Weg mit den „Guilty Pleasures“ – Wir sind viel zu vielseitig, um uns für unsere Interessen zu schämen

Der Spotify-Jahresrückblick hat es gezeigt: Ich habe einen grausamen Musikgeschmack. Zumindest nach den Maßstäben, die ich an mich selbst anlege. 2021 habe ich am liebsten zu spanischen Partysongs getanzt, die meinen Bruder an Kinderdisco erinnern und für meinen Freund alle gleich klingen.

Eine Abweichung zu meinem Musikgeschmack, der ja eigentlich gut wäre, gerade ausreichend Indie, aber nicht zu experimentell. Eine Vorliebe, der allgemein eher mit Unverständnis oder Belustigung begegnet wurde. Ein Guilty Pleasure?

Schämen wir uns zu viel?

Der Begriff „Guilty Pleasure“ indiziert, dass wir uns für eine bestimmte Vergnügung zumindest ein ganz kleines bisschen schämen oder schuldig fühlen. Unglaublich peinlich ist es mir zwar nicht, dass mich Partypopsongs und Charthits immer wieder catchen – oder, dass ich manchmal gerne vorhersehbare Liebesromane lese.

Dennoch ist das ein Teil von mir, den ich vermutlich nicht bei einem ersten Date oder in einer neuen Gruppe zeigen würde. „Sachbücher lesen“ und „Fremdsprachen erlernen“ macht sich auf dem Lebenslauf ebenfalls besser als „Soaps schauen“.

Ein bisschen Scham ist also doch dabei – zumindest genug, um diese Interessen nicht als Teil von mir zu präsentieren. Sie sind die Ausnahmen von der Regel, der pinke Plüschanhänger, den ich höchstens ganz ironisch zum schwarzen Kleid trage. Sie sind gut für einen Lacher, aber nichts, was mich ausmacht.

Ich grenze einen Teil von dem, was ich mag, ganz bewusst aus, schneide ihn ab vom schönen Selbstbild, das ich nach außen präsentiere.

Ich definiere mich in der Regel nicht über Partysongs und „Chick Flicks“, sondern über Indierock und gesellschaftskritische Literatur. Ich grenze einen Teil von dem, was ich mag, ganz bewusst aus, schneide ihn ab vom schönen Selbstbild, das ich nach außen präsentiere.

Mehr Pleasure und weniger Guilt

Aber die Wahrheit ist doch: Ich bin all das. Mal deep und mal albern, mal faul und mal aktiv, mal kritisch und mal begeistert. Ich schreibe Paper und mache Selfies, liebe Philosophie und so manchen Kitsch. Wir alle sind unglaublich vielseitig und Gegenstand konstanter Veränderung. Da wäre es doch schade, wenn wir unsere Dimensionen künstlich einschränken. Und außerdem so etwas wie ein kleiner Selbstbetrug – jeden Tag.

Offenheit macht uns menschlich und kann uns näher zusammenführen – auch, wenn es um vermeintlich unwichtige Dinge geht. Scham hingegen ist ein lähmendes Gefühl.

Offenheit macht uns menschlich und kann uns näher zusammenführen – auch, wenn es um vermeintlich unwichtige Dinge geht. Scham hingegen ist ein lähmendes Gefühl. Sie macht uns kleiner, als wir sind, sie richtet sich nach innen und lässt uns erstarren.

Manche Menschen verstecken ihre Guilty Pleasures mehr, manche so gut wie gar nicht. Doch insgesamt bin ich der Meinung, wir schämen uns noch immer zu viel für die banalsten Dinge – gerade, weil sie so banal sind.

Also votiere ich für mehr Pleasure und weniger Guilt. Niemand sollte sich für ein harmloses Hobby schämen müssen.

Also votiere ich für mehr Pleasure und weniger Guilt. Niemand sollte sich für ein harmloses Hobby schämen müssen. Ob du Glasbläserei liebst, Debattieren oder Stepptanz: hey, you do you. Und wenn wir schon mal dabei sind, sollten wir direkt noch mit einer anderen Sache aufräumen: Hobbys und Interessen haben kein Geschlecht.

Stricken kann für jede*n entspannend sein und Rugby ein guter Ausgleich nach einem langen Tag am Schreibtisch. Make Up kann eine wunderschöne Ausdrucksform sein und Gaming ein Weg, um sich mit anderen zu verbinden. Glücklicherweise scheinen wir in dieser Hinsicht langsam Fortschritte zu machen.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger Sinn ergibt das Konzept „Guilty Pleasure“ für mich. Also fasse ich – ziemlich spontan – doch noch einen Vorsatz für das Jahr 2022: Ich möchte mich authentischer zeigen, mit allen meinen Seiten. Möchte mit Widersprüchen brechen und Fassaden herunterreißen. Und ohne mit der Wimper zu zucken sagen: In meiner Freizeit lese ich gerne Literaturklassiker. Und ich tanze zu Enrique Iglesias durch die Wohnung.

Helen ist in Gedanken eigentlich immer auf einem Roadtrip, klettert oft auf Bäume und macht irgendwas mit Jura. Was ihre Vorlieben angeht, schwankt sie stets zwischen Punk und Pop, Tanzen und Teetrinken, Kunst und Katzenvideos. Am glücklichsten ist sie, wenn die Sonne scheint und patriarchale Strukturen aufgebrochen werden. Mehr über sie erfahrt Ihr auf ihrem Instagram Account

Headerfoto: Tatiana Twinslol (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

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