Wie ich meine Gefühle mal wieder gegen schlechten Sex eintauschte

Noch eine Woche bis zur Party. DIE Party. Ein- bis zweimal im Jahr treffen wir uns auf so einer. Seit 15 Jahren. Und seit 15 Jahren fiebere ich dem entgegen, wie ein kleines Kind dem Weihnachtsfest.

Manchmal werde ich enttäuscht, denn du bist nicht da. Du bist nicht immer da. Aber wie immer bereite ich mich darauf vor, dass du da sein könntest. An dieser Art der Vorbereitung hat sich nichts geändert in den vergangenen 15 Jahren. Wie ein Teenie male ich mir aus, wie es wohl sein wird. Ob du jetzt endlich merkst, wie toll ich bin. Ob du mich jetzt endlich liebst. Deine Gefühle in einer großen Geste offenbarst. Das Träumen macht mich noch nervöser.

Ich weiß genau, dass ich dich niemals haben werde. Zumindest nicht so, wie ich es gerne hätte.

Ich versuche mir einzureden, dass es ja eigentlich völlig egal ist – DU mir völlig egal bist. Denn ich weiß ja genau, dass ich dich niemals haben werde. Zumindest nicht so, wie ich es gerne hätte.

Es ist wieder so weit.
Ich kann nicht anders, als nach dir Ausschau zu halten. Die ganze Zeit. Möglichst unauffällig. Ich entspanne mich erst, wenn ich rausgefunden habe, ob du auch da bist. Sobald du mich erblickst und unsere Augen sich treffen, sterbe ich für eine kleine Sekunde. Das Lächeln auf deinem Gesicht, deine Augen, dein Charme. Die Welt steht still.

Zur Begrüßung umarmst du mich. Ich fühle nichts. Ich bin noch zu geflasht von deinen Augen, um mich in deinen Armen zu entspannen. Nach angestrengtem Smalltalk werden wir wieder warm miteinander. Ich weiß die ganze Zeit, wo du gerade bist. Auch du beobachtest mich. Wir weichen uns eh kaum von der Seite.

Darin sind wir seit Jahren eingespielt. Dabei berühren wir uns aber nie. Keiner von uns möchte, dass alle wissen, was hier passiert. So lächerlich. Wer das nicht merkt, muss tot sein.

Als nur noch wenige Leute da sind, fragst du mich endlich. Ob ich bei dir übernachten will.

Als nur noch so wenige Leute da sind, dass es fast keiner mehr merken könnte, wenn wir zusammen verschwinden, fragst du mich endlich. Ob ich bei dir übernachten will. Und auch hier folgt ein Ritual. Wie jedes Jahr, hadere ich mit mir.

Obwohl wir beide genau wissen, dass ich am Ende nicht widerstehen kann. Obwohl du betonst, dass es unverbindlich ist. Obwohl du sagst, der Sex mit mir wäre eh nicht besonders gut. Obwohl auch ich den Sex mit dir nicht gut finde. Obwohl es mir jedes Mal aufs Neue das Herz bricht.

Heute traue ich mich, dich zu fragen, warum du das eigentlich möchtest. Ich stelle mir kurz vor, wie du dich nach Geborgenheit und Zärtlichkeit sehnst. Aber du bist einfach nur geil. Du gibst zu, mich manchmal anzulügen, damit ich mitgehe. Am Ende gehe ich trotzdem mit. Dafür hasse ich mich spätestens morgen.

Wir ziehen uns aus, legen uns in dein Bett. Du bist zu grob. Zu unbeholfen.

Wenn wir in deiner Wohnung ankommen, wird es wie jedes Mal seltsam. Genauso dreckig und unaufgeräumt wie immer. Ein Lächeln von dir und es fällt mir nicht mehr auf. Wir ziehen uns aus, legen uns in dein Bett. Du bist zu grob. Zu unbeholfen. Ich bin zu nervös. Zu angespannt.

Als es dann richtig losgeht, verrenkst du mich in alle Richtungen. Am Ende kommt keiner von uns zum Höhepunkt. Auch das war schon immer so. Ich rede mir ein, es liegt daran, dass du besoffen bist. Und verkopft. Verdränge, dass du mich halt einfach nicht liebst.

Nach dem Sex liegst du auf mir und ich streichle dich noch ein bisschen. Du genießt das. Bevor ich unter die Dusche gehe, stehle ich mir einen Kuss von dir. Es ist, wie immer, der einzige in dieser Nacht.

Für diese letzten Minuten habe ich mich prostituiert. Meine Gefühle verkauft.

Für diese letzten Minuten habe ich mich prostituiert. Meine Gefühle verkauft. Für den Kuss. Für das Streicheln. Und dafür, dass du sicher mit keiner anderen im Bett liegst.

Du schläfst sofort ein. Meine Nacht ist scheiße. Wir teilen uns eine Decke und ein Kissen. Ich versuche krampfhaft, dich im Schlaf nicht zu berühren. Ich weiß nicht, ob du das willst. Ob ich das darf. Ob dir das zu nahe kommen würde. Am nächsten Morgen reden wir nur das Nötigste. Du bringst mich zur Tür und umarmst mich. Kein Kaffee. Kein Frühstück.

Die nächsten Wochen werde ich wie immer leiden. Dir ab und zu schreiben. Auf dein Desinteresse stoßen. Versuchen, mein Herz zu heilen. Bis nächstes Jahr. Bis es wieder von vorne anfängt.

Tschu leidet chronisch an Herzschmerz und Sehnsucht. Sie will immer das, was sie gerade nicht hat und am liebsten das, was sie auch nicht bekommen kann. Doch irgendwie findet sie das nicht nur schön schrecklich, sondern auch schrecklich schön. Auf ihrem Weg in die Befreiung hat sie viele ähnliche Menschen kennengelernt und teilt ihre Gefühle und Gedanken gerne mit ihnen in ihren Texten.

Headerfoto: Annie Spratt via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.