Links, rechts, rechts, links, du! – Wie sich unsere Wege zum ersten Mal kreuzten

Du wohnst im Süden der Stadt und ich im Norden. Du arbeitest im Norden und ich im Süden derselben Stadt. Unsere Wege könnten sich theoriegeladen kreuzen. Doch sie tun es nur selten. Ich nehme mein Smartphone in die Hand und swipe links, rechts, rechts, links.

Nach unzähligen, beliebig erscheinenden Gesichtern matche ich mit einer jungen Frau. Sie gefällt mir auf den ersten Blick. Wahrscheinlich ist sie gerade auch auf der Suche. Wonach? Puh, laut ihrem Profil ist alles bis nichts möglich.

Wir schreiben uns phrasengetränkte Sätze: „Wie geht’s dir? Was machst du so? Wonach hältst du Ausschau?“, fragen wir uns. In ihrem Profil sind alle Möglichkeiten, die die App bei dieser Frage bietet, markiert. Von einem Besuch auf einer Matratze oder Couch bis hin zu Heiratsantrag, Eigenheim und der großen Liebe scheint alles möglich zu sein.

Und ich? Wonach suche ich? Ich ertappe mich, wie ich auf diese Frage noch keine klare Antwort geben mag. Zu viele Optionen scheinen offen zu stehen. Aus Angst etwas zu verpassen lege ich mich nicht fest.

Und so ghosten wir uns und swipen weiter.

Ich schreibe ihr, dass Knutschen bei Luftpolsterfolie und Lieblingslimo für den Anfang eine prima Idee wäre. Was sich danach daraus ergibt, würde sich zeigen oder auch nicht. Vor allem mag ich sie kennenlernen und nicht nur in den Oberflächlichkeiten meines Smartphones verharren. Ich will sie nicht nur dort erleben.

Nach einer Weile merk ich, dass die Sympathie, die von ihren Bildern ausgeht, beim Schreiben nicht auf mich überspringt. Eine von vielen Erfahrungen, denk ich mir. Und so ghosten wir uns und swipen weiter.

Links, rechts, rechts, links, DU!

Bei dir bleibe ich hängen. Etwas an deinem Profil und dir scheint mich zu faszinieren. Ich wische dich nach rechts. Ein paar Sekundenstunden später matchen wir. Mein Herz springt auf, als die Benachrichtigung auf meinem Smartphone aufblitzt. Pushbenachrichtigung, du tolle Erfindung!

Dein wundervolles Lächeln, dein lustiger Profiltext („Ich muss los, da hat eben ein Stück Kuchen nach mir gerufen. Ich komme gleich wieder. Versprochen!”) bringen mich zum Lächeln. Du magst das Meer, steht im Klappentext deines Profils. Passend dazu sind Bilder von dir an den Kreidefelsen auf Rügen zu sehen.

Du verstehst Menschen nicht, die Ehrlichkeit und Gefühle nicht buchstabieren können, schreibst du weiter in deinem Profil. Ich erkenne mich wieder so als würde ich auf die spiegelnde Oberfläche des ruhigen Meeres schauen. Vielleicht ist es aber auch nur das Display, das spiegelt. Vielleicht ist es auch nur der Moment, in dem ich mich nach genau dir sehne.

Ich schreibe dir „Hallo“ mit einem lächelnden Smiley. Du erwiderst meine Nachricht Sekundenstunden später ebenfalls mit einem „Hallo“ und einem lächelnden Smiley. Dein Profil macht es mir denkbar einfach, die Stille zu überwinden, die jetzt entstehen könnte.

Wir verharren nicht in den typischen Standardphrasen „Wie geht’s dir?“, „Was machst du so?“ oder auch „Was suchst du hier?“, da wir uns erst gar nicht von ihnen einfangen lassen. Ich schreibe dir, wie gerne ich wieder am Meer wäre und du erzählst von deinem letzten Urlaub mit deiner besten Freundin auf Rügen.

Wir schreiben ohne Punkt und Komma, um die Grammatik dann doch nicht zu vergessen. Der erste Anfang wäre also gemacht. Vielleicht ist der erste Kontakt ja auch außerhalb von Dating Apps und dem ganzen Dating-Gedöns so einfach. Nur hätte ich mich, bei allem Selbstbewusstsein, das ich in mir trage, nie getraut, dich anzusprechen. Dabei kreuzen sich unsere Wege tagtäglich. Ich hätte nicht gewusst, was ich dir hätte sagen sollen, wenn ich dich auf dem Bahnsteig gesehen hätte. Auf ein „Hallo :)“ wäre ich nicht gekommen.

Ich will dich kennenlernen und nicht in den Konturen meines Smartphones verharren.

Die nächsten Tage und Wochen schreiben wir regelmäßig. Längst haben wir unsere Nummern ausgetauscht. Ich bin neugierig, dich auch in echt kennenzulernen. Zu schreiben ist ja ganz nice, doch der heiße Scheiß ist es auf lange Sicht nicht. Den Klang deiner Stimme, deine Lache nach einem schlechten Witz von mir, deinen Geruch – all das kann mir das Schreiben nicht geben.

Ich will dich kennenlernen und nicht in den Konturen meines Smartphones verharren. Mein Handy vibriert und eine Nachricht von dir blinkt auf. Du willst mich treffen. Ich muss lächeln.

Das erste Treffen hat allein die Aufgabe zu klären, ob es ein zweites geben wird. Ob die Magie des Swipens und Schreibens auch auf die reale Person überspringt. Oder ob direkt zum Matratzensport übergegangen wird. Vielleicht hat man auch genau danach gesucht. Ich für meinen Teil jedenfalls nicht. Das weiß ich jetzt. Das wusste ich immer schon.

Nach zig Sprachnachrichten ist da schon etwas Vertrautes 

Es ist ein sonniger Samstag, an dem wir uns das erste Mal treffen. Dieser Samstag ist heute. Ein erstes Mal sehe ich dich. Wir haben es in der Zeit bis dahin nicht ausgehalten und so haben wir zig Sprachnachrichten miteinander geteilt. Der Klang deiner Stimme gefällt mir arg. Sie kommt mir so vertraut vor. Sie fühlt sich wie Nach-Hause-Kommen an.

Mit einer Mischung aus Vorfreude und Nervosität steige ich in die Bahn. Ich bin so unfassbar aufgeregt und doch zugleich tiefenentspannt. Mein Arsch geht dennoch auf Grundeis, schreibe ich meiner besten Freundin. Sie beruhigt mich, denn es sei ja nur ein Treffen.

Pling – eine Nachricht von dir. Ich schaue nach, was du mir geschrieben hast. Ein wenig hab ich die Angst, dass du kurz vorher doch noch absagst. Nach dem Motto „Mir ist noch etwas dazwischen gekommen.“ Nix davon. Stattdessen schreibst du, dass du dich freust, mich zu sehen. Ich muss wieder lächeln. Wie du wohl so ganz real bist?

Ich steige aus der Bahn. Die Vorfreude dominiert nun deutlich. Wir treffen uns an der Station, wo sich der Süden und der Norden der Stadt kreuzen. Hier kommen wir beide gut hin. Theoriegeladen kreuzen sich schon lange unsere Wege hier. Heute vereinen sie sich zu einem.

Felix liebt Filterkaffee, Konfetti, laute und leise Gitarren, Poesie und gefühlt tausend andere Dinge. Mal ehrlich, direkt und frei nach Berliner Schnauze. Mal poetisch philosophisch und nichtssagend. Aber immer auch ein wenig selbstironisch. Ein Kopf, der sich in keine Schublade stecken lassen will, denn diese engen das Denken nur ein. Mehr von ihm gibt es hier.

Headerbild: Brooke Cagle on Unsplash („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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