Wenn eine freundschaftliche Diskussion über Religionen aus dem Ruder läuft

Was ist angsteinflößender als an Halloween nachts bei Vollmond auf dem Friedhof herumzugeistern, um wohlig schaudernd bei jedem Knacksen zusammenzuschrecken? Ganz genau: Eine gesellschaftspolitische Diskussion, die sich über fünf Stunden bis ins Morgengrauen zieht, die Züge eines Monopoly-Spiels annimmt und die Grundfeste der eigenen Meinung erschüttert.

Da sitzen wir nun also, kurz vor dem Lockdown in meinem Münchner WG-Zimmer, dekadent vollgestopft mit Kürbissuppe und Schokoladenkuchen: mein bester Freund, verkleidet als Frau, seine Freundin, verkleidet als Mann, eine Uni-Freundin und ich. Offensichtlich haben wir eine klare Meinung zu stereotypisierten Gendervorstellungen.

Wenn die eigene Bubble platzt

So weit, so gut. Der Abend plätschert vor sich hin. Jemand wirft die Frage in den Raum, welche Werte wir am meisten schätzen – für Geisteswissenschaftler:innen also ein netter Plausch. Meine Uni-Freundin sagt, dass ihr größter Wert der freie Wille sei. Da gibt es nichts zu diskutieren, oder? Tja, fünf Stunden später und alle Gefühle auf der Emotionsskala abgehakt sind wir schlauer.

Wir sind alle vier politisch informierte und kreative Vielleser:innen. Somit haben wir die besten Voraussetzungen, um eine ähnliche Einstellung zu gesellschaftspolitischen Themen zu haben. Diese Bubble wird in den nächsten Stunden lautstark platzen.

Die Freundin meines besten Freundes, nennen wir sie Mona, spricht an, dass es für sie nicht zusammenpasse, wenn sich Frauen, die Kopftücher tragen, als Feminist:innen bezeichnen. Eine subjektive Ansicht – die darf man in Deutschland Gott sei Dank haben – allerdings stutze ich etwas.

Wir sind alle vier politisch informierte und kreative Vielleser:innen. Somit haben wir die besten Voraussetzungen, um eine ähnliche Einstellung zu gesellschaftspolitischen Themen zu haben.

Dann heißt es einstimmig von den dreien, sie würden sich wünschen, dass jeder Mensch reflektieren könne und so zu seinem Glück komme. Etwas brodelt in mir. Ich merke an, dass ich es bei diesem Thema schwierig finde, wenn man davon ausgehe, dass die Meinung anderer unreflektiert sei oder unreflektierter als die eigene.

Aber Kopftücher wären ein Zeichen der Unterdrückung, wendet Mona ein. Mein bester Freund stellt fest, dass in seiner idealen Welt Glaube schlichtweg nicht existiere. Für mich klingt beides nach Pauschalisierung.

Als niederbayerische Frau, deren Bildung von einer katholischen Mädchenschule geprägt ist, habe ich einige Vorbehalte gegenüber dem Christentum und der Institution Kirche. Meine Lehrer:innen waren für mich zwar riesengehirnige Halbgötter und -göttinnen und sogar für die strenge Schulleiterin verspürte ich eine Regung von Sympathie, als meine ersten Diskussionen mit einer in meinen Augen engstirnigen Nonne und mit einer konservativen Religionslehrerin begannen, wuchs allerdings meine Skepsis.

Einmal sollten wir aufschreiben, was Glaube für uns bedeutet. Ich schrieb pseudo-rebellisch ein Zitat von Marx auf den Zettel. „Die Religion ist das Opium des Volkes.“ Mit meinem damaligen Freund sah ich mir den Film Spotlight an, der Skandale in der katholischen Kirche aufdeckt und war fassungslos über die Skrupellosigkeit und Heuchlerei dieser Institution.

Ich habe gelernt, zu hinterfragen

All diese Erlebnisse haben dazu geführt, dass ich lange starke Vorurteile gegenüber dem Christentum, Kirche und auch Glauben hatte. Aber in den letzten Jahren habe ich erkannt, dass wir von unserem Umfeld geprägt und beeinflusst werden und immer wieder hinterfragen müssen, was sich in unserer Gedankenwelt abspielt, um uns eine differenzierte Meinung zu bilden.

Ich will nicht, dass meine Einstellung nur auf Pauschalisierungen und subjektiven Erfahrungen beruht. Von anderen Religionen war ich immer schon fasziniert – konträr zum bayerischen Sprichwort „Wos da Bauer ned kennt, des frisst er ned“ – und bin damals wie jetzt der festen Überzeugung, dass ich nichts verurteilen kann, was ich nicht wirklich aus der Nähe kennengelernt habe.

Natürlich wünsche ich mir eine Welt mit weniger Leid, aber will ich das wirklich auf Kosten des freien Willens?

Das alles erkläre ich meinen drei Gesprächspartner:innen, allerdings mit mäßigem Erfolg. Mein bester Freund kann nicht nachvollziehen, warum ich nicht eine Welt bevorzuge, in der es keine Religion und damit weniger Leid gibt. Diese Schlussfolgerung erscheint mir nicht nur problematisch, weil solch ein komplexes Thema nicht so einfach verallgemeinert werden kann, sondern auch widersprüchlich.

Wenn man Glaube als negativ empfindet, warum will man dann selbst Gott spielen? Natürlich wünsche ich mir eine Welt mit weniger Leid, aber will ich das wirklich auf Kosten des freien Willens? Sollte ein Individuum nicht selbst entscheiden dürfen, ob es eine Welt ohne Religiosität will?

Zuhören und offen kommunizieren

Ich kann nicht in andere Menschen hineinsehen. Deswegen kann ich auch nicht entscheiden, was das Beste für sie wäre. Dieser Gedanke ist der Wendepunkt für die Diskussion, an dem Mona schließlich nachvollzieht, was ich meine. Ich habe nicht dieselbe Lebensrealität wie eine Frau, die Kopftuch trägt.

Wie könnte ich mir dazu eine klare Meinung bilden? Ich persönlich denke allgemein, dass eine Frau anziehen und ihre Kultur interpretieren darf, wie sie möchte – sofern sie es aus freiem Willen tut. Das bedeutet für mich Feminismus. Dabei gilt, dass die Priorität immer sein sollte, Betroffenen zuzuhören und ihrer Perspektive mit Empathie zu begegnen.

Die Priorität sollte immer sein, Betroffenen zuzuhören und ihrer Perspektive mit Empathie zu begegnen.

Was sich wie eine frustrierende und emotionale Diskussion anhört – und ja, ich war an manchen Stellen so verzweifelt, dass ich hätte weinen können – hat sich letztendlich als etwas sehr Wertvolles entpuppt.

Das Gespräch hat mir gezeigt, dass es Menschen gibt, denen meine Meinung und die Gesellschaft so wichtig sind, dass sie diskutieren, bis ihre Stimmen heiser sind. Die versuchen, Verständnis aufzubringen und sich nicht nur ihren wilden Gefühlen hingeben – wie bei einer Runde Monopoly – sondern zuhören und offen kommunizieren.

Bei Gesellschaftspolitik sollten Mitgefühl und Verständnis im Mittelpunkt stehen. Man muss nur offen dafür sein, klein anzufangen. An Halloween. Mitten in einer Pandemie. Unter Freund:innen. Gar nicht so gruselig, oder?

Carina Eckl umgibt sich gern mit Worten und lieben Menschen. Ihr erster Gedichtband „wie du Leere sagst, klingt entfernt nach Liebe“ ist 2019 erschienen und liest sich genauso melancholisch wie er klingt. Neben Literatur interessiert sich Carina für Gesellschaftspolitik und schwadroniert darüber gerne stundenlang mit ihren Freund:innen. Vor allem, weil sie denkt, dass jeder einen einsamenen Ort in sich hat und diesen nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen verstehen möchte.

Headerfoto: mostafa meraji via Unsplash (Gesellschaftsspiel Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür! 

 

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