Was einen nicht umbringt, nervt trotzdem – von den kleinen und großen Krisen im Leben

Was einen nicht umbringt, macht einen stärker, haben sie gesagt. Steh auf, wenn du am Boden bist, haben sie gesagt. Und es fühlt sich irgendwie falsch an, jemandem wie Nietzsche, den Toten Hosen oder Kelly Clarkson zu widersprechen. Naja, zumindest Nietzsche.

Und irgendwie haben sie ja auch Recht. Es ist durchaus ein Ideal, das es anzustreben gilt, wenn man ein glückliches Leben führen will, denn kein Leben ist frei von Rückschlägen und fiesen Erlebnissen.

Aber vielleicht sollte man gleichzeitig auch manchmal verständnisvoll sich selbst und anderen gegenüber sein, wenn dieses Ideal mal nicht erreicht wird. Denn manchmal schafft man es eben nicht, sich zu freuen und zu denken „Juhu, eine Möglichkeit etwas zu lernen“, sondern denkt nur: „Ich will aber nicht immer etwas lernen müssen!“

Kein Leben ist frei von Rückschlägen und fiesen Erlebnissen.

In solchen Momenten hat man dann nicht das Gefühl, dass man mit seinen Aufgaben wächst, sondern dass mit jedem Rückschlag weniger Kraft zum Verkraften, weniger Durchhaltevermögen gegen die Verzweiflung und weniger Lachmuskeln für die Komik der tragischen Situation da sind.

Gleichzeitig kommt man sich total albern dabei vor, wenn man doch schon eine viel größere Krise überwunden hat und dann bei einer vergleichsweise harmlosen Problematik die Fassung verliert.

Wie kann es sein, dass man rumjammert wegen eines kleinen Streits mit dem Partner, wenn man doch früher das Problem hatte, nie den Richtigen zu finden? Wie kann es sein, dass man hoffnungslos ist angesichts eines kleinen Tests in der Uni, wenn man doch schon viel wichtigere Prüfungen geschafft hat? Wie kann man aufgrund einer erkältungsbedingten Erschöpfung an den Rand der Verzweiflung geraten, nachdem man eine Chemotherapie überstanden hat?

In solchen Momenten kommt man sich schwach und bescheuert vor, ganz anders als man es sich vorgestellt und gewünscht hat. Wofür waren all diese Stolpersteine und Katastrophen denn da, wenn nicht dafür, einen stärker und robuster zu machen?

Wofür waren all diese Stolpersteine und Katastrophen denn da, wenn nicht dafür, einen stärker und robuster zu machen?

Dies sind die Momente, in denen man sich darin üben kann, nicht so streng mit sich zu sein. Natürlich kann man auch versuchen, sich an die vergangenen, weitaus größeren Hürden zu erinnern und oftmals hilft das auch, um Kraft zu tanken. Doch wenn das mal nicht hilft, gibt es einige logische Erklärungen, warum das nicht immer so einfach ist:

Erstens ist die Psyche in Notfallsituationen im Notfallmodus. Das bedeutet, dass möglichst viele Ressourcen aktiviert werden und man völlig darauf konzentriert ist, die schwere Phase zu überstehen.

Dafür mobilisiert man nicht nur in sich, sondern auch im sozialen Umfeld alles, was man hat und das erleichtert die Sache natürlich enorm. Die Menschen haben ja auch Verständnis dafür, wenn es einem wirklich schlecht geht und man Hilfe benötigt. Zur Chemotherapie begleitet einen immer gerne jemand.

Möchte man aber, dass jemand einem hilft, die schreckliche Wartezeit beim Hausarzt für ein Nasenspray-Rezept zu überstehen, wird man da vermutlich ein wenig länger betteln müssen.  Das ist auch vollkommen in Ordnung und verständlich, führt aber eben dazu, dass es manchmal schwieriger sein kann, kleinere Krisen zu überstehen, weil weniger automatische Hilfe kommt.

Zweitens summieren sich blöde Erlebnisse ja irgendwie auch. Klar ist man manchmal stolz auf das, was man schon überstanden hat. Manchmal ist man aber auch einfach nur erschöpft, fühlt sich am Ende seiner Kräfte und außerdem mehr als ungerecht behandelt.

Auch nach dem Überstehen größerer Krisen ist man nicht vor Alltagsschwierigkeiten gefeit.

Nach einer so langen Suche nach dem richtigen Partner hat man doch schon genug gelitten, da kann es ja nicht sein, dass man dann auch noch kleine Streitereien ertragen muss. Nach jahrelangem Auseinandersetzen mit chronischen Krankheiten und Therapieformen soll die Erkältung nun wirklich jemand anderen treffen, das wäre ja wohl nur fair.

Aber so funktioniert das Leben leider nicht. Auch nach dem Überstehen größerer Krisen ist man nicht vor Alltagsschwierigkeiten gefeit. Und da hilft es dann – einem selbst und anderen – zu verstehen, dass man nicht trotz, sondern gerade wegen der viel schlimmeren Erlebnisse in der Vergangenheit auch manchmal bei Kleinigkeiten verzweifelt.

Und drittens kommt noch hinzu, dass man in sehr schwierigen Zeiten nicht nur mehr Unterstützung erhält und geduldiger mit sich selbst ist, sondern auch bei Erfolgen viel mehr bejubelt wird.

Weil ja schließlich gesellschaftlich und überhaupt anerkannt ist, dass es sich bei beispielsweise einer schlimmen Erkrankung um eine schwierige Situation handelt, gibt es großes Lob, wenn man mal die Zähne zusammenbeißt oder mal einen guten Tag hat. Sätze wie „Ich bin total beeindruckt, wie toll du das schaffst“ oder „Du bist wirklich stark, wie du das durchhältst“ gehören da zur Tagesordnung. Anders sieht es bei kleineren Problemchen aus.

Das ist vielleicht überhaupt die wichtigste Lektion. Zu lernen, sich selbst mehr zu loben. So könnte man vielleicht einfach üben, nett zu sich zu sein.

Ich möchte mal jemanden sehen, der einen beklatscht, weil man es schafft, während einer Erkältung trotzdem gute Laune zu haben. Auch man selbst ist diesbezüglich streng und denkt sich, das sei doch schließlich normal und müsste immer so sein. Doch auch hier kann man stolz auf sich sein.

Das ist vielleicht überhaupt die wichtigste Lektion. Zu lernen, sich selbst mehr zu loben. Die Reaktionen der anderen kann man sowieso nicht beeinflussen und auch nicht, wie verständnisvoll sie sind. Aber sich selbst hat man zumindest teilweise in der Hand und so könnte man vielleicht einfach üben, nett zu sich zu sein.

Auch mal großzügig, wenn man es nicht immer schafft, ein Lächeln zu bewahren. Verständnisvoll, wenn man schon wieder im Jammer-Modus ist. Und bewundernd, wenn man blöde Phasen gut übersteht – egal, wie blöd sie nun objektiv sind.

Klarilari hat früher in Wien BWL studiert. Das gat sie allerdings meist beschämt verschwiegen und stattdessen betont, im Herzen sei sie sowieso derbe die Hamburgerin, Psychologin und Schriftstellerin. Mittlerweile gilt das meiste auch außerhalb ihres Herzens – zumindest studiert sie jetzt Psychologie und schreibt regelmäßig über dies und das und jenes und anderes auch noch. Im schönen Wien ist sie zwar immer noch, aber ihre Heimatstadt wartet schon sehnsüchtig und allzu lang dauert es auch nicht mehr, bis sie sich wieder in die Arme schließen. Und bis dahin hilft das Schreiben dabei, Heimweh, Ängste und andere doofe Gefühle zu überwinden und das Leben mehr wie eine richtig coole Geschichte zu betrachten, in der man gerne die glückliche Hauptperson ist.

Headerfoto: Devin Justesen via Unsplash. („Wahrheit-oder-Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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