Tinderlicious – Die besten Geschichten schreibt immer noch das Internet

TINDERLICIOUS ist ein Projekt der Autorin Sybille Mann, das tatsächlich erlebte Tinderdates in Kurzgeschichten zusammenträgt und anschließend gemeinsam mit der Coachin Mirjam Barner einen Dating-Tipp mit auf den Weg gibt. Denn: Die lustigsten Geschichten schreibt immer noch Tinder.

Der Akzent

Ich bin Lara, 29, aus Berlin. Tja, wo soll ich anfangen, also: Ich bin schon länger bei Tinder angemeldet, mal mit meinem Profil als sichtbar, mal nicht! Ich hatte gerade mein Profil wieder auf sichtbar gestellt, da hatte ich auch schon ein Match.

Er war der Wahnsinn! Ich hatte in meiner letzten Tinder-Runde einen Typen geliked, der so was von super aussah, dass ich mich zwar gefragt hatte, weshalb der auf Tinder ist, allerdings war ich ja auch dort angemeldet und ich sehe ganz lecker aus. Er war laut seinem Profil ein Flugzeugingenieur aus der Schweiz, der in seiner Freizeit viel Zeit in Miami verbringt und dort als DJ auflegt.

Es klang alles vielversprechend. Wir schrieben uns kurz über Tinder und dann schon bald über WhatsApp. Er schickte mir weitere Fotos von sich und jedes davon hätte ich am liebsten den ganzen Tag abgeknutscht. Er war zuckersüß! Jedes Mal, wenn ich ihm ein Bild von mir schickte, schrieb er mir, dass ich so hübsch sei, wie ein Engel.

Er überschüttete mich mit Komplimenten und bezeichnete mich nach zwei Tagen als jemanden aus seinem engsten Familienkreis. Mir wurde schon etwas mulmig bei diesem love-bombing, aber ich dachte, vielleicht ist er einfach nur sehr charmant. Plötzlich klingelte mein Telefon. Es war der Typ, der übrigens Dave heißt.

Es klang alles vielversprechend. Wir schrieben uns kurz über Tinder und dann schon bald über WhatsApp. Er war zuckersüß!

Er hatte eine weiche, fast kindliche Stimme. Es interessierte mich allerdings viel mehr, dass er einen nigerianischen Akzent hatte. Ich erkenne den Akzent sofort, da mein Stiefvater Nigerianer ist. Ich fragte ihn, woher dieser Akzent stammt und er fragte mich lediglich, ob ich seinen Akzent nicht möge. Ich gab ihm zu verstehen, dass es seltsam für einen Schweizer sei, besonders für einen Weißen, einen nigerianischen Akzent zu haben. Er sagte, dass er in den USA aufgewachsen sei, seine Mutter Amerikanerin ist und sein Vater Schweizer, daher der Akzent.

Hm, dachte ich, ein Schweizer und eine Amerikanerin bekommen ein weißes Baby, das dann mit einem nigerianischen Akzent spricht. Ja, klingt total logisch! Es gibt ja bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Ich ließ mir nichts weiter anmerken. Wir lachten und unterhielten uns über Musik und Miami, während er immer wieder erwähnte, dass er glaube, mit einem Engel zu telefonieren.

Er habe übrigens gerade einen finanziellen Engpass, ließ er verlauten und ich fragte ihn warum. Er hatte sich einen Mazda gekauft, der zweihunderttausend Euro gekostet hat. Ich hakte nach, ob er sich vielleicht etwas mit der Summe vertan hat, aber er verneinte. In Japan hat er das Auto gekauft und durch die Überführungskosten und Zoll habe sich dann die hohe Summe ergeben.

Er flitzte angeblich schnell mit seinem Handy in die Tiefgarage und machte mir ein Foto von dem Luxusschlitten. Ja, das Auto sieht schon toll aus, dachte ich, aber die Kaufsumme klang für mich doch sehr unrealistisch.

Ich riet ihm, dass er das Auto ja verkaufen könne, um aus seinem finanziellen Engpass zu kommen und er sagte, dass er genau das tun werde. Bisher sei sein Auto ja sein Baby gewesen, aber jetzt war ich ja da. Die Frau, die ihn umsorgen und bis ans Ende seiner Tage lieben solle. Er schmierte mir soviel Honig um die Ohren, dass ich seinen Akzent fast nicht mehr wahrnahm.

Bisher sei sein Auto ja sein Baby gewesen, aber jetzt war ich ja da. Er schmierte mir soviel Honig um die Ohren, dass ich seinen Akzent fast nicht mehr wahrnahm.

Am nächsten Tag schickte er mir ein Foto von einem Flugticket. Von Berlin bis London, für mich. Er hätte in London zu tun und würde mich gern sehen. Ich war aus dem Häuschen, sollte er es tatsächlich ernst mit mir meinen und mein Bauchgefühl falsch sein? Ich bedankte mich bei ihm und packte meinen kleinen Koffer. Der Flug ging bereits am selben Abend. Ich war total nervös. Am Flughafen in Heathrow habe ich dann am vereinbarten Treffpunkt Ausschau nach ihm gehalten. Nichts. Weit und breit kein Dave zu sehen.

Nachdem bereits 15 Minuten vergangen waren und ich fast losgeheult hätte, sah ich aus der Ferne eine Person, die den Bildern, die ich von ihm hatte, zumindest sehr ähnlich sah. Mein Herz erhellte. Ich breitete gerade beide Arme aus, um ihn zu begrüßen, da lief er knapp an mir vorbei und umarmte eine andere Frau. War mir das peinlich!

Doch bevor ich weiterdenken konnte, stand plötzlich ein schwarzer, ca. 1,50 Meter großer Mann vor mir und sagte, er sei Dave. Scheiße, ich hatte doch recht! Wieder mal nicht auf mein Bauchgefühl gehört, danke Universum für diesen Denkzettel, dachte ich. Was für eine Pleite! Nicht nur war er viel kleiner als er angegeben hatte und reichte mir bis zum Bauchnabel, er war eine komplett andere Person. Hätte er sich als Danny DeVito ausgegeben, wäre wenigstens nicht alles gelogen gewesen.

Er tat so, als sei alles völlig normal. Soll ich deinen Koffer nehmen, fragte er mich. Ich konnte mich plötzlich nicht mehr halten vor Lachen. Die anderen Leute guckten mich an, als sei ich nicht mehr ganz dicht im Kopf, nur Dave lachte mit. Plötzlich war ich überhaupt nicht mehr enttäuscht, sondern habe die Situation einfach so angenommen, wie sie war. Dave holte uns ein Taxi, was ich natürlich bezahlen durfte. Bis dahin war mir gar nicht aufgefallen, dass Dave ebenfalls eine große Tasche dabei hatte.

Jetzt ist auch alles egal, dachte ich und nahm ihn kurzfristig mit zu meiner Cousine, wo wir dann die Nacht durchfeierten und schlussendlich zusammen im Bett landeten.

Es kam noch dicker. Dort, wo er ursprünglich übernachten wollte, ein Airbnb-Apartment, konnte er nicht übernachten, da niemand mit den Schlüsseln kam. Jetzt ist auch alles egal, dachte ich und nahm ihn kurzfristig mit zu meiner Cousine, wo wir dann die Nacht durchfeierten, schlussendlich zusammen im Bett landeten, einen Dreier schoben und ich wieder um einige Erfahrungen reicher war.

Am nächsten Tag flog ich wieder heim und Dave vergnügte sich weiter mit meiner Cousine, die einen Narren an ihm gefressen hatte. Zwei Tage später hat sie ihn rausgeschmissen und danach festgestellt, dass er ihr sämtliche Perücken geklaut hatte.

COACHING TIP:
Wenn du schon am Anfang ein seltsames Gefühl hast, dann ignoriere es nicht. In 99 Prozent der Fälle ist das ein Warnsignal für dich. Desweiteren ist es immer eine sogannte Red Flag, wenn dir jemand bereits nach kürzester Zeit sagt, dass du zu seinem engsten Kreis gehörst oder dass er/sie dich liebt. Sollte dir so etwas passieren, lass die Finger davon. Auch auffällig viele Komplimente fallen in diese Kategorie, love-bombing genannt.

Barbies Mann

Wer ich bin? Tut das zur Sache? Also gut, ich bin Heike, damals frisch single geworden und bei Tinder gelandet. Ich swipte und swipte. Da war er, sah echt cool aus und durchtrainiert, findet man nicht oft bei Männern im Alter um die 50. Die meisten, die ich in dem Alter gesehen hatte, trugen einen dickeren Bauch vor sich als ich zum Ende meiner Schwangerschaft.

Siehe da, wir hatten ein Match, yeah! Peter aus Finnland. Finnland, Moment, Scheiße, ich wollte doch einen Mann aus Köln. Naja, egal. Er schrieb mir, dass er in einigen Tagen nach Köln kommen und mich dann gerne sehen wollen würde. Er sei beruflich oft in Köln. Ich machte also ein Date mit Peter klar.

Ich swipte und swipte. Da war er, sah echt cool aus und durchtrainiert, findet man nicht oft bei Männern im Alter um die 50.

Ich sollte ein Taxi nehmen und ihn vom Hotel abholen, was ich dann auch tat! Er sah genauso gut aus, wie auf seinen Fotos, super! Er sprang ins Taxi und wir fuhren zum Dom. Ich sollte ihm ein wenig die Stadt zeigen. Er wollte unbedingt ein Selfie mit mir. Der Nachmittag war echt schön, bis auf die Tatsache, dass er alle zehn Minuten ein Foto machte, mal mit mir, mal nur von sich.

Er fragte mich dann, ob ich nächstes Wochenende für ihn Zeit hätte, da wollte er dann bei mir in meiner Wohnung übernachten. Hmm, dachte ich und sagte ihm, dass ich ihm dazu in den nächsten Tagen Bescheid geben würde.

Er schickte mir jeden Tag mehrere Nachrichten, immer mit einem Selfie von sich. Im Fitness-Studio, auf dem Weg zur Arbeit und im Tunnel, wo man logischer Weise kaum etwas erkennen konnte (welcher Idiot macht denn bitte auch ein Selfie von sich im dunklen Tunnel)? Dann bat er mich, ein Foto von meiner Wohnung zu machen. Habe ich gemacht, sogar ein kleines Video.

Daraufhin wollte ich auch Fotos oder ein Video von seinem Haus. Er schickte mir dann ein Foto vom Küchenfenster. Nee, nee, ich möchte schon mehr von deinem Haus sehen, schrieb ich ihm dann auf WhatsApp, woraufhin er antwortete, dass das der einzige Bereich des Hauses sei, der nicht unordentlich ist. Na klar, tolle Ausrede.

Er war mir zu affig, außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass er nicht alleine wohnt und eine Frau hat. Deshalb auch nur das Foto vom Küchenfenster.

Dann kamen wieder Selfies vom ihm aus dem Fitness Studio und dem Aufzug. Auf jedem Foto so ein unechtes, dämliches Grinsen, was mich jedes Mal direkt an Ken, den geschlechtslosen Mann von Barbie erinnerte. Er schickte mir täglich mindestens fünf davon. Wie auch immer, ich habe ihm für das Wochenende abgesagt. Er war mir zu affig, außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass er nicht alleine wohnt und eine Frau hat. Deshalb auch nur das Foto vom Küchenfenster.

Einige Tage später bekam ich einen Anruf von seiner Nummer. Ich überlegte erst, ob ich dran gehen sollte, tat es dann aber doch. Eine Frauenstimme! „Wer ist da bitte? Barbie?“ Tatsächlich, ich habe noch zwei Mal nachgefragt, sie hieß tatsächlich Barbie. Eigentlich Barbara, aber sie wurde Barbie genannt. Ich kam aus dem Lachen nicht mehr raus. Sie wurde immer wütender und warf mir vor, eine Affäre mit ihrem Mann zu haben. Ich sagte ihr daraufhin nur, dass das Bullshit sei und sie ihren geschlechtslosen Ken gerne für sich alleine haben dürfte.

COACHING TIP:
Heike hat das richtig erkannt. Wenn er/sie dir kein Foto seiner/ihrer Wohnung oder Haus schicken will, du ihn/sie auch nicht besuchen kannst, dann ist er/sie vergeben. Lass die Finger von Männern/Frauen, die bereits vergeben sind. Solltest du dich bereits in eine vergebene Person verliebt haben, dann ist es das Beste, du ziehst dich sofort zurück. Wenn du in einer solchen Situation verharrst, wird der Schmerz nur größer je länger du in dieser Situation bleibst.

TINDERLICIOUS wird für ein Jahr lang alle drei Monate neu erscheinen. Das erste Buch gibt es für euch kostenlos. Schickt einfach eine Mail an: info@mirjambarnercoaching.com. Ihr könnt euch auch gerne mit euren eigenen Geschichten bewerben. Vielleicht habt ihr Glück und eure Geschichte erscheint im nächsten Buch! Die Orte und Namen werden selbstverständlich geändert.

TINDERLICIOUS ist ein Projekt der Autorin Sybille Mann und der Coachin Mirjam Barner, die unter anderem auch Online Dating Coaching anbietet, nachdem immer mehr Menschen sie darauf ansprachen. Auch wenn man es nicht glauben mag, aber der Bedarf ist groß. Mehr zum Thema Online Dating Coaching gibt es hier.

Headerfoto: Max Andrey via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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