Warum stürzen wir uns immer wieder in toxische Beziehungen? Eigentlich wissen wir es doch besser

Jede:r kennt’s, wir alle haben unsere No-Gos, unsere Red Flags, Dinge, die wir nicht mit uns vereinbaren können, erst recht nicht in Beziehungen. Red Flags sind eindeutige Warnungen, dass wir lieber aufhören sollten. Und dann steht da dieser Mensch, die Anziehung könnte größer nicht sein und all die Dinge, die wir auf unserer No-Go-Liste haben, verschwimmen.

„Eigentlich“ weiß ich sehr gut, dass ich nicht mit eifersüchtigen Menschen kann, „eigentlich“ weiß ich auch, was toxische Anzeichen sind und doch entscheide ich mich dafür, weiter zu machen, diesen Menschen weiter kennen zu lernen.

Ich überschreite meine eigenen Grenzen, mache mich dadurch verwundbarer und vor allem auch anfälliger, um sehr tief in den Strudel zu rutschen und verletzt zu werden.

Eigene Grenzen, eigene Schwächen

Das Übergehen von eigenen Grenzen führt so gut wie immer dazu, dass es am Ende weh tut. Und warum machen wir so etwas? Warum stellen wir Stopp-Schilder auf und rasen dann hindurch? Wenn wir doch eigene Grenzen und vor allem auch Red Flags haben, die wir kennen, warum übergehen wir sie so bewusst?

Von meinen Freundinnen, die auf Männer stehen, höre ich sehr oft: „Ja, er war so, aber für mich würde er sich sicher ändern.“ – Ist das so? Warum sollte er sich ändern, wenn es ihm bisher nie geschadet hat, so zu sein? Ich habe auch schon Raucher:innen gedated und war nach Wochen enttäuscht, warum er oder sie nicht direkt aufgehört hat zu rauchen.

Von meinen Freundinnen, die auf Männer stehen, höre ich sehr oft: ‘Ja, er war so, aber für mich würde er sich sicher ändern.’ – Ist das so? Warum sollte er sich ändern, wenn es ihm bisher nie geschadet hat, so zu sein?

Das sind demnach auch Erwartungen, die ich habe, die dann nicht erfüllt werden, von denen ich dann enttäuscht bin. Ein absoluter Unglücks-Strudel.

Bei mir liegt die Frage nach dem Warum sicher auch darin, dass ich Menschen retten möchte. Schon meine erste Jugendliebe hatte eine schwere Kindheit, kein unterstützendes Zuhause und keinen Ausweg. Das ist so ein roter Faden, der sich durch meine roten Flaggen zieht. Menschen, die Hilfe brauchen, die jemanden brauchen, der sie hält, Menschen, die vielleicht selber erkennen, dass sie toxisch sind – ich bin interessiert.

Menschen, die Hilfe brauchen, die jemanden brauchen, der sie hält, Menschen, die vielleicht selber erkennen, dass sie toxisch sind – ich bin interessiert.

Das ist jetzt aber kein Mutter-Theresa-Komplex, auch wenn es sich so anhören sollte. Ich möchte ja nicht jede:n retten, nur kaputt ist irgendwie manchmal interessanter als heil.

Was bedeutet überhaupt toxisch? 

Ich habe mich damit beschäftigt, was uns so an Menschen anzieht, die nicht gut für uns sind. Oder sogar toxisch. Was bedeutet toxisch eigentlich? Es gibt toxische Beziehungen und auch toxische Partner:innen und der erste und wichtigste Punkt, um diese zu erkennen, ist das Gefühl, mit dem sie uns hinterlassen.

Ich beschreibe das immer gerne als das Gefühl, das die Dementoren bei Harry Potter hinterlassen. Sie kommen in einen Raum und alles ist kalt, gefühllos, lethargisch und von Unglück geprägt. Toxische Menschen hinterlassen verbrannten Boden. Warum sollte man also mit toxischen Menschen befreundet oder in einer Beziehung sein?

Es gibt toxische Beziehungen und auch toxische Partner:innen und der erste und wichtigste Punkt, um diese zu erkennen, ist das Gefühl, mit dem sie uns hinterlassen.

Weil sie die lebende Definition von „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ sind. Sie machen dich unfassbar weltenumarmend glücklich und Sekunden später denkst du, dass du nicht mehr atmen kannst vor Unglück. Diese positiven Momente machen dich so süchtig, dass du mehr davon willst und irgendwann auch brauchst. Ganz wie eine Droge.

Im Nachhinein schaust du auf toxische Begegnungen und schüttelst den Kopf über dein Gefühlschaos und deine Momente, in denen du all das zugelassen hast. Aber in der Sekunde bist du abhängig.

Genau hinschauen: Bei anderen und sich selbst 

Und warum fallen wir nun häufiger in toxische Verbindungen? Lernen wir nicht dazu? Christian Hemschemeier ist Psychotherapeut und Autor und schreibt: „Diese Sehnsucht flammt meist dann auf, wenn wir uns beispielsweise schlecht fühlen, wenn eine neue herausfordernde Aufgabe auf uns wartet oder wenn wir einer unbekannten Situation gegenüberstehen. Immer wenn wir uns auf irgendeine Art unsicher fühlen, rutschen wir ganz leicht in unseren kindlichen Modus.“ Dieser Modus führt dann oft dazu, dass wir mehrere Runden im toxischen Karussell drehen.

Wenn ich mit Freund:innen über toxische Situationen spreche, sagen sie oft, dass toxisch so hart und so endgültig klingt. Aber ich glaube, wenn wir normalisieren, dass wir alle irgendetwas Toxisches an uns tragen, bekommt der Ausdruck direkt eine andere Bedeutung.

Wenn ich mit Freund:innen über toxische Situationen spreche, sagen sie oft, dass toxisch so hart und so endgültig klingt. Aber ich glaube, wenn wir normalisieren, dass wir alle irgendetwas Toxisches an uns tragen, bekommt der Ausdruck direkt eine andere Bedeutung.

Auch ich habe toxische Eigenschaften. Zu toxischen Beziehungen gehören immer zwei. Was heißt das jetzt für unsere Red Flags? Sollten wir Menschen mit diesen Eigenschaften direkt in die Schublade „No Match“ stecken oder müssen wir diese Erfahrungen weiter für uns machen?

Ich glaube, dass das Bewusstsein darüber uns helfen kann. Dass wir uns bewusst sind, was unsere Red Flags sind, warum wir sie genau bei dieser Person ignorieren und wie wir uns damit fühlen.

Negative Gefühle sind erst mal gar nicht so negativ, sie anzuerkennen und bewusst zu fühlen, ist etwas Gutes. Ihnen dann im nächsten Schritt nicht mehr so hinterherzurennen, ist meiner Meinung nach sehr gesund.

Negative Gefühle sind erst mal gar nicht so negativ, sie anzuerkennen und bewusst zu fühlen, ist etwas Gutes. Ihnen dann im nächsten Schritt nicht mehr so hinterherzurennen, ist meiner Meinung nach sehr gesund.

Wir lernen alle jeden Tag dazu und jeden Tag auch etwas mehr über uns und über andere. Vielleicht stellt ihr euch ja jetzt auch die Frage, was toxisch an euch ist, aber vielleicht fragt ihr euch auch: Was gebe ich anderen mit, womit helfe ich anderen, wer möchte ich sein?

Headerfoto: Jaspereology via Unsplash. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

Katharina Wohlrab ist die erste queere Vize Miss Germany und lebt zusammen mit ihrer Frau und ihren zwei Hunden in Berlin. Sie ist Sinnfluencerin, Mental Health Aktivistin und setzt sich aufgrund ihrer eigenen Geschichte für Survivor von sexualisierter Gewalt ein. Hier betreibt sie sowohl auf ihrem Instagram Kanal als auch in ihrem Podcast „Träuma weiter“ Aufklärungsarbeit und gibt all denen eine Stimme, die momentan nur flüstern können. Katharina ist sehr strukturiert und kann auffallend gut einparken und vegane Kuchen backen.

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