Verletzlichkeit ist kein Zeichen von Schwäche – Über Gefühle beim ersten Treffen nach der Trennung

So. Jetzt schnell noch die Jacke anziehen und gucken, wann die Bahn kommt. Von Endorphinen berauscht mache ich mich auf den Heimweg. In meinen Augenwinkeln brechen sich salzige Perlen ihren Weg. Sie fließen an meinen Wangenknochen der Erde entgegen.

Ich fühle mich gut. Es geht mir so unfassbar gut in diesem Moment. Und du bist der Grund. Bis vor ein paar Stunden war damit noch nicht zu rechnen. Ich muss so sehr lächeln. Man könnte denken, ich hätte ein Honigkuchenpferd zum Abendbrot verspeist.

Ich fühle mich gut. Es geht mir so unfassbar gut in diesem Moment. Und du bist der Grund.

Rückblende. Der Gedanke, dich hier anzutreffen, löste in mir Tage und Wochen vorher Magengrummeln aus. Es fühlte sich alles leer und so beschissen an. Die Farben, die uns ausmachten? Ich dachte, sie würden mit der Zeit verblassen. Sie stechen mir heute wieder ins Gesicht. Wo doch alles grauer, blasser wurde.

Unsere gemeinsamen Wege haben sich vor geraumer Zeit getrennt. Heute kreuzen sie sich wieder. Es war klar, dass wir uns heute begegnen, denn ich hab bei Facebook gesehen, dass du auch zum Konzert kommen wirst. Dort sind wir immerhin noch verbunden. Zumindest so halb. Unsere Trennung habe ich bis jetzt noch nicht verkraftet.

Und nun begegnen wir uns bei etwas, das uns verbindet. Dieses Konzert. Diese ungreifbar vielen Energien, die davon ausgehen. Jene Lieder, zu denen wir uns lauthals die Kehle aus der Brust gesungen haben, obwohl niemand von uns wirklich gut singen kann. Außer dir.

Heiserkeit, Stimmverlust und Endorphinrausch, all das haben wir bewusst in Kauf genommen. Es war uns schnurzpiepegal, vielleicht nicht optimal, aber dafür genial, da wir uns hatten.

Und nun begegnen wir uns bei etwas, das uns verbindet. Dieses Konzert. Jene Lieder, zu denen wir uns lauthals die Kehle aus der Brust gesungen haben.

Ich habe mir in meiner Fantasie vorher ausgemalt, was ich dir alles sage, wie ich mich gebe und wie nicht.

Variante 1: Ich gebe mich ganz cool und zeige dir eine vermeintlich ganz starke Seite und tu so, als würdest du mir nichts auszumachen.
Variante 2: Ich begrüße dich mit einem Lächeln, denn Angriff ist bekanntlich die beste aller Verteidigungsstrategien.
Variante 3: Vielleicht stammel ich am Ende auch nur irgendeinen Scheiß zusammen, für den ich mich am Ende selbst ohrfeigen könnte. Nur um diesen unangenehmen Moment irgendwie zu überspielen.

Wir entdecken uns jetzt in der Masse von hüpfenden Menschen, die in die Musik versunken sind. Ich stehe sprachlos und wie angewurzelt einige Meter neben dir. Nicht mal zum rhythmischen Schlagen des Basses kann ich mich bewegen. Meine Stimme versagt kläglich. Und das, obwohl ein Teil in mir am liebsten sofort Reißaus nehmen würde.

Französisch-Polynesien wäre ein gutes Ziel. Nicht wegen der Landschaft, der Kultur oder des Essens. Nein, sondern weil es von hier aus gesehen am Arsch der Welt ist. Ein Teil in mir fände es gut, wenn uns die größtmögliche Anzahl an Metern trennen würde. Für mich fühlt sich das hier gerade an, wie eine nicht enden wollende Sekunden-Stunde.

Ich lasse die Variantenspielchen sein, denn wie sonst keine kannst du in mir lesen. Kannst die Thesen widerlegen, die ich über mich aufstelle. Nur mit einem einzelnen Wort. Du erkennst Dellen, die ich versuche zu kaschieren. Nur damit fremde Bekannte sie nicht falsch interpretieren.

Verletzlichkeit zu zeigen, ist kein Zeichen von Schwäche. Erst recht nicht, wenn dir ein herzensnaher Mensch begegnet.

Verletzlichkeit zu zeigen, ist kein Zeichen von Schwäche. Mehr so eine Facette von unüberwindbarer Stärke. Erst recht nicht, wenn dir ein herzensnaher Mensch begegnet.

Wir tauschen vertraut anmutende Blicke aus. Ich entscheide mich für das Lächeln. Ein Lächeln, das in keiner der überlegten und ausgearbeiteten Varianten so vorkam. Kein Angriff ist die beste Verteidigungsstrategie, denn vor dir muss ich mich nicht verteidigen. Das Leben ist zu kurz, um vermeintlich gut geplante Pläne in die Realität umzusetzen. Die Entscheidung? Sie fällt spontan, denn das löst du aus, wenn das viele Positive das Negative besiegt.

Du erwiderst es. Du lächelst und ich merke, wie du mir durch deine Augen auf die Schulter klopfst. So als würdest du sagen wollen, dass es okay ist, wie ich gerade empfinde. Es ist okay, dass es mir momentan nicht gut geht, wenn ich dich sehe und an dich denke.

Was bedeutet das, fragt mein Kopf. Doch er wird vom Bass übertönt. Endlich, sagen Herz und Bauch! Diese innere Akzeptanz, sie ist nun da. Irgendwie habe ich dein Lächeln wohl noch einmal gebraucht, damit ich weitergehen gehen kann. Nur durch dein erwiderndes Lächeln. Wieder einmal hast du mich bezaubert.

Meine Füße bewegen sich wieder. Ich tanze mir die Füße wund. Schiefe Töne erklingen aus meinem Mund, aus meiner Kehle. Heiserkeit und Stimmverlust sind mir jetzt nicht wichtig.

Diese innere Akzeptanz, sie ist nun da. Irgendwie habe ich dein Lächeln wohl noch einmal gebraucht, damit ich weitergehen gehen kann.

Unser Lächeln ist die einzige Form von Kommunikation, die wir an diesem Abend haben. Nachdem der letzte Akkord erklungen ist, gehen wir wieder getrennte Wege. Sie werden sich wieder kreuzen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht mit jenen Liedern, zu denen wir uns die Kehle lauthals aus der Brust gesungen haben oder auch singen werden. Nur eben getrennt voneinander. Und das fühlt sich ziemlich gut an.

Ich verlasse den Club und gehe nach Hause. Ich muss so sehr lächeln. Das Honigkuchenpferd ist in mein Gesicht gemalt. Und aus meinen Augen fangen salzige Perlen an zu fließen.

Felix liebt Filterkaffee, Konfetti, laute und leise Gitarren, in Wort gefasste Poesie und gefühlt tausend andere Dinge. Mal ehrlich, direkt und frei nach Berliner Schnauze. Mal poetisch philosophisch und nichtssagend. Aber immer auch ein wenig selbstironisch. Ein Kopf der sich in keine Schublade stecken lassen will, denn diese engen das Denken nur ein. Mehr von ihm gibt’s auf Instagram.

Headerfoto: Štefan Štefančík via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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