Vorurteile gegenüber mehrgewichtigen Menschen: Wie ich lerne, meine Fatphobia zu überwinden

Es gab eine Zeit, in der dünn sein für mich alles war. In der sich ein Großteil meiner Gedanken um Kalorienaufnahme und anschließende -verbrennung drehte. Obwohl ich selbst einem vermeintlichen Schönheitsideal zu viel Zeit und zu viele Nerven opferte, verstand ich zu dieser Zeit nicht, wie andere Menschen ein schlankes, sportliches, „gesundes“ Aussehen nicht zur Priorität machen konnten.

Ich war mir sicher, dass sie selbst für ihre Figur verantwortlich waren: Vielleicht aßen sie zu viel, zu kalorienreich oder bewegten sich zu wenig. Mit ein wenig Disziplin könnte doch sicher jeder Mensch schlank sein, von ganz wenigen Ausnahmen vielleicht abgesehen. Und wie könnte man das nicht wollen?

Dieses Verhalten, das ich an mir selbst feststellen konnte, nennt sich Fatphobia, die Angst vor beziehungsweise Abneigung gegenüber Mehrgewicht und mehrgewichtigen Menschen. Es handelt sich dabei um ein Phänomen, das in unserer Gesellschaft ziemlich weit verbreitet ist. Denn wir lieben Äußerlichkeiten. Und Disziplin. Und einfache Schlussfolgerungen; die ganz besonders.

Wie mehrgewichtige Menschen diskriminiert werden

Mit Sicherheit bin ich nicht die einzige, die große Angst davor hatte, zuzunehmen und nicht mehr einem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen. Denn instinktiv wissen die meisten von uns: Wer mehrgewichtig ist, wird oft anders behandelt.

Egal ob beim Bewerbungsgespräch oder bei der medizinischen Untersuchung, unterschwellige Diskriminierung gegenüber mehrgewichtigen Menschen ist weit verbreitet. Denn diesen werden häufig bestimmte – zum Großteil negative – Eigenschaften zugeschrieben, die sicher vielen bekannt sind und denen ich hier keinen weiteren Raum geben möchte.

Egal ob beim Bewerbungsgespräch oder bei der medizinischen Untersuchung, unterschwellige Diskriminierung gegenüber mehrgewichtigen Menschen ist weit verbreitet.

Auch Mikroaggressionen sind für viele mehrgewichtige Menschen an der Tagesordnung. Zu abwertenden Äußerungen oder schiefen Blicken kommen auch Verhaltensweisen, die akut gesundheitsgefährdend sein können. Beispielsweise werden Mehrgewichtige in der medizinischen Praxis oft weniger ausgiebig untersucht. Stattdessen bekommen sie häufig die pauschale Empfehlung, ihr Gewicht zu reduzieren. Über solche und andere Vorkommnisse wird auch auf dem Instagram-Profil @wenigstenseinhübschesgesicht berichtet.

Als eine Person, die gewichts- und figurtechnisch dem Durchschnitt entspricht und dementsprechend thin privilege genießt, kann ich selbst allerdings nur erahnen, wie die Realität für mehrgewichtige Menschen aussieht.

Geht es wirklich um Gesundheit?

Wenn mehrgewichtigen Menschen wegen ihres Körpers Vorwürfe gemacht werden, geschieht das oft unter dem Deckmantel der Besorgnis um die Gesundheit des Gegenübers.

Mehrgewichtige Menschen lassen sich leicht in eine „ungesunde“ Schublade stecken – auch, wenn wir überhaupt keinen Einblick in ihre Gewohnheiten haben. Dabei ist die Realität nicht so simpel. Und höchstwahrscheinlich ist die Person, die einen abwertenden Kommentar unter ein Instagram-Foto schreibt, nicht so sehr um die Gesundheit der abgebildeten Person besorgt, wie sie es vorgibt zu sein.

Menschen, die rauchen, trinken oder Fast Food essen, müssen sich im Normalfall nicht ständig für ihr ungesundes Verhalten rechtfertigen.

Menschen, die rauchen, trinken oder Fast Food essen, müssen sich im Normalfall nicht ständig für ihr ungesundes Verhalten rechtfertigen. Doch so oder so haben wir schlicht nicht das Recht dazu, die Körper anderer Menschen ungefragt zu kommentieren oder „hilfreiche“ Tipps zu geben.

Stress, der durch Stigmatisierung verursacht wird, kann Menschen sogar krank machen. Auch im Bezug auf rassistische Diskriminierung wurde in Studien eine chronische Stressbelastung nachgewiesen, die das Risiko für Krankheiten wie Diabetes oder sogar einige Krebsarten erhöhen kann.

Every Body is different

Meine persönliche Sicht auf Personen mit Mehrgewicht änderte sich erst, als ich selbst erfuhr, was es heißt, die strenge Kontrolle über die eigene Figur aufgeben zu müssen. Bedingt durch die zu geringe Kalorienzufuhr hatte meine Regelblutung mehrere Jahre ausgesetzt. Ich sah zwar fit und sportlich aus, aber gesund war ich nicht.

Um wieder zu einem Körper in Balance zurückzufinden, musste ich mich vor allem ausruhen und essen. Und zunehmen. Das klingt deutlich einfacher, als es war. Doch irgendwann lernte ich, wieder auf meinen Körper zu hören und meine Gesundheit über Äußerlichkeiten zu stellen.

Und je mehr mentale Freiheit ich erlangte, desto wütender wurde ich. Ich bin es noch immer. Ich bin wütend auf eine Gesellschaft, die die äußere Erscheinung eines Menschen über dessen tatsächliche Gesundheit stellt. Und ich bin traurig – und wütend – dass ich so viel Zeit damit verbracht habe, einem „perfekten“ Äußeren nachzueifern. Zeit, in der ich kreativ sein, neue Menschen kennenlernen, eine Sprache lernen oder einfach Spaß haben hätte können.

Ich bin wütend auf eine Gesellschaft, die die äußere Erscheinung eines Menschen über dessen tatsächliche Gesundheit stellt.

Denn ganz ehrlich: Wie viele coole Dinge kannst du erschaffen, wenn sich nicht der Großteil deiner Gedanken um die nächste Mahlzeit dreht? Wie viel Neues kannst du entdecken, wie oft aus tiefstem Herzen lachen, in den anderthalb Stunden pro Tag, an denen du dich sonst immer ins Gym quälst, obwohl du eigentlich gar keinen Bock hast?

Vor allen Dingen wurde mir klar, dass das Körpergewicht nicht so frei beeinflussbar ist, wie ich immer dachte, dass wir tatsächlich einen relativ geringen Einfluss auf unser Körpergewicht haben. Und dass es auch völlig legitim ist, im Leben andere Prioritäten zu setzen als ein Sixpack und eine Thigh Gap zu haben, selbst wenn das möglich wäre.

Auch wenn ich es gerne würde, kann ich nicht garantieren, dass ich meine Fatphobia restlos überwunden habe. Das wäre zu viel gesagt in einer Gesellschaft, die uns bestimme Vorurteile von klein auf eintrichtert und diese ständig reproduziert.

Doch sie zu erkennen, wenn sie ganz automatisch im eigenen Kopf auftauchen, ist stets der erste Schritt. Sie zu betrachten und kritisch zu hinterfragen ist der nächste. Und irgendwann existieren sie vielleicht nur noch als schwache Schatten irgendwo im Hinterkopf, die uns daran erinnern, dass Gleichheit keine Selbstverständlichkeit ist.

Helen ist in Gedanken eigentlich immer auf einem Roadtrip, klettert oft auf Bäume und macht irgendwas mit Jura. Ihre Gedanken packt sie gerne in Textform und dann meistens auf ihren Blog. Was ihre Vorlieben angeht, schwankt sie stets zwischen Punk und Pop, Tanzen und Teetrinken, Kunst und Katzenvideos. Am glücklichsten ist sie, wenn die Sonne scheint und patriarchale Strukturen aufgebrochen werden. 

Headerfoto: shannon VanDenHeuvel via Unsplash.com. (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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