„Sex Education“ – Nicht nur eine Netflix-Serie, sondern Aufklärung für alle

Hinweis: Wer die Netflix-Serie „Sex Education“ noch nicht gesehen hat, kann trotzdem und sollte sogar unbedingt weiterlesen. Hier sind keine Spoiler versteckt. Was hier versteckt ist, ist allerhöchstens eine dringende Empfehlung zum Schauen und viel mehr noch eine Ode an die wichtige richtige Aufklärung.

„Vielleicht ist da etwas bei mir kaputt“, sagt eine Schülerin, als sie Sexualtherapeutin Jean Milburn gegenübersitzt. Daraufhin antwortet diese: „Nichts ist richtig oder falsch. Wieso sollte also etwas bei dir kaputt sein?“

Diese drei Sätze fassen die Message der Serie von Laurie Nunn, deren zweite Staffel vergangenen Freitag auf Netflix erschienen ist, ziemlich gut zusammen. Und lassen direkt erahnen, wie viel Wertvolles diese auf den ersten Blick unscheinbare, herkömmliche High-School-Serie, die eben nicht auf dem alten Abschlussballprinz-verliebt-sich-in-Außenseiterin-Prinzip basiert, vermittelt.

Worum geht es stattdessen und warum ist das so gut?

Ja, in der Serie geht es um Jugendliche, die Liebe, Sex, Drogen und sich selbst entdecken. Soweit nichts Neues. Aber sie endet eben nicht da, wo Abschlussballprinz und Außenseiterin sich in die Arme fallen und alle komplizierten Wirrungen erst anfangen. Nein. „Sex Education“ startet direkt mit den komplizierten Wirrungen und wirft sich mitten hinein.

Es geht um viele der Themen, die in unserer Gesellschaft nach wie vor tabuisiert sind. Es geht um Sex – zwischen allen Geschlechtern allen Alters – und alles, was damit zu tun hat. Es geht um das Gefühl der Verwirrung, wenn beide Geschlechter anziehend auf einen wirken. Und um das Gefühl des Falschseins, wenn es keins von beiden tut. Es geht um Geschlechtskrankheiten und das Unwissen darüber. Es geht um verzwickte, familiäre Beziehungen, und um Erziehung und ihre Folgen.

Es geht um Scham und Ängste. Es geht um den Aufbau der Vulva und den weiblichen Orgasmus.

Es geht um Scham und Ängste. Es geht um den Aufbau der Vulva und den weiblichen Orgasmus. Es geht um Feminismus und Zusammenhalt. Es geht um sexuelle Belästigung, daraus folgende Traumata und den Umgang der Gesellschaft damit. Es geht schlichtweg um alles, was nicht nur Jugendliche, sondern uns alle bewegt, aber viel zu wenig Beachtung findet.

Und damit ist „Sex Education“ Aufklärung. Und zwar für alle. Es ist die Art von Aufklärung, die ohne Scham und Peinlichkeit beim Zuhörenden und ohne Zeigefinger vom Aufklärenden daherkommt. Es ist die Art von Aufklärung, die auf diese angenehme Weise, mit viel Humor, Ehrlichkeit und Empathie die Zielgruppe auch wirklich erreicht. Und eben das Erreichen der Zielgruppe ist so wichtig, so wertvoll und gleichzeitig so schwierig. Und mit Zielgruppe sind die gemeint, die in der Serie die Hauptrollen darstellen: Jugendliche, die all das zum ersten Mal erleben.

Netflix als kluger Schachzug

Im Grunde übernimmt die Serie die Aufgabe der Aufklärung von uns allen. Denn wenn wir ehrlich mit uns sind, können wir alle ein bisschen „Sex Education“ gebrauchen. Aber die eigentliche Zielgruppe von Aufklärung ist jünger und damit auf ganz andere Art und Weise zu erreichen als wir.

Während wir womöglich doch nochmal im ein oder anderen Wälzer schmökern, in Online-Magazinen wie diesem Rat suchen oder ganz altmodisch mit der besten Freundin quatschen, informieren sich Jugendliche über sensible Inhalte wie beispielsweise die Möglichkeiten der Verhütung, wenn überhaupt, online. Das ist zwar keine große Überraschung, doch trotzdem findet sich in den unbegrenzten Welten des World Wide Web nur eine kleine Anzahl an seriösen Informationsangeboten, die das wirklich wichtige Wissen vermitteln.

Netflix als Plattform für Aufklärung zu wählen, ist ein so kluger, geschickter Schachzug.

Netflix als Plattform zu wählen, ist demnach ein so kluger, geschickter Schachzug. Und wenn man zumindest einmal verstanden hat, wo Aufklärung stattfinden muss, bleibt immer noch die Frage des „Wie?“. Denn seriös alleine erreicht niemanden. Laurie Nunn hat es verstanden und mit ihrer Serie die Antwort geliefert.

Der richtige Mix aus Ehrlichkeit und Humor

Wie schon gesagt: Humor, Ehrlichkeit und Empathie. Das ist nicht nur die Antwort der Regisseurin, sondern auch der Schlüssel zur dicken, schweren Tür, die den Weg in Verstand und Herz von Jugendlichen öffnet. Denn vermutlich erreicht nichts besser die jungen Zuschauer als Gleichaltrigen am Bildschirm dabei zuzusehen, wie sie mit eben genau den Problemen, Ängsten und Zweifeln konfrontiert werden, die sie selbst gerade quälen.

Da spielt Authentizität eine Rolle. Dieser Begriff wird zwar inzwischen inflationär verwendet, aber Authentizität ermöglicht nun einmal Identifikation. Und sich zu identifizieren, bedeutet, sich nicht alleine mit den eigenen Problemen zu fühlen und mit der Identifikationsperson zu lernen.

Authentizität ermöglicht Identifikation.

Aber „Sex Education“ ist eben auch nur authentisch, weil es ehrlich ist. Manchmal vielleicht für den ein oder anderen Geschmack zu ehrlich, wenn Mädchen mit Hüten in Form von Vulven lasziv auf der Bühne herumtanzen. Das ist aufdringlich und plakativ. Aber Plakatives wiederum macht auf sich aufmerksam und genau das sollten die Themen der Serie schließlich, weil sie wichtig sind. Die richtige Portion Humor dazu, die selbstironisch zwischen all den Zeilen der Dialoge mitschwingt, tut ihr Übriges.

Konfrontation & Enttabuisierung

„Sex Education“ ist so wertvoll, weil die Serie nicht nur unglaublich witzig, klug und schlichtweg gut gemacht ist, sondern zum Nachdenken anregt, Wissen ohne Erklärbär-Manier und Zeigefinger vermittelt, gesellschaftliche Tabus thematisiert und eine Generation erreicht, die sich mit alldem konfrontiert sieht, aber nur einen Bruchteil davon in der Schule bespricht.

Beim Begleiten von Otis, Ola, Maeve, Eric und all den anderen Figuren, in denen sich jede*r von uns wiedererkennt, stellen sich Fragen und ergeben sich Antworten. Eine der Fragen: Warum sollte etwas bei mir kaputt sein? Eine der Antworten: Nichts ist richtig oder falsch.

Leonie Machbert schreibt Geschichten, seit sie schreiben kann. Sie hat Journalismus studiert und tobt jetzt irgendwo auf den weiten Feldern des freien Journalistendaseins herum. Dort sammelt sie Geschichten zu ihren Herzensthemen Body Positivity, Selbstliebe, Feminismus und den kleinen, zwischenmenschlichen Phänomenen. Sie liebt es, im Café zu sitzen, ihren Laptop alibimäßig vor sich aufzuklappen und dann zwei Stunden lang Leute zu beobachten.

Headerfoto:Gemma Chua-Tran via Unsplash. („Körperliches“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!  

1 Comment

  • Unserer Meinung nach eine wirklich gelungene Serie bei der die richtige Portion Humor bei einem solchen Thema gewählt ist um die Leute bei der Stange zu halten aber dennoch nichts ins lächerliche zu ziehen.

    Hat Spaß gemacht sie zu schauen, da kann jeder noch was lernen!

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