Mein Brief an mich: Wie meine eigenen Worte mir als Ausweg aus der Depression geholfen haben

Hallo du. Ich möchte heute etwas sehr Privates mit dir teilen: meinen Liebesbrief an mich selbst. Liebesbrief heißt er, weil ich mir selbst Liebe schenke. Ich schrieb ihn im November 2021, während des Abklingens einer recht erschütternden depressiven Phase an mich selbst.

Ich schrieb mit dem Ziel, mir selbst etwas zu erschaffen, dass mir in solchen schweren Phasen Halt geben kann; etwas, das nur von mir und durch mich kommt und zu mir hindurchdringen kann, während ich mich als haltlos und unerreichbar wahrnehme.

Geteiltes Leid ist manchmal wirklich halbes Leid

Wieso ich meinen Brief teilen möchte? Mir gibt der Brief, allein durch seine Existenz, sehr viel Kraft. Ich kann mich auf ihn beziehen, ihn so oft lesen, wie ich es brauche, und ihn überall mit hinnehmen, wenn ich mich klein fühle. Ich möchte meine Worte an mich, mit dir teilen. Vielleicht erkennst du das ein oder andere Beschriebene wieder?

Wenn auch nur eine kleine Chance besteht, dass du dich durch meinen Text gesehen und nicht allein fühlst, dann wäre in meinen Augen schon ein Schritt in Richtung Heilung getan: Denn du siehst, es gibt auch andere Menschen, die sich ähnlich fühlen wie du. Du bist nicht allein. Du bist nicht komisch oder zu viel.

Du darfst Du sein – egal ob mit psychischer Erkrankung oder ohne.

Und: Du brauchst dich nicht verstecken. Darüber zu sprechen kann helfen. Wir können uns unterstützen. Du darfst Du sein – egal ob mit psychischer Erkrankung oder ohne. Irren ist menschlich! Irren darf sein!

Meinen Brief teile ich, weil ich mir für mich gewünscht hätte, einen solchen persönlichen Text einer Person mit Depressionen gelesen zu haben und weil ich stolz auf mich bin, ihn mir selbst geschrieben zu haben. Ebenso denke ich, dass wir von- und miteinander (er-)lernen können.

Ich habe für mich gelernt und lerne weiterhin dazu und es tut mir gut, mein Erfahrungswissen und meine Erkenntnisse mit euch zu teilen. Darüber zu sprechen.

Depressionen sind eine Volkskrankheit

Außerdem ist es mir ein Anliegen, mich und andere dazu empowern, über Depressionen zu sprechen, wenn sie es denn möchten. Im Privaten und/oder in der Öffentlichkeit. Denn sowohl Öffentliche Stigmata als auch Selbststigmata machen uns schon lange genug das Leben mühsamer, als es ohnehin ist.

Hinzu kommt: Ich bin davon überzeugt, dass Teilen gerade bezüglich eines solch tabuisierten Themas bereichernd für die Gesellschaft ist. Es geht nämlich auch um Ehrlichkeit bei diesem Thema: Circa 280 Millionen Menschen weltweit haben nach Angaben der WHO 2021 eine Depression.

Obwohl so viele Menschen Depressionen haben, scheint das Thema eines zu sein, über das wir privat-persönlich, und auch nach außen hin, nicht offen und selbstverständlich sprechen.

Zweihundertachtzigmillionen Menschen, die etwas ähnliches erleben, und doch ist dieses Erleben, diese Lebensrealität schambesetzt.

280 Millionen Menschen, die etwas ähnliches erleben, und doch ist dieses Erleben, diese Lebensrealität schambesetzt und nicht zu selten wird der Person selbst ,,Schuld” daran zugeschrieben.

Ich wünsche mir eine authentische, zärtliche und ehrliche Welt. Damit die Welt so wird, wie wir sie uns wünschen, müssen wir so werden. Meine Wahrheit möchte endlich laut ausgesprochen und auch gehört werden. Hiermit fange ich damit an, ein Stück von mir, ein Stück Ehrlichkeit, Mut und Authentizität in die Welt zu tragen.

Ich wünsche mir eine authentische, zärtliche und ehrliche Welt. Damit die Welt so wird, wie wir sie uns wünschen, müssen wir so werden.

Hier also mein Brief. Den ich noch nie jemandem gezeigt habe, bisher. Am besten nachzuvollziehen und nachzufühlen ist er dementsprechend vermutlich, wenn du gerade mit offenem Herzen bist und/oder selbst eine depressive oder ängstliche Zeit durchlebst:

Ein Brief von mir an mich

,,Hallo mein Liebstes,

wenn du dies liest, dann befindest du dich vermutlich in einer depressiven, traurigen, ängstlichen Phase, in der es dir sehr schwerfällt, liebevoll und wohlwollend mit dir selbst umzugehen.

Solche Phasen – kurze und sehr lange – hast du schon durchgemacht und du hast es gemeistert.

Ich schreibe dir diesen Brief, während wir uns in einer eben solchen Phase befinden. Ich kann dich dementsprechend gut verstehen. Und ich möchte dich an Folgendes erinnern: Solche Phasen – kurze und sehr lange – hast du schon durchgemacht und du hast es gemeistert, sie 1. zu überleben und 2. stärker hinaus zu gehen.

Zurzeit fällt es dir schwer, sehr schwer, dich selbst anzunehmen. Dir selbst Verständnis entgegenzubringen. Und das fällt dir dann umso schwerer, wenn es einen oder mehrere Konflikte gibt, die dich persönlich (be-)treffen, während du in einer solchen Phase lebst.

Schuldgefühle, für (unangenehme) Gefühle, Situationen und Gegebenheiten, in denen andere, dir liebe Menschen, sich befinden, machen sich in deinen Gedanken breit. Und du fühlst dich tiefgreifend schuldig.

Ich möchte dir sagen: Du bist nicht schuldig an den Gefühlen der anderen. Egal wie wichtig diese Menschen dir sind. So wie ich mich – und somit dich – kenne, wirst du in den allermeisten Fällen so gesprochen und gehandelt haben, dass du das Beste für dein Gegenüber möchtest.

Andere um ihre Bürden erleichtern zu wollen, ist eine wunderschöne Absicht. Liebe und Frieden mit deinen Mitmenschen zu wollen, ist ein schönes Lebensmotto.

Andere um ihre Bürden erleichtern zu wollen, ist eine wunderschöne Absicht. Liebe und Frieden mit deinen Mitmenschen zu wollen, ist ein schönes Lebensmotto. Es gibt jedoch eine Sache, die wichtiger oder zumindest genauso wichtig ist: Frieden mit dir selbst.

Du darfst dir erlauben, deine Bedürfnisse zu äußern und ihnen Vorrang zu geben vor den Bedürfnissen anderer. Das ist schwer für dich, denn es widerspricht dem Wunsch, dass es allen anderen (auch) gut geht. Nur ist dies nicht realistisch.

So wie es dir manchmal keine Freude oder Wohlbefinden bereitet, in welche Gefühlslage oder Situation ein Bedürfnis oder eine Entscheidung einer anderen Person dich bringt, wirst auch du dies in anderen Menschen dein Leben lang auslösen. Das kann niemand, auch du nicht, aufhalten oder ändern. Und das ist okay.

Der Weg, der dir dementsprechend am wenigsten Kummer, Sorgen und Schuldgefühle machen wird, ist, auf das zu hören, was du willst.

Der Weg, der dir dementsprechend am wenigsten Kummer, Sorgen und Schuldgefühle machen wird, ist, auf das zu hören, was du willst. Und lasse dich dabei von niemandem verunsichern. Was andere über deinen Lebensweg, deine Lebensweise, deine Entscheidungen oder deinen Charakter denken, braucht dich nicht zu interessieren.

So, wie du es machst und möchtest, ist alles gut und richtig. Dafür benötigst du keine Bestätigung von Menschen, die du liebst. Sie werden dich auch weiterhin lieben; es ist egal, was sie von deinen Entscheidungen halten – wenn sie dich als die Person lieben, die du bist.

Du bist immer stark – auch wenn du dich schwach fühlst.

Niemand hat das Recht, dich an dir selbst zweifeln zu lassen. Auch du nicht. Selbstreflektion ist wichtig und gut, du darfst liebevoll mit dir in Kontakt gehen und dir Fragen stellen. Dich selbst hinterfragen und kleinmachen ist nicht notwendig.

Du darfst auch Fehler machen. Wenn du welche machst, ist das in Ordnung. Wir machen alle Fehler und du bist nicht weniger liebenswert dadurch, dass eine Aussage oder Aktion von dir jemand anderes verletzt oder irritiert.

Du bist und bleibst liebenswert und wertvoll, egal, was du tust. Du bist liebenswert und wertvoll, wenn du nichts tust und rumliegst. Du bist liebenswert und wertvoll, wenn und während du dich selbst kleinmachst. Du bist liebenswert und wertvoll, wenn eine andere Person dich nicht mag oder sich von deiner Person irritiert fühlt.

Schuld gehört dir nicht. Du hast keine Schuld.

Du bist liebenswert und wertvoll, wenn jemand dich kritisiert oder angreift oder dir Schuld für etwas zuzuschieben versucht. Du bist liebenswert und wertvoll, wenn du für dich selbst einstehst und die Schuld nicht an dich annimmst (Schuld gehört dir nicht. Du hast keine Schuld.).

Du bist liebenswert und nicht egoistisch, wenn du deine Bedürfnisse und Wünsche erfüllst und umsetzt, wenn andere das nicht okay oder akzeptabel finden. Deine Bedürfnisse sind valide!

Du bist liebenswert und wertvoll, wenn du tieftraurig bist und keinen Sinn im Leben siehst. Du bist liebenswert und wertvoll, wenn es dir leicht fällt, zu leben und du dein Leben(-sgefühl) als stabil empfindest und auch wenn du dich labil, besonders verletzlich und ängstlich fühlst.

Du bist immer, in jedem Moment liebenswert und wertvoll!

Was ich sagen möchte: Du bist immer, in jedem Moment liebenswert und wertvoll!

Liebe, Verständnis, Wohlwollen, Aufmerksamkeit

Auch wenn es gerade für dich nicht sichtbar ist: Ich liebe dich! Du liebst dich. Mit all deinen Macken und ,,Fehlern”. Du hast so viel Güte, Liebe, Kreativität und Energie in dir. Sie ist da. Nur versteckt hinter einem grauen Schleier namens Depression. Die Depression versperrt dir die Sicht auf deine, auf unsere Schönheit. Auf dich wundervolles Wesen. Denn das bist du.

Und die Depression bist du nicht. Du bist du und die Depression begleitet dich zurzeit ein Stück deines Lebensweges.

Und die Depression bist du nicht. Du bist du und die Depression begleitet dich zurzeit ein Stück deines Lebensweges.

Aus meiner Erfahrung kann ich dir sagen, dass es einen Moment geben wird, in dem die Depression auf deinem Lebensweg woanders abbiegt als du! Sie wird wieder gehen beziehungsweise erträglicher sein. Und es kam schon vor, dass dies dadurch geschah, dass du dir selbst wieder Liebe, Verständnis, Wohlwollen, Aufmerksamkeit geschenkt und dir die Validität zugesprochen hast, die dir zusteht.

Und wenn dies dir jetzt gerade nicht möglich ist, ist das okay! Du musst nicht dich nicht beeilen, wieder “glücklich” oder angenehm für Menschen in einem Umfeld zu sein. Nimm dir die Zeit, die du brauchst und lasse dich von niemandem hetzen, ,,jetzt müsse es aber mal wieder Berg auf gehen”.

Natürlich ist es dennoch wichtig, dass du dich nicht zu lange zu tief eingräbst in Selbstzweifel und -hass, denn umso mühsamer wird es sein, wieder aus der Depressionsspirale herauszukommen. (Anm. der Autor:in : Eine Verhaltens-Therapie mit einer passenden Therapeutin hat mich hier gut unterstützt.)

Es ist verdammt schwer, alles zu fühlen, was du fühlst. Vor allem in dieser Intensität.

Du bist immer stark – auch wenn du dich schwach fühlst. Ich finde, die Tatsache, dass du deine Gefühle nicht beiseiteschiebst, zeigt, wie stark du bist. Denn es ist verdammt schwer, alles zu fühlen, was du fühlst. Vor allem in dieser Intensität. Du stellst dich deinen Gefühlen, hältst sie aus und überwindest sie. Das ist stark.

Du darfst dich jedoch auch dazu entscheiden, den nicht so harten Weg zu nehmen. Du brauchst nicht alle Gefühle in voller Intensität ausleben beziehungsweise ihnen einen (großen) Raum in deinem Leben geben. Du schuldest es niemandem – auch dir selbst nicht – in unangenehme Gefühle besonders tief eintauchen zu müssen. Oder dir selbst wehzutun, z. B. durch Schuldgefühle oder Zweifel an der Validität deiner Wünsche oder dir als Person.

Was du tun kannst, damit es dir vielleicht wieder möglich ist, Licht zu sehen, möchte ich dir auch noch sagen, Liebes.

Was wirtun können, wenn es uns schlecht geht

Hier eine kleine Erinnerungsliste für Zeiten des Stresses, der Depression oder z. B. während einer deiner Panikattacken:

Vergiss deine Atmung nicht. Tief atmen, deine Bewegung und dein Tun verlangsamen. Immer wieder auf deine Atmung Acht geben. Es hilft manchmal auch, wenn du dich ausgestreckt auf den Rücken legst, deine Hände auf dein Herz legst und atmest. So lange, bis du ruhiger atmest. Manchmal hilft es auch, dir das Mantra ,,Ich bin bei mir.” innerlich zu wiederholen, um dich zurück zu dir zu holen, wenn du in deinen Gedanken bist. Tiefe Ruhe gepaart mit Gelassenheit und Frieden mit dir selbst darf immer dein Richtungsziel sein.

Vergiss deine Atmung nicht. Tief atmen, deine Bewegung und dein Tun verlangsamen.

Schau, ob deine Grundbedürfnisse gedeckt sind. Meistens sind davon mehrere nicht gestillt. Das kannst du manchmal (zeitweise) nicht vollständig, bei manchen lässt sich das aber zumindest verbessern. Hast du genug geschlafen, gegessen, getrunken? Fühlst du dich sicher und geliebt, wo und mit wem du gerade bist? Gibt es ein Thema, über das du gerne etwas lernen würdest? Hast du die Entscheidungen über dein Leben in der Hand? Fühlst du dich frei? Auf welche Ressourcen, sozialen Kontakte, Projekte kannst du jetzt zurückgreifen?

Schreibe dir, während du in einer stabileren Phase bist, eine Liste mit Dingen, die dir gut getan haben, während du dich depressiv fühltest. Frage dich, was hat dazu geführt, dass wir uns nachhaltig etwas besser gefühlt haben bzw. wo und wie war der Punkt, an dem du begonnen hast, weniger im stressenden Angstgefühl und mehr in innerer Ruhe zu sein?

Beobachte dich selbst. Ohne eine Wertung vorzunehmen (Achtsamkeit).

Schaffe dir Inseln. Momente, Zeiträume und Orte, in und an denen du loslässt.

LOSLASSEN. Deine innere Angespanntheit wirkt sich auf deine äußere aus. Dein Körper ist angespannt und schmerzt womöglich. Schaffe dir Inseln. Momente, Zeiträume und Orte, in und an denen du loslässt. Yoga, Meditation und Progressive Muskelrelaxation sind meiner Erfahrung nach manchmal hilfreiche Tools für eine situative Bewältigung von Angst, Panik, depressiver Stimmung oder Traurigkeit.

Auch wenn du am liebsten tagelang im Bett liegen bleiben würdest: Versuche, spazieren zu gehen, trau dich in kleinen Schritten wieder raus. Oder nimm dir eine schöne Sache vor (z. B. Etwas nähen, ein Bild malen, lesen, mit einer vertrauten Person sprechen, etwas in Ruhe backen) mit einem Menschen oder an einem Ort, wo du dich geborgen fühlst.

Deine depressive Stimmung darf dich ja begleiten und da sein, während du rausgehst! Vor Überforderung neigst du dazu, dich komplett zu isolieren, aber das fördert nicht, dass du besser zurechtkommst. Also versuche, dir kleine Erfolgserlebnisse zu schaffen, mein Herz. Und deinen Tag mit einer kleinen Sache oder Tätigkeit zu füllen, die dir ein positives Gefühl vermittelt.

Du bist genau richtig, wie du bist. Und es ist dir gestattet, dich selbst sehr lieb zu haben – auch wenn manche andere mit dir nichts anfangen können oder dich ablehnen

Du bist genau richtig, wie du bist. Und es ist dir gestattet, dich selbst sehr lieb zu haben – auch wenn manche andere mit dir nichts anfangen können oder dich ablehnen. Du hast das Recht, erfüllt und frei zu leben.

Was zählt, bist du. Du bist die einzige Person, die dich mögen sollte. Und ich bitte dich, das zu bedenken und zu leben. Du bist wichtig für DEIN Leben und auch wenn das manchmal furchteinflößend sein kann, es ist wunderbar, dass dieses in nur deiner Hand liegt.

Alles Liebe, X.

PirA (am liebsten kein Pronomen), 22 Jahre alt, ein+e Künstler*in aus Berlin. PirA studiert Soziale Arbeit und Theaterpädagogik und ist fürs Leben gerne kreativ: Nähen, Upcyceln, Kleidung designen, Schmuck machen, ausprobieren. Und, eines von PirAs Lebensziel ist es, sich selbst besser kennenzulernen, sich selbst näher zu kommen, aber auch das Umfeld und die Gesellschaft insgesamt in eine liebevolle, respektvolle und offene Richtung mitzugestalten! Dabei lernt PirA sehr gerne dazu!

Headerfoto: Anna Shvets (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Hi PirA, vielen Dank fürs Teilen deines sehr persönlichen Briefs. Das ist wahnsinnig stark.

    Es ist sehr inspirierend, wie mitfühlend und wohlwollend du an dich selbst schreibst.

    Ich hatte selbst auch schon depressive Episoden und kann vieles davon sehr gut nachvollziehen. Gerade auch wie schwer es ist, Positives an sich selbst oder im Leben zu sehen.

    Ich werde mir Zeit nehmen und mir selbst auch einen Liebesbrief schreiben.

    Viel Liebe

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