Verliebt, verlobt, verheiratet: Wann wird aus einem „Für immer“ ein „Lebenslänglich“?

Im letzten Jahr haben sich sieben Freundinnen von mir verlobt, drei davon haben sogar wenig später geheiratet, eine erwartet ein Kind. Im Jahr 2020, im Corona-Jahr. Und obwohl ich mich für alle von ihnen aufrichtig gefreut habe, muss ich doch gestehen, dass ich nicht minder überrascht war, dass sie alle gerade im vergangenen Jahr den Mut dazu hatten, diesen Schritt zu wagen. Ja zu sagen, wenn auch erstmal in den meisten Fällen rein hypothetisch.

Jetzt könnte man natürlich fragen: Warum nicht? Wenn nicht in diesem Jahr, wann dann? Die Umstände auf der Welt haben gezeigt, dass ganz Vieles verdammt schnell vorbei sein oder sich zumindest ganz schnell rapide verschlechtern kann. Da ist der Wunsch nach einer Konstante zumindest im Liebesleben nur allzu verständlich.

Auch liegt natürlich der Gedanke nicht fern: Wenn man das letzte Jahr gemeinsam als Paar überstanden hat, dann kann der Rest, wann auch immer was für eine Scheiße noch kommen mag, nur ein Spaziergang dagegen sein. Vorausgesetzt man hat keine Abneigung gegen Spaziergänge entwickelt.

Wie kann ich wissen, ob es für ein „Für immer“ reicht?

Ich bin selbst in einer Beziehung, schon seit vier Jahren. Aber wenn ich mir vorstelle, dass mein Partner mich jetzt fragte, ob wir „für immer“ zusammenbleiben wollen – und das auch noch vom Standesamt abgestempelt – dann müsste ich, um ehrlich zu sein, schon zweimal überlegen. 

Ich liebe meinen Freund und wir haben im letzten Jahr auch den ein oder anderen Schritt getan, der auf ein „Für immer“ irgendwie hinauslaufen oder zumindest dazu gehören könnte: Wohnungskauf, Möbelkauf (gemeinsam ausgesuchte Lampen in fast allen Zimmern!) und ein gemeinsames Haustier.

Aber im Grunde hat unsere Beziehung sich in den letzten Monaten nicht wirklich weiterbewegt. Sie ist gleich geblieben. Gleich gut, an anderen Stellen gleich schlecht. Woher soll ich also wissen, ob das der Mensch ist, mit dem ein „Für immer“ funktionieren kann, und nicht nach kurzer Zeit schon zu einem „Lebenslänglich“ wird?

 Aber woher nehmen meine Freundinnen diese Sicherheit, diese eine Person gefunden zu haben?

Natürlich ist mir bewusst, dass man auch bei einer Ehe immer wieder sagen kann, dass man nicht mehr möchte. Nicht umsonst wird derzeit jede zweite Ehe wieder geschieden. Aber es heiratet doch eigentlich niemand, wenn er sich nicht zumindest in diesem Moment sicher ist, dass die Beziehung für immer halten wird. Ich bin wirklich die Letzte, die es verurteilt, wenn eine Beziehung nicht hält. Nicht für immer hält, nicht allem standhält. 

Dennoch finde ich, dass das zumindest für mich eigentlich etwas Wünschenswertes ist. Der Gedanke ist doch in den meisten Fällen ein schöner: Jeden Tag neben der einen Person aufzuwachen, glücklich bis dass der Tod uns scheidet.

Aber woher nehmen meine Freundinnen diese Sicherheit, diese eine Person gefunden zu haben? Was gibt ihnen die Zuversicht, dass aus ihrem „Für immer“ kein „Lebenslänglich“ wird? Wie erkennt man das, dass man den oder die Richtige:n gefunden hat? Ich hatte dieses Gefühl schon einmal zuvor und wurde – nicht zuletzt von mir selbst – bitterlich enttäuscht. 

Bedeuten diese Zweifel, dass meine Beziehung nicht die richtige ist? Oder zumindest nicht mehr?

Findet man dieses Gefühl nur einmal, und wenn man diese Gelegenheit nicht nutzt, ist die Chance dann für immer vertan? Alles, was danach kommen könnte, nur noch ein Papierring, oder eben ein quälendes „Lebenslänglich“ statt einem schönen „Für immer“?

Ich habe, man kann es hier deutlich lesen, meine eigenen, ganz persönlichen Zweifel. Aber bedeuten diese Zweifel, dass meine Beziehung nicht die richtige ist? Oder zumindest nicht mehr? Darf man an seiner Beziehung zweifeln? Oder macht man das einfach nicht? Und die wichtigste Frage von allen: Macht es meine Beziehung schlechter als alle anderen, wenn ich zweifle?

Vielleicht muss ich diese Zweifel ja auch nur eine Weile haben und darf sie dann, wenn der Moment kommt, endlich ablegen. Vielleicht ist dann, wenn die Frage nach dem gemeinsamen „Für immer“ kommt, endlich die Zeit gekommen, sie für alle Zeit über Bord zu werfen. Und wenn nicht, vielleicht ist das dann auch gar nicht schlimm. Denn ob ein „Für immer“ ein „Lebenslänglich“ wird, liegt ja in unseren Händen.

Unsere Autorin möchte lieber anonym bleiben. 

Headerfoto: KaLisa Veer via Unsplash. (“Gedankenspiel”-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Ich habe letztes Jahr geheiratet, obwohl ich die Ehe für mich immer abgelehnt habe. Wir waren zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits 17 Jahre zusammen und dennoch hatte ich Zweifel. Vor der Trauung im Standesamt war mir sogar richtig übel… Es gab jedoch Gründe, die für die Ehe sprachen und im Alltag hat sich für uns nichts geändert. Ich denke, zweifeln ist normal und gehört dazu.

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