Vom Sterben und vom Werden – wir sind alle Unikate eines großen Ganzen

Die Frage nach dem Tod und der Zeit danach hat den Menschen seit jeher beschäftigt. Gibt es Parallelen zwischen der Geburt und dem Tod? Sind die beiden überhaupt zu trennen? Teilen sie sich nicht vielleicht sogar gemeinsam die Hauptrolle und treten immer im Duo auf?

Der Sterbeprozess ähnelt dem Geburtsprozess insofern, weil er uns ebenfalls in eine andere Wirklichkeit entbindet. Er ist, so könnte man sagen, auch ein Geburtsprozess. Wir liegen in den Wehen und entbinden uns in den Tod. Auch unsere Geburt war, wenn man so will, ein kleiner Tod, denn wir haben die Wirklichkeit des Mutterschoßes verlassen und wussten nicht, ob die Reise hier zu Ende geht und wir danach weiterleben oder sterben werden.

Genauso ergeht es uns mit dem Tod. Gehen wir ins Nichts und in eine Leere oder werden wir bloß in eine andere Form der Wirklichkeit entbunden? Und ist sterben nicht eigentlich „geboren werden“? Unser Leben ist ein Sterben und ein Werden. Wir sind zu keinem Zeitpunkt immer dieselben. Unsere Zellen erneuern sich ständig, unsere Haut erneuert sich usw. Bin ich heute dieselbe wie gestern?

Der Mensch als Raupe Nimmersatt 

Hat die Raupe ein Bewusstsein darüber, dass sie sich eines Tages zu einem mit den Flügeln schlagenden Wesen transformieren wird? Für mich symbolisiert die Raupe unseren physischen Körper, der nach Nahrung, Schlaf, Pflege, Wärme und Schutz verlangt. Wir sind ihm ein bisschen Untertan, denn er fordert ein, dass seine primären Bedürfnisse gestillt werden. Als Raupe sind wir Suchende, die nie satt zu werden scheinen, aber wir sind auch Wachsende und Reisende, die sich bereits auf den Weg gemacht haben.

Unser Leben ist geprägt von Sterbeprozessen und Erneuerungsprozessen, von Zerfall und Wachstum. Diese Reise, die wir „das Leben“ nennen, hat ein Verfallsdatum. Einen Anspruch auf eine Mindesthaltbarkeit hat niemand. In beiden Fällen werden wir in eine Ungewissheit entlassen. Unser Leben beginnt im Inneren unserer Mutter, wir leben mit und von ihr. Sie teilt ihren Körper mit uns. Wir sind eins und doch sind wir zwei. Aus dem einstigen „Ich“ der Mutter wurde nach Schwangerschaft und Geburt ein „Du“ und „Ich“. Der Tod ist ein Bauteil im Schaltkreis unseres Lebens.

Wenn man von Kreisen spricht, dann sind damit oft auch Zyklen gemeint. Auch unsere Leben sind Zyklen unterworfen. Es gibt Zeitfenster, die sich öffnen und wieder schließen wie zum Beispiel die Empfängnisbereitschaft im weiblichen Zyklus. Ein Kind im Mutterleib kann zwar bereits gezeugt, aber noch nicht geboren sein. Seine Existenz kann mit stetig wachsendem Bauch bald nicht mehr geleugnet werden. Es befindet sich aber zwischen den Welten. Es lebt zwar im Inneren der Mutter ist aber noch gänzlich ungeboren.

… unsere Leben sind Zyklen unterworfen. Es gibt Zeitfenster, die sich öffnen und wieder schließen wie zum Beispiel die Empfängnisbereitschaft im weiblichen Zyklus.

Es ist bis zu einem gewissen Entwicklungszeitpunkt nicht in der Lage zu überleben, wenn eine verfrühte Geburt einsetzen würde. Es ist zu unreif für eine Geburt, kann aber auch nicht in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehren. Es befindet sich in einer Zwischenwelt. Erst wenn es in das Leben, in sein Leben hineingeboren wird, verlässt es diesen Zustand. Vielleicht ist das Leben auch eine Art Zwischenwelt, eine Welt zwischen den Welten.

In der Vergangenheit liegt unsere physische Geburt. Das Leben und der jetzige Augenblick formen unsere Gegenwart und in der Zukunft liegt der Tod. Unser Leben, eingerahmt von der Geburt und vom Tod wie ein Gemälde.

Sind wir wirklich in dieses Leben geschmissen worden wie ein ausgespuckter alter Kaugummi? Und kommen wir nicht im Grunde genommen vom selben Ort?

Sind wir nicht alle einst von einer Frau geboren worden? Ich denke, es ist wichtig, nicht den Kontakt zu sich selbst zu verlieren, damit wir uns nicht selbst fremd werden oder es gar bleiben und dadurch zu Fremden im eigenen Haus werden.

Wir können einen anderen nur so weit erkennen, wie wir uns selbst erkannt haben und wir können einem anderen Menschen nur so tief begegnen, wie wir bereit waren, zu uns selbst hinab zu tauchen.

Wir begreifen uns durch den Kontakt zu anderen, weil hier Kontraste und Gemeinsamkeiten sichtbar werden. Wir können einen anderen nur so weit erkennen, wie wir uns selbst erkannt haben und wir können einem anderen Menschen nur so tief begegnen, wie wir bereit waren, zu uns selbst hinab zu tauchen.

Unsere Selbsterkenntnis wird immer begrenzt sein, genau wie unsere Erkenntnisse über andere. Das gesamte Bild werden wir wohl nie gänzlich erfassen. Wir bekommen das von uns zu sehen, was wir erkennen können und in dieser Begrenztheit sehen wir auch die anderen. Ich denke dennoch, dass Selbstverständnis, also sich selbst „verstehen lernen“ und gleichzeitig Mitgefühl für sich und seine Entscheidungen zu haben, eine essenzielle Voraussetzung ist, um andere zu verstehen.

Es ist wichtig, seine eigene „innere Muttersprache“ kennenzulernen, bevor man sich mit einer Fremdsprache auseinandersetzt. Man wird Gemeinsamkeiten in der Sprache entdecken, die andere sprechen, aber auch Unterschiede. Dieses Wissen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede kann immer wieder als eine bereichernde Ergänzung über uns selbst und andere verstanden werden.

In uns liegt ein Ozean 

Vollkommen ergründen werden wir uns selbst und unsere Mitmenschen wohl nie. Wir durchqueren unseren eigenen inneren Ozean und erkunden den Meeresboden. Manchmal surfen wir auch nur an der Oberfläche und uns fliegt eine frische Meeresbrise um die Ohren.

An anderen Tagen wiederum gehen wir auf Tauchgang und entdecken vielleicht ein altes, längst vergessenes Schiffswrack aus unserer Vergangenheit. Alte in Seenot geratene Beziehungen, die Schiffsbruch erlitten haben und gnadenlos untergingen. Ich denke, das ist eines unserer vielen menschlichen Dilemmata. Wir sind so verschieden und doch sind wir alle Bruchstücke derselben Vase, die einst in Milliarden kleine Einzelteile zerschlagen wurde.

Jedes Bruchstück ein Unikat: verschieden geformt, bemalt, unterschiedlich gesplittert und doch hat jede*r einen Platz im Bild des großen Ganzen. In der Freude, im Leid, im Werden und im Sterben zieht sich ein roter Faden durch unsere Leben, der uns in unserem Menschsein miteinander verbindet.

Dimitra ist eine naturverbundene Seelenschmökerin mit Hang zur Tagträumerei und melancholischem Einschlag. Philosophiert gerne über das Leben und belästigt nun neuerdings auch ihre Mitmenschen mit ihren schriftlich festgehaltenen Gedanken.

Headerbild: Mohammed Hassan via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.