Sexismus ist überall: Warum ich keine Lust mehr habe, die Welt durch eine sexistische Brille zu sehen.

Meine Mutter erzählte mir früher immer, sie habe “soooo Glück gehabt”. “Meine beste Freundin und ich hatten immer einen unterschiedlichen Männergeschmack”, meint sie zu meinem großäugigen 11-jährigen ich, “deshalb haben wir uns auch nie gestritten.”

Verdammt peinlich war mir das, und das nicht nur, weil ich 11 war, sondern auch, weil es für mich unvorstellbar war, dass meine beste Freundin und ich uns jemals als Konkurrentinnen sehen würden. Never.

Nun, in meinem Leben ist es zwar nicht dazu gekommen, dass Freund*innenschaften aus diesen “Konkurrenzgründen” zu Grunde gingen, doch das heißt nicht, dass der Faktor “Mann” für unsere Freundschaft nie eine Rolle spielt.

Ich behaupte, dass Sexismus überall ist.

Ich behaupte, dass Sexismus überall ist – das Patriarchat ist überall, vor allem in den Köpfen.

Männer bestimmen, was schön ist

Besonders merken wir es, wenn wir uns überlegen, wie wir für Typ XYZ oder eben auch die Männerwelt aussehen. Dein Po hat erst eine schöne Form, wenn die frechen Jungs aus der letzten Reihe ihn zu berühren versuchen, während du die Treppe hochläufst.

Jeder Kommentar eines Mannes über unseren Körper setzt sich im Bewusstsein fest, jeder Blick wird registriert, es wird unbewusst Statistik geführt darüber, wie die Männerwelt eine wahrnimmt.

Das Patriarchat gibt vor, was wichtig ist: Arsch oder Titten? – Und Männer entscheiden.

Das Patriarchat gibt vor, was wichtig ist: Arsch oder Titten? Männer entscheiden. Und es gibt Männer, die versuchen uns zu erklären, dass wir an unserer Situation einfach selbst schuld sind.

Wenn wir uns so anziehen, wie wir uns anziehen, wenn wir so reden, wie wir reden, so aussehen, wie wir aussehen und so provozieren, wie wir vermeintlich provozieren, dann müssen wir ebenso damit rechnen, dass wir permanent Zielscheibe sexistischer Übergriffe und Verurteilungen sind.

“Oh Mann, vor 10 Jahren noch fanden sie große Titten noch richtig geil”, klagt eine Freundin. Jetzt denkt sie über eine Brustverkleinerung nach.

Wir gehen an Spiegeln vorbei, fragen uns: Sind wir, so wie wir herumlaufen, attraktiv? Würde dieser und jener Mann mich jetzt nice finden? Wieso wird meine Freundin öfter angesprochen? Weil sie dünner ist, kleiner, weil sie längere Haare oder glattere Haut hat?

Wir verinnerlichen den Blick, den das Patriarchat auf uns hat. Wir wissen auch ganz genau, zu jeder Zeit, welchen Blick man(n) auf uns hat, denn er ist überall zu finden: in Filmen, Romanen, in tiktoks und Memes.

Männer bestimmen, wie die Welt funktioniert

Männer erklären uns die Welt, zeigen uns die Regeln. Der cis-Mann schafft es bis in die privatesten Momente, die Momente, die er nicht mal ansatzweise greifen kann: Wir verstecken unsere Periode vor den Männern, denn es ist eklig, ein Mann hat das gesagt, verstehst du nicht! Männer machen das nicht, sie bluten nie einfach so. Also ist es komisch, abstoßend.

Behalte das für dich, schäme dich, während du auf dem Schulklo sitzt und deine Hand voller Blut ist, verstecke unter allen Umständen, dass du einen funktionierenden Körper hast.

Alles an diesem sexistisch strukturierten Leben ist nicht dafür gemacht, dass eben manche Menschen einmal im Monat bluten, dass diese also so, wie sie sind, in dieser Welt existieren.

Du wirst ausgelacht, wenn dir die Tampons aus der Tasche fallen und du erntest entgeisterte, angewiderte, männliche Blicke, wenn deine Hose einen Blutstropfen zeigt. Alles an diesem sexistisch strukturierten Leben ist nicht dafür gemacht, dass eben manche Menschen einmal im Monat bluten, dass diese also so, wie sie sind, in dieser Welt existieren.

Genau diese Omnipräsenz des Sexismus, sie zeigt sich sogar, wenn wir ohne Männer zusammenkommen. Denn wir vergleichen uns, wie ein Mann es tun würde. Wir bewerten uns, unsere Sexualität, unsere Körperbehaarung, unseren Taillenumfang, ganz automatisch so, wie ein Mann es tun würde.

Das ultra, ultra Beschissene daran: Wir wollen das gar nicht. Wer würde denn freiwillig sagen: “Ohja, sehr gerne lasse ich von mir auferlegten (sexistischen) Maßstäben bestimmen, wie groß mein Hintern sein sollte.

Sehr gerne verinnerliche ich die Standards und Maßstäbe, die mir durch sexistische Ansprüche eingeprägt wurden und natürlich vergleiche ich mich SEHR gerne mit meinen Freundinnen und fühle mich scheiße, wenn meine Beine die kürzeren sind.

Außerdem bereit es mir große Freude, nicht mehr unterscheiden zu können, was meine eigene Ästhetik ist und welche Merkmale nur durch patriarchale Vorgaben zu meiner Ästhetik wurden. It’s fun.”

Sogar ein fucking Anschnallgurt erwartet von dir, einen männlichen Körper zu haben, um dich bei einem Unfall maximal schützen zu können.

Männliche Erwartungen und patriarchale Normen sind überall um uns herum. Sogar ein fucking Anschnallgurt erwartet von dir, einen männlichen Körper zu haben, um dich bei einem Unfall maximal schützen zu können.

Männer erwarten, was ihnen zusteht

Als Betroffene davon und als Freundin(nen) ist es so wichtig, erstens diese Normen überhaupt zu erkennen und zweitens schleunigst zu dekonstruieren – um nicht zu sagen: Sie zu bekämpfen.

Patriarchale Erwartungshaltung und der antrainierte Drang, diesen nachzukommen, strapazieren uns selbst und unsere Freundinnenschaften.

Patriarchale Erwartungshaltung und der antrainierte Drang, diesen nachzukommen, um zu gefallen, strapazieren uns selbst und unsere Freundinnenschaften. Nicht nur, weil wir schlichtweg kaum sehen, wann wir männliche Bedürfnisse über unsere eigenen stellen. Sondern auch, weil wir nicht genau erkennen können, wann wir es eben auch nicht tun.

So kommt es dazu, dass wir einander unterstellen, nicht “emanzipiert genug” zu sein, doch es kommt eben auch dazu, dass wir unsere Beziehung zu cis-Männern allen anderen überordnen.

Dann ist der sexistische, fettfeindliche Witz halt doch mal lustig, wenn der feste Freund es sagt. Er ist doch sonst so süß.

Dann ist der sexistische, fettfeindliche Witz halt doch mal lustig, wenn der feste Freund es sagt. Er ist doch sonst so süß. Ja bei ihm mach ich eine Ausnahme, er darf natürlich auch bei Apaches “Kleine H*re” mitrappen, einfach weil er den Beat feiert. Ob er jemals etwas Sexistisches gesagt hat? Zu dir? Da musst du dich verhört haben.

Ich wünsche uns, meinen Freund:innen und allen da draußen, die keinen Bock mehr auf Fremdbestimmung haben, dass wir den Mut finden, neue Standards zu setzen. Oder direkt alle Standards abzuschaffen. Abschaffen, was uns einschränkt und was versucht, uns zu trennen.

Misogyne Vergleiche unter uns, die uns wehtun: abschaffen. Regeln, wie wir zu reden, zu tanzen, zu lachen und zu fühlen haben: abschaffen. Lasst uns das Misstrauen abschaffen, lasst uns uns gegenseitig glauben, zuhören und uns für jede abgeschaffte Norm, jedes gebrochene Schweigen feiern. 

Theresa ist 21 und versucht sich beim Spagat zwischen dem Kampf für Klimagerechtigkeit, Feminismus, der eigenen Psyche und Studium. Dabei findet sie sich tagtäglich in einem bunten Chaos aus wütenden SUV-Fahrern, Straßenblockaden, wirbelnden Gedanken, verwirrten Männern, Ibuprofen, Liebe und vielen wundervollen Menschen und Erfahrungen wieder.

Headerfoto: Anna Shvets (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

 

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