Warum uns die Erwartungen anderer zu fremdbestimmten Marionetten machen

Es ist 2018, wir sind mit unserer Gesellschaft gleichzeitig 100 Möglichkeiten und keiner ausgesetzt. Fähigkeiten müssen mit Papieren belegt werden, Papiere kosten Geld, Geld macht abhängig. Familie, Hobby, Zeit für sich. Nie war „Work-Life-Balance“ so IN – und gleichzeitig so weit weg.

Dein Leben. Ja, es ist Deins. Eigentlich.

Dein Leben. Ja, es ist Deins. Eigentlich. Aber schauen wir uns um. Heutige Bühne: Bahnhof Luzern, Schweiz. Viele Füße passieren die Wartebuchten der Gleise. Tagtäglich. Skateboards überholen Frauen in Pumps. Pumps, die in kleinen Abständen dahintrippeln, zu einem wichtigen Meeting. Oder einem leeren Bürotisch, um acht Stunden abzusitzen. Ab und an richtet eine dieser Frauen ihren Schuh, dem das Trippeln zu schnell geht.

Dann grüßen sich zwei junge Männer. Braungebrannte Waden stecken in klobigen Wanderschuhen. Rot, gelb, braun. Völlig egal – die Farben dieser Schuhe sind stets verblichen. Ein kleiner Ring Socke schaut verloren über den Rand, als hätte auch er das Bedürfnis nach Bergen und gleißender Sonne.

Eine Frau eilt dem Lebensmittelmarkt entgegen. Ein Junge klammert sich an ihre Hand. Die Stadt hat Feierabend. Nur der Bahnhof schwirrt, pfeift, rattert und qualmt noch vor sich hin.

Marionetten haben ihren Status und geben sich damit zufrieden.

Marionetten waren einst mit Fäden versehen. Jemand stand über ihnen, hielt die Fäden in der Hand und leitete jeder ihrer Bewegungen. Aufgemaltes Lachen prägte ihre Gesichter. Einer Marionette ging es nicht zwangsläufig gut, aber auch nicht schlecht. Sie hatte ihren Status und gab sich damit zufrieden.

Heute kaschieren sich Fäden geschickter. Sie kommen als kleiner Einkaufszettel daher und vergrößern sich bis zu einer ausgewachsenen To-do-Liste, deren Ende nicht absehbar ist. 100 Möglichkeiten und nur 24 Stunden pro Tag, nur sieben Tage die Woche. Zeit verfliegt, schleicht, geht zu schnell oder manchmal zu langsam. Nur genau richtig ist sie selten. Und wenn, dann will sie eingefroren werden.

Sieht man die Welt einer heutigen Marionette, erkennt man ihre völlig verzerrte Wahrnehmung. Es geht nicht nur um den Einkaufszettel von morgen – es geht um die Meinung des Chefs, die Position des neuen Mitarbeiters, das Familienessen am Sonntag, die Ex des Partners oder den zukünftigen Partner, der sich immer noch nicht entscheiden kann, ob er sich binden will oder nicht.

Die heutige Marionette legt sich einen entscheidenden Faden selber um den Hals. Und zieht ein Leben lang kontinuierlich daran.

Die heutige Marionette legt sich einen entscheidenden Faden selber um den Hals. Und zieht ein Leben lang kontinuierlich daran: Erwartungen.

Das ganze Leben ist an Erwartungen geknüpft. Von Anfang an lernt die Marionette, diesen gerecht zu werden; in der Schule, im Elternhaus und im Beruf, in der Beziehung. Erfüllt sie die Erwartungen, gibt es Anerkennung in Form von guten Noten, Zuwendung und einem anständigen Salär am Ende des Monats – oder sogar Liebe. Sich selber anerkennen? Nie gelernt.

Erwartungen setzen auch eine gewisse Messlatte. Angeblich setz man sie selbst immer höher. Ich stelle mir diese Latte eher als steifes Brett vor, an dem man sich den Kopf stößt und es dann zufällig höher positioniert. Weshalb sonst setzt sich da keiner hin und lässt mal die Füße baumeln? Kaum ist eine Erwartung erfüllt – zack, weiter.

Kaum ist eine Erwartung erfüllt – zack, weiter.

Das ewige Schuldgefühl, noch nicht genug erreicht zu haben, und der dazugehörige Druck führen zwangsläufig zu Atemnot. Die Marionette erkennt irgendwann röchelnd, wo diese Erwartungen entstanden sind: einzig und alleine in ihrem Kopf.

Sie ist so frei wie nie. Und damit völlig überfordert. Was ist nun also diese Marionette, ohne all ihre Fäden und Bänder der Sicherheit?

Grundsätzlich wird sie es erst dann wissen, wenn alle Stränge gekappt sind, sie in sich zusammengefallen und von selber wieder aufgestanden ist. Mut, Selbstbestimmung und ein gutes Gespür für eigene Bedürfnisse lassen sich nicht programmieren, obwohl dieser Programmpunkt ganz oben auf der To-do Liste stünde – stehen müsste.

In meiner Welt würde die Frau nicht den Pumps richten, sondern das Ding in den Abfall schmeißen und barfuß über den Perron schlendern.

In meiner Welt würde die Frau nicht den Pumps richten, sondern das Ding in den Abfall schmeißen und barfuß über den Perron schlendern. Bürostühle sind geduldig. Für das Meeting ist sie eh zu früh da. Und der Chef hat seine Meinung über sie längst gefasst.

Aber das ist meine Welt. Mein linker Fuß stößt sich vom Boden ab, mein rechter bleibt fest auf dem Brett. Ich balanciere mich stetig aus, überhole die trippelnde Frau, sehe im Augenwinkel, wie sie sich an den Knöchel fasst. Ich lasse den Bahnhof hinter mir, klemme das Skateboard unter dem Arm, passiere den Fußgängerstreifen und fahre weiter. Gerade jetzt, in dem Moment, ist meine Welt in Ordnung. Ich bin auf dem Weg. Immer wieder. Und atme tief ein.

Dalya M. Kane: mehr von ihr lest ihr auf ihrer Seite.

Headerfoto: Florian Pérennès via Unsplash.com. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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