich nun hier – zuhause. Bei meinen Eltern, in den gewohnten, alten vier Wänden, denselben vertrauten Mustern wie in den 23 vorangegangenen Jahre meines Lebens, sofern man die sieben Monate im letzten Jahr weg lässt. Doch genau diese sieben Monate haben dazu geführt, dass die gewohnten, alten vier Wände und dieselben vertrauten Muster nicht mehr funktionieren.

Eine Trennung und Corona brachten mich zurück in das Haus, in dem ich schon seit eigentlich immer wohne. Das letzte halbe Jahr habe ich damit verbracht, mehr oder weniger nichts zu tun, unerfolgreich zu sein und es auch zu bleiben – denn es ist ja gut so, wie es ist.

Keine Verantwortung, keine Probleme, wir verstehen uns doch noch gut genug, als dass ich dringend hier raus müsste. Man kann sich viel einreden, wenn der Tag lang ist – ich rede mir jedenfalls viel ein, auch an kurzen Tagen.

Ja, es ist gut, dass ich hierhin zurückkommen konnte, hier bleiben könnte und nicht um meine Existenz bange. Andererseits … Habe ich momentan eine wirkliche Existenz?

Ja, es geht schlimmer, wenn man wieder bei den Eltern einzieht. Ja, es ist gut, dass ich hierhin zurückkommen konnte, hier bleiben könnte und nicht um meine Existenz bange. Andererseits … Habe ich momentan eine wirkliche Existenz?

Zurück im Kinderzimmer

Im letzten halben Jahr war ich nicht nur unerfolgreich, ich war unzufrieden und wenn ich ehrlich bin auch unglücklich. Dafür gab es sicherlich mehr als einen einzigen Grund, immerhin ist da immer noch diese allgemeine Pandemie-Problematik, die wohl jedem ordentlich auf die Stimmung drückt. Doch die Tatsache, wieder hier zu sein, wieder “die Kleine” zu sein und jeden Tag das Gefühl zu haben, mein Leben nicht alleine auf die Reihe zu bekommen, macht mich unzufrieden, frustriert mich – macht mich unterm Strich unglücklich.

Im letzten halben Jahr war ich nicht nur unerfolgreich, ich war unzufrieden und wenn ich ehrlich bin auch unglücklich. 

Ich liebe meine Eltern. Bin dankbar, dass ich hier sein kann und wir uns nicht an die Gurgel gehen. Innerlich habe ich das jedoch schon mindestens hundertmal getan. Bei jedem Gespräch über Supermarktbanalitäten oder der sehr regelmäßigen Nachfrage zu meiner Tagesplanung würde ich am liebsten schreiend den Raum verlassen.

Es ist mit Sicherheit nicht leicht für die beiden zu akzeptieren, dass ich in sieben Monaten woanders Wohnen ein ganzes Stück eigenständiger geworden bin und zu respektieren, dass ich mich nicht mehr, wie mit 16, für alles, was ich tue, rechtfertigen und erklären möchte.

Doch wie zieht man Grenzen in einer Umgebung, die gefühlt irgendwo zwischen meinem sechzehnten und neunzehnten Lebensjahr stehen geblieben ist? Wo zieht man Grenzen mit den Menschen, für die man eben doch immer “die Kleine” bleiben wird? Vermutlich ist die einzig richtige, gesunde Grenze der Auszug.

Wie zieht man Grenzen in einer Umgebung, die gefühlt irgendwo zwischen meinem sechzehnten und neunzehnten Lebensjahr stehen geblieben ist? Wo zieht man Grenzen mit den Menschen, für die man eben doch immer “die Kleine” bleiben wird?

Als ich meine zwei Zimmer – diese Zimmer, in denen ich fast mein ganzes bisheriges Leben verbracht habe – wieder bezog, war ich zuerst dankbar, dann frustriert. Zu Beginn dachte ich, ich hätte einfach hohe Erwartungen, welche mir aufgrund gesellschaftlichen Druckes eingetrichtert wurden. Dieses Gefühl, man müsse mit 23 ganz woanders im Leben stehen – eben überall, nur nicht im eigenen Kinderzimmer. Muss man nicht. Es ist okay, mit 23 Jahren noch oder wieder bei den Eltern zu wohnen.

Nach sechs Monaten merke ich, dass meine Frustration nichts mehr mit gesellschaftlichen Vorstellungen, sondern mit meinen eigenen zu tun hat.

Doch nach sechs Monaten merke ich, dass meine Frustration nichts mehr mit gesellschaftlichen Vorstellungen, sondern mit meinen eigenen zu tun hat. Hat man einmal die Freiheit einer eigenen Wohnung genossen, in welcher der Abwasch tagelang warten und das Staubsaugen bis zum Geht-nicht-mehr hinausgezögert werden konnte, in welcher man zu jeder Tages- und Nachtzeit tun und lassen konnte, was man wollte, ist es unfassbar schwer, sich erneut mit den alten, starrsinnigen Regeln, die eben einfach schon immer so sind, abzufinden.

Nach sechs Monaten, die ich wieder bei meinen Eltern lebe, weiß ich, dass ich froh und dankbar bin, Eltern zu haben, die mich mit offenen Armen und voller Liebe wieder aufnehmen (denn ich weiß, dass dies leider nicht selbstverständlich ist), doch ich weiß nun auch, dass es so nicht weitergeht.

Will ich wieder zufrieden sein, muss ich Verantwortung übernehmen – für mich und mein Leben. In meinem Kinderzimmer bin und werde ich nicht mehr glücklich und auch nicht erfolgreich. Jede schuhkartongroße Ein-Zimmer-Wohnung würde mir mehr Freiheit schenken, als dieses Gefühl, welches mich seit sechs Monaten begleitet.

Will ich wieder zufrieden sein, muss ich Verantwortung übernehmen – für mich und mein Leben. In meinem Kinderzimmer bin und werde ich nicht mehr glücklich und auch nicht erfolgreich.

Lange habe ich mir eingeredet, Corona, die Umstände, das Wetter, Gott und die Welt oder was auch immer halten mich davon ab, diese Verantwortung endlich zu übernehmen. Interessanterweise stelle ich nun aber fest, dass das, was mich wohl am stärksten zurückhält, die Angst ist, meinem Vater vor den Kopf zu stoßen. Der sich so sehr freut, dass ich nun wieder hier bin – und ich habe mich schließlich ebenso gefreut, wieder mehr Zeit mit ihm zu haben.

Ich möchte ihn nicht verletzen, indem ich sage, dass es nicht mehr für mich funktioniert, obwohl ich doch weiß, dass ihm nichts wichtiger ist als mein Glück und meine Zufriedenheit. Vielleicht ist es so mit den Eltern: Man fühlt sich in irgendeiner Weise immer an sie gebunden, man wird immer “die oder der Kleine” bleiben.

Es tut weh und es tut mir Leid, doch ich passe hier nicht mehr rein. Bin aus meinem Zuhause rausgewachsen. Es wird wohl endgültig Zeit, loszulassen.

Headerfoto: Elly Fairytale via Unsplash. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür! 

Nele schreibt und reflektiert – um sich selbst, das Leben und seine Herausforderungen zu verstehen. Und um die chaotischen Gefühle und Gedanken zu sortieren, die sich manchmal so groß und so überwältigend anfühlen können. Ansonsten fotografiert sie, stapft auf der Suche nach Entschleunigung durch die Natur und philosophiert mit ihren Freundinnen über Spiritualität, den Sinn des Lebens und Männer.

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