„Das Pornographische bleibt politisch“ – das 14. Pornfilmfestival in Berlin

Beim alljährlichen Pornfilmfestival in der Hauptstadt trifft sich die alternative Pornofilmszene – zwischen den Schlagworten „ethical porn“, „queer-feminist porn“ und „female gaze“ werden hier Pornofilmpremieren und Neuheiten gefeiert, gemeinsam mit Producer*innen, Pornodarsteller*innen und dem Publikum Pornos geschaut und über Filme, den Status-Quo und Entwicklungen diskutiert.

Pornos sind allgegenwärtig.

Denn: Pornos sind allgegenwärtig, zu jeder Zeit, überall. Rechts und links vom Mainstream-Porno-Business gibt es seit einigen Jahren alternative, queere, feministische Pornokollektive und Pornofilme und es manifestiert sich offenbar langsam aber sicher ein breite(re)s, kommerzielles Interesse an alternativen Erotikfilmen. Ein großes ‚Hallo‘ der Szene und Fans, die daran teilhaben möchten, findet dieses Jahr zum 14. Mal statt.

Wem das jetzt schon alles zu viel Porno ist, der*die sollte trotzdem weiterlesen – denn das queere Berliner Porno-Kollektiv Meow Meow, um das es hier gehen soll, bringt die erste feministische Langspiel-Porno-Komödie an den Start, die überraschend, lohnenswert, ‚geil‘, bitter-süß, ein bisschen lustig und gar nicht so porno-porno ist.

Meow Meow: Psychedelischer, alternativer Porno

Das Kollektiv Meow Meow mischt seit Jahren im Porno-Kosmos mit. Von Pornos wie „Hannah und die Keta-Boys“ und etlichen anderen Filmen kennt man sie; die Gründer*innen Candy Flip Und Theo Meow konnte man auch schon bei Erika Lust-Produktionen vor der Kamera erspähen. „Get naked and get high“ steht auf ihren Stickern, die nicht nur in Berliner Clubs zu finden sind und auf die Website der Macher*innen verweisen.

Ich durfte zwei der drei Gründer*innen des Meow-Meow-Kollektivs vor ein paar Jahren zum Interview treffen – ich habe sie seitdem nicht aus den Augen gelassen. Kürzlich las ich dann in der taz einen Absatz über ihren neuen Film, der als Abschlussfilm des 14. Pornfilmfestivals ausgewählt wurde. Von genau diesem Film hatten sie mir schon bei unserem Treffen erzählt. Damals gaben sie mir auf die Frage, worum es denn in dem 80-minütigen Porno gehen werde, nur zwei Worte als Antwort: „Um Feminismus.“

Porno und Feminismus?

Heute ist etwas mehr darüber herauszufinden und es wird klar, wieso es gar nicht so einfach ist, den Film namens „Die Traurigen Mädchen aus den Bergen“ zu beschreiben. Der Plot ist schon mal ziemlich verrückt: Ein Clan von vier jungen Mädchen hat sich in eine Hütte in den Bergen zurückgezogen, um der Welt den Rücken zuzuwenden. Sie zelebrieren ihre eigene Traurigkeit als Akt des Widerstands gegen das Patriarchat und nennen sich die „Sad Girls“. Ihr isoliertes Dasein finanzieren sie über selbstgemachte Pornos, die sie im Netz verkaufen. Überschüssiges Geld spenden sie an „Waffen für Rojava”, um kurdische Frauenmilizen zu unterstützen.

Sie finanzierten ihren Film zu 100% selbst, und zwar aus Sexarbeit.

Die „Sad Girls“-Anführerin: Tess Candy Flip spielt nicht nur die Rolle einer der Hauptfiguren, Tess, die Anführerin der vier traurigen Mädchen, sondern ist auch die Regisseurin. Dazu ist sie gemeinsam mit Theo Meow auch die Finanzkraft hinter dem Film: Die Traurigen Mädchen sind zu „meschugge“ für übrige Filmfirmen, wie sie schreiben, deshalb finanzierten sie ihren Film zu 100% selbst, und zwar aus Sexarbeit.

Der Spagat zwischen Regie und Darsteller*innen-Sein, das ist Standard für Candy bei Meow Meow-Produktionen. Bisher steht sie dort ebenfalls als Darstellerin vor der Kamera, hinter den Kulissen schreibt sie Drehbücher und führt Regie. Trotzdem ist der Content rund um die ‚Sad Girls‘, doch noch mal eine etwas andere Nummer: Im Film geht es um Candys Erfahrungen mit Magersucht, Depression und feministischer Debatte. Ein Kommentar dazu sei mir erlaubt: Das merkt man. Die Interviews, die die Filmhandlung durchkreuzen, sind authentisch und nah. Vieles außen herum ist eben genau das: Außen herum.

Es geht auch um persönliche Erfahrungen mit Magersucht und Depression.

Für alle, die etwas über Feminismus, Ketamin (mal wieder!), die Zubereitung von Fisch in der Pfanne, Kurdistan und die aufzulösende Binarität von ‚passiv‘ und ‚aktiv‘ erfahren möchten, sollten diesen Film ansehen, dieses mutige, traurige, erotische Projekt unterstützen und dabei viel über die patriarchalen Weltverhältnisse lernen.

Hier könnt ihr den Film anschauen:

27.10., 20:30/20:45/21:00 (Abschlussfilm beim Pornfilmfestival Berlin, Kino Moviemento)
31.10., 21:30 (Kino Moviemento)
01.11., 22:00 (Kino Moviemento)
02.11., 22:00 (Kino Moviemento)
03.11., 22:00 (Kino Moviemento)
04.11., 22:00 (Kino Moviemento)
05.11., 22:00 (Kino Moviemento)

Headerfoto: Meow Meow. („Körperliches“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

NASTI lebt und arbeitet in Leipzig. Als Medienwissenschaftlerin ist sie notorisch smartphonesüchtig und lässt euch bei Instagram alles miterleben, was sie so macht. Sie schreibt noch den ein oder anderen Text über Erlebnispornographie, Sex und Beziehung unter dem Pseudonym Antoinette Blume bei Mimi & Käthe.

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