Verlangen in Zeiten von Corona – von Nacktfotos zu Camsex

So, angeteast habe ich die Situation zwischen mir und meinem letzten Date mittlerweile doch recht ausufernd. Wer noch einsteigen will: Hier lest ihr das Prequel, hier gibt es Teil 1 und schon seid ihr mitten in Teil 2, dem grand finale.

Wo waren wir stehengeblieben, auf unserer gemeinsamen Reise durch mein Privatleben, zu dem ich euch so freimütig eingeladen habe? Ach ja. Dieses immense Verlangen, jemanden zu treffen, ihm oder ihr nah zu sein, diese Person zu berühren, zu streicheln, zu küssen, mit ihr zu schlafen – alles, was gerade Tabu ist, beherrscht ziemlich viele meiner freizeitlichen Gedanken.

Alles, was gerade Tabu ist, beherrscht ziemlich viele meiner freizeitlichen Gedanken.

Also, was mache ich, wozu führt das? Ich versetze mich quasi in Trance, fantasiere mich in die Situation, die es geben könnte, die es vielleicht schon einmal gab und … berühre mich selbst. Vermutlich. Nur ist dies kein selbstermächtigender Akt, sondern der nachgebende Versuch, diesem inneren Verlangen irgendwie gerecht zu werden. Mein Hunger auf diesen nur allzu real existierenden Menschen wird damit nicht wirklich gestillt, aber was bleibt mir schon anderes übrig? Ja, richtig: nichts.

Diese Situation ist nicht unbedingt völlig unbekannt, könnte man einwenden. Nur gab es bisher vielerlei Gründe, warum die herbeigesehnte Person not available war: Urlaub, Auslandssemester – oder sie hatte doch nicht so viel Interesse wie ich an ihr … Urlaub und Auslandssemester brechen jedoch nicht (so) spontan-überraschend über zwei Menschen herein – das Vermissen und Verlangen ist also unmissverständlich an Termine geknüpft.

Und na ja, unerwiderte Verliebtheit konnte ich dann doch irgendwann ablegen und die Kränkung darüber hat weitere sexuelle Fantasien gesund-gut unterbunden, glaube ich, so im Rückblick. Aber wie lange soll diese gerade herrschende Kontaktsperre nun gehen? Wann werde ich ihn wiedersehen? Ist unser Moment, diese prickelnde Phase der Neugierde aufeinander dann vielleicht schon passé, vorbei, bevor es richtig begonnen hat?

Camsex und Lockdown

Da gibt es also nun also diese Person, die mir ein bisschen zu gut gefällt. Mit der ich so gerne schreibe, telefoniere und heiße Texte austausche. Der ich Sprachnachrichten schicke, mit meiner sinnlichsten Stimme aufgenommen, um den Hype zu erhalten. Erscheint sein Name auf meinem Handy, ist da ein Ziehen im Bauch, ein unwillkürliches Excitement steigt in mir hoch.

Fast jede Nacht schlafe ich mittlerweile mit dem Gedanken an Sex mit ihm ein, ausgerechnet jetzt. Das Schreiben und Telefonieren, wofür wir dank Homeoffice und #StayHome-Modus viel Zeit haben, regt den Appetit nur noch weiter an, scheint mir, als ihn zu stillen. Warum also noch überlegen, ob ich mit ihm camen möchte? Eine neue Erfahrung lockt, inmitten des Lockdowns.

Wer mich nackt sehen möchte, kann das sowieso tun. Und hey, noch safer als via Cam geht safer Sex wohl kaum, oder?

Diesem Verlangen nachzugeben ist in meiner Situation ziemlich leicht. Von mir existieren einige Nacktbilder, ich habe Freund*innen und Bekannte, die experimentelle und feministische Pornos drehen, queere Sexpartys organisieren oder Fetischläden führen und bin mit der Szene an manchen Ecken und Enden verbandelt. Angst davor, dass Screenshots oder Bilder von mir im Internet auftauchen könnten, habe ich nicht.

Wer mich nackt sehen möchte, kann das sowieso tun. Und hey, noch safer als via Cam geht safer Sex wohl kaum, oder? Haha. Ich werfe jeden Rest-Zweifel über Bord, als er mir Fotos von sich schickt, die ihn dabei zeigen, wie er sich anfasst und dabei wohl sehr intensiv „an mich denkt“. Quid pro quo – sagt man doch so, oder?

 Aufwärmphase: Weißt du noch, als …?

Wir spielen zum Einstieg schriftlich unser letztes Date in allen Einzelheiten nach.

„Und dann hast du… mir in der Bar über den Rücken gestreichelt, meinen Nacken gepackt, deine Hand an meinen Hintern gelegt und … weißt du noch, bevor ich gegangen bin? Ich wollte dich unbedingt noch ein letztes Mal auf und in mir spüren…“

Wie gerne würde ich einfach zu ihm fahren. Klingeln, die Treppe betont langsam heraufsteigen, um oben nicht aus der Puste zu sein und mit meinem schönsten, verführerischsten Augenaufschlag zu signalisieren: You should kiss me, now! Dieses kribbelige, freudige, unsichere Erwarten, was da kommen mag. Was passieren wird. Mit diesem Gefühl wähle ich mich bei Skype ein.

Den Augenaufschlag mit der Frontkamera prüfend, düdelt die bekannte Freizeichen-Melodie dahin. Das Bild wird scharf, ich sehe ihn nach drei Wochen das erste Mal wieder. Bin direkt wieder 14 und hilflos, clumsy und shy. Shit, doch aufregender als gedacht.

Offenes Hemd und Schmuse-Talk

Wer bis hier hin gelesen hat, soll belohnt werden. Ihr dürft euch vorstellen, was ich zu sehen bekam: Mein Crush auf dem Bett, nur in Shorts und einem offenen Hemd, seitlich liegend, den Kopf auf einer Hand aufgestützt – gorgeous!

Ich habe mir einen seidenen Kimono angezogen, dessen Ausschnitt ich gefühlt eine halbe Stunde drapiert habe, dass meine Brüste betont schön und „ins-Auge-fallend“ sind, gleichzeitig aber meine Nippel bedeckt bleiben. Not so easy, kann ich euch sagen. Dafür, dass wir es beide noch nicht oft „übers Internet“ getan haben, kriegen wir es erstaunlich zackig und gut hin, ernst zu bleiben.

Dafür, dass wir es beide noch nicht oft „übers Internet“ getan haben, kriegen wir es erstaunlich zackig und gut hin.

Ein wenig Schmuse-Talk, zwei-drei Zweideutigkeiten und das Schwelgen in Erinnerungen, schon liege ich ausgezogen vor ihm. Zeige mich und spiele mit der Kamera, lecke mir die Finger und fühle mich einen kurzen Moment weird, aber auch sexy dabei.

„… kriege nicht aus dem Kopf, wie gerne ich gerade den Stoff deines T-Shirts über deine Brüste streifen und deine Haut unter meinen Händen spüren würde …“

Die Worte, mit denen er meinen Körper beschreibt („Ich weiß noch genau, wie du dich da anfühlst …“), sich dabei berührt und vor mir ausspricht, wie gerne er jetzt bei mir liegen würde, was er mit mir anstellen wollen würde, wäre ich bei ihm – phew, phew, phew.

Ich würde es als sehr erotisierend beschreiben, egal wie weit man beim ersten Mal Camsex geht. Hier kommt auch wieder dieses Gefühl von „gewollt sein“ ins Spiel, was die Basis für guten Sex (auch via Cam) darstellt. Die Sicherheit, dass das, was sich auf zwei Bildschirmen abspielt, nicht nach unerreichbaren Beauty-Standards ausgehandelt wird, sondern nach Lust, Verlangen und Hingabe.

Es hat natürlich auch was von Pornographie, würde ich sagen. Aber von der Art Porno, in dem man selbst gerne mitspielen würde – was sich auf jede*n von uns und unsere Partner*innen übertragen ließe, wenn man es auf einen Versuch ankommen lassen möchte – unter Umständen. Eine kleine Vorliebe fürs „dabei Zusehen“ und explizite Bilder sollte man womöglich auch mitbringen. Und für heiße Worte.

Corona-Notfallfond für betroffene Sexarbeiter*innen

Wo wir es nun schon von Porno hatten – das Berliner Pornokollektiv Meow Meow, das letztens den 1. Preis für ihren Porno The Sad Girls of the Montains beim 14. Pornfilmfestivals gewonnen hat, hat sich auch mit dem Thema Sex während Corona auseinandergesetzt.

Sexworker*innen stehen vor der gleichen Situation wie auftretende Musiker*innen, DJs oder Messebauer*innen: Berufsverbot bis auf Weiteres, keine Aufträge, Absagen, Absagen, Absagen.

Für die Macher*innen ist das Thema allerdings nicht ausschließlich funny and sexy, sondern es betrifft einige von ihnen und ihr Umfeld wirtschaftlich. Sexworker*innen stehen vor der gleichen Situation wie auftretende Musiker*innen, DJs oder Messebauer*innen: Berufsverbot bis auf Weiteres, keine Aufträge, Absagen, Absagen, Absagen.

Deshalb gibt es einen Corona-Notfallfond für betroffene Sexarbeiter*innen. Und der kann ab jetzt durch euch gefüllt werden. Wer also lieber anderen beim heißen Camsex, Telefonsex, Sex oder Tease-and-Denial-Spiel zusieht, der sollte sich den neuen Kurzfilm Sex in Times of Corona nicht entgehen lassen. Es werden elf (11!!!!!) Arten gezeigt, safe und sexerfüllt durch die Krise zu kommen. Ich konnte da auch noch was lernen, oh ja.

Queer-feministischer Porno (hot as fuck, believe me) produziert von insgesamt 16 Berliner Filmemacher*innen to go, ihr tut was Gutes und der Fond füllt sich. Und go!

So funktioniert’s:

  1. An den Berufsverband Sexarbeit spenden
  2. Screenshot der Überweisung senden an: CoronaSolidarityFilm@gmail.com
  3. Downloadlink zum Film per Mail

Extra: Ab 50 Euro Spende gibt es zusätzlich explizite Langversionen einiger Szenen und Behind-the-scenes-Material!

Thank God, Camsex and Porn still exist. Amen.

NASTI lebt und arbeitet in Leipzig. Als Medienwissenschaftlerin ist sie notorisch smartphonesüchtig und lässt euch bei Instagram alles miterleben, was sie so macht. Sie schreibt noch den ein oder anderen Text über Erlebnispornographie, Sex und Beziehung unter dem Pseudonym Antoinette Blume bei Mimi & Käthe.

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