Deine Fotos sind nur ein stummer Schrei nach Liebe? Was Selfies über uns und unser Selbstbild aussagen

„Deine Selfies sind nur ein stummer Schrei nach Liebe, deine geschmollten Lippen sehnen sich nach Zärtlichkeit! Du hast nie gelernt sie zu artikulieren, und deine Eltern sind der Schlüssel zu allem.“

Zugegeben, so ganz „perfekt“ lässt es sich nicht ummünzen auf den Song „Schrei nach Liebe“ der Band „Die Ärzte“, doch die Message wird klar.

Viele Texte und Veruteilungen gibt es zum Thema Selfies und der Präsenz auf sozialen Netzwerken, dennoch wird oft vergessen, die Ursachen des konstanten sich Selbst-Darstellens etwas näher zu beleuchten. Dieser Text befasst sich vielmehr mit dem Warum und Woher diese stetige Suche nach Aufmerksamkeit kommen kann, statt sie nur zu benennen und schlecht zu reden.

Es ist komplex

Es ist komplex. Es ist so komplex, dass es am Ende ganz simpel wird und man sich nur eine Frage stellen darf: Wie ist meine Beziehung zu meinen Eltern?

Viele Menschen meinen, eine enge, normale liebevolle Bindung zu den eigenen Eltern zu pflegen. Und das mag auch stimmen. Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass dort der Schlüssel zu deinem ganzen Leben und wie es verläuft liegt.

Im Alter zwischen 23 – 27 Jahren hatte ich einen immer wiederkehrenden Traum. In diesem Traum verließ mich meine Mutter und ich fühlte mich schuldig. Ich sah sie in ein Auto steigen und spürte, sie kommt nicht zurück. Durch diesen Traum wurde mir mein erster manifestierter Glaubensatz verdeutlicht: „Ich bin es nicht wert geliebt zu werden, denn meine Mutter verlässt mich. Ich muss etwas falsch gemacht haben. Ich bin nicht liebenswert.“

Das Gefühl von verlassen werden

Meine Mutter hat uns nicht verlassen, aber sie ist ab und zu mal aus dem Osten in den Westen gereist und als Kind konnte ich nicht nachvollziehen, warum sie uns verlässt, auch wenn es nur „Urlaub“ oder Besuch der West-Verwandten war.

Meine Kindheit wäre mir bis dato nicht wirklich als ungewöhlich aufgefallen. Klar gibt es hier und da Situationen des Streits und der Diskussion aber es kam mir alles sehr „normal“ vor. Da diese Träume mich weinend aufwachen ließen, begann ich, darüber nachzudenken und fühlte stark, dass sie mir etwas offenbaren möchten.

Die Büchse der Pandora

Ich öffnete die Büchse der Pandora und nach und nach erinnerte ich mich an Szenen mit meinen beiden Elternteilen aus meinem jungen Leben zwischen 3 – 7 Jahren. In dem Moment, in dem ich mich entschied, die Botschaft dieser Träume zu erforschen, öffneten sich Türen und es traten Menschen in mein Leben, die sich genau mit den Dingen befassten und mir helfen konnten zu verstehen, wie alles zusammenhängt.

Besonders in den ersten Jahren unseren Lebens nehmen wir viel auf und wahr. Jedes nicht liebevolle Wort legt den Grundstein zu einem in uns entstehendem Schmerzmuster, dass sich später im Leben wiederspiegelt. Nicht nur unsere Eltern spielen hier eine Rolle, auch die Jahre in der Schule, in der wir Benotungen bekommen für unsere Leistung. In einem System, in dem Kunst, Sportliche Leistungen  oder mathematisches Verständnis bewertet werden, beginnen wir zu glauben, dass wir nicht gut genug sind, wenn wir in Mathe die Note 4 bekommen oder im Fach Kunst ein Einhorn malen, das eher einem Elefanten gleicht. Sehr früh wird uns gesagt, was wir zu tun haben und was wir nicht tun dürfen, was richtig und was falsch ist, und müssen dafür unsere eigenes Gefühl verleugnen.

Prägungen formen

Diese starke Prägung formt uns als Mensch. Wir verlieren unsere natürlichen Talente, die vielleicht gar nicht erst gesehen wurden, da sie nicht ins System oder zum Bild der Familie passten. Die individuelle Persönlichkeit wird verfälscht durch Vorgaben und Regelwerke. Wir werden nicht mehr gesehen für das was wir sind: Menschen mit individuellen Bedürfnissen und Gaben.

Wir leben im Jahr 2020. Die Veränderung im Bewusstsein der Menschheit ist spürbar. Allein in meinem Umfeld gibt es fast niemanden, der wirklich zufrieden mit seinem Leben ist. Und ich meine wirklich zutiefst im FRIEDEN mit sich selbst. Es wird getan, was getan werden muss, um Rechnungen und Annehmlichkeiten zu bezahlen. Und doch gibt es auf der anderen Seite immer mehr Menschen, die „aussteigen“ und einen alternativen Lebensstil suchen, in Verbindung mit der Natur und den eigenen Talenten.

Wir haben den Kontakt zu uns verloren

Es ist spannend, wie sehr wir den Kontakt zu uns verloren haben und unsere Sehnsüchte unter vielen Deckmänteln doch sichtbar werden. Sich selbst zur Schau stellen durch immer wiederkehrende Bilder von uns selbst sagt dir folgendes: Du willst gesehen werden, aber siehst dich selbst nicht. (Lies das nochmal!)

Wenn du dazu neigst, dich stets selbst in deinem Feed sehen zu müssen, dann hat dies oft nichts mit Selbstliebe zu tun, sondern es ist ein Zeichen aufzuwachen, dich selbst zu sehen und zu erkennen. Du brauchst die Erinnerung an dich so dringend, dass du dich immer wieder mit deinem Gesicht konfrontierst. Aber du siehst dich nicht. Das ist ein schönes Paradoxon. Du möchtest gesehen werden, du brauchst die Anerkennung von außen, damit du dich fühlst, damit du das bekommst, was du dir selbst nicht gibst: Aufmerksamkeit und Liebe.

Dieses Bild ist ein Trugschluss

Ich kenne dies nur zu gut. Jahrelang habe ich mich nicht gesehen gefühlt, habe mich in tolle Posen geworfen um anderen zu zeigen „Hey hier bin ich, komm sieh mich und sag mir wie toll du mich findest.“ Es ist ein Trugschluss und sehr anstrengend, dieses Bild von sich selbst in schönsten Farben aufrecht zu erhalten. Es ist weder authentisch noch zeigt es deine Liebe zu dir selbst. Es ist dein Schrei nach Liebe.

Dieser Schrei hallt meistens schon dein ganzes Leben lang durch dich hindurch, da es Momente in deiner Kindheit gegeben hat, in denen du nicht die Liebe und Aufmerksamkeit erfahren hast, die du gebraucht hättest. Und wer ist Schuld? Keiner.

Deine Eltern sind die Verursacher, jedoch wirst du sie nicht dafür verurteilen können, denn sie sind Menschen und haben ihr Bestes gegeben. Sie haben dich so erzogen, wie sie es eben in dem Moment am besten hätten tun können. Darum darfst du sofort die Opferrolle, die dir vielleicht in den Sinn gekommen ist, aufgeben und vergeben. Vergib deinen Eltern und dir,  für alle Momente, in denen sie dir nicht das geben konnten, was für dich von Nöten war.

Deine Eltern sind dein Potenzial

Im spirtuellen Sinne sind deine Eltern dein größtes Potenzial. Sie haben dich alle Erfahrungen machen lassen, um die deine Seele gebeten hat, um zu wachsen und zu gedeihen und gestärkt in dein eigenes Leben zu treten. Jesus ist das größte Symbol von Vergebung. Man hat ihn mal eben ans Kreuz genagelt und trotzdem hat er den Menschen vergeben. Sei wie Jesus, vergib deinen Eltern, Lehrern und vor allem dir selbst und frage dich: Was kann ich tun damit es mir gut geht? Wie kann ich mich selbst erkennen ohne im Außen nach Zuspruch zu fragen und mich darüber zu definieren?

Es ist sehr trendy „bewusst“ und „spirituell“ zu sein. Meditation und Yoga liegen hoch im Kurs und was soll ich sagen: Ja, es ist lebensverändernd. Doch kaum einer möchte wirklich seine Schattenseiten anschauen. Du wirst nicht sofort heilen, wenn du plötzlich keine Selfies mehr postest und dir einmal im Spiegel sagst: „So, jetzt vergebe ich mal eben allen und jedem und gehe drei Mal die Woche zum Yoga.“

All diese Muster die sich in uns etabliert haben, möchten Schritt für Schritt entlarvt werden. Es ist ein Prozess, der dein ganzen Leben dauert, sobald du gewillt bist, hinzuschauen, oder gezwungen wirst, hinzuschauen. Das Universum ist lustig, es hat viel Humor. Aber wenn du dein eigenes Drama nicht erkennst, kann es auch mal drastischere Maßnahmen ergreifen, um dich aus deinen tausenden Illusionen aufzuwecken.

Verhaltensmuster reproduzieren sich

Erlebst du die gleichen Dinge im Grunde immer wieder? Ziehst du einen bestimmten Typ Partner an und alles läuft irgendwie immer im selben Rhythmus? Wirst du immer wieder enttäuscht oder belogen? Kommt es in deinem Leben wiederkehrend zu ähnlichen Situationen? Dann kannst du sehr wahrscheinlich davon ausgehen, dass da ein Trauma ist, dass angeschaut werden will.

Was du tun kannst, wenn du spürst, dass dein Leben sich nicht mehr so gut anfühlt oder wie „Täglich grüßt das Murmeltier“ abläuft? Lass dir helfen. Investiere in deine Heilung und lerne deine wahren Fähigkeiten zu erkennen. Verzichte mal ein Wochenende auf deine Cocktails und jeglichen Alkoholkosum und gönne dir einen schönen Workshop, der dich und deine Themen anspricht.

Vielleicht magst du einfach mal Freitag und Samstag früh ins Bett gehen und zum Sonnenaufgang aufstehen statt dir die Nächste um die Ohren zu schlagen. Vielleicht gönnst du dir ein Coaching oder eine Familienaufstellung, einen Malkurs oder einfach nur Zeit für dich. Du verpasst nichts, du gewinnst dich. Ein Foto weniger auf Instagram, mehr Zeit mit dir. Und wenn du dich ansehen willst, hilft auch ein Spiegel, in dem du dich betrachtest und dir selbst ein Kompliment machst statt auf 100 Likes von Freuden und Fremden zu hoffen.

Es ist kompliziert – oder?

Jetzt magst du denken, dass es alles viel komplizierter ist. Es ist jedoch nur so kompliziert, wie du es machst. Dein Leben verändert sich, wenn du deine Verhaltensmuster erkennst und veränderst. Es gibt eine Sache, die ich immer unterschätzt habe: innerer Frieden.

Und wie der sich anfühlt, weiß auch ich nur in ganz wenigen Momenten, aber wenn er da ist, dann brauche ich keine Sozialen Medien, keine Bestätigung von außen, keine Aufmerksamkeit und auch keinen Reichtum. Frieden entsteht, wenn du im Hier und im Jetzt bist und alles annehmen kannst, so wie es ist, ohne Bewertung. Du brauchst nichts, du willst nichts, du bist einfach.

Jeden Teil deines Lebens zu dokumentieren bedeutet, dass du niemals im Hier und Jetzt bist. Du erschaffst eine Illusion eines Lebens, von dem du denkst, dass du es präsentieren musst. Für wen machst du das? Und warum?

Frieden entsteht, wenn du im Hier und im Jetzt bist und alles annehmen kannst, so wie es ist, ohne Bewertung. Du brauchst nichts, du willst nichts, du bist einfach.

Der Schlüssel zu allen Antworten liegt immer in uns selbst. Und wir brauchen manchmal Menschen, die uns Impulse geben und helfen, klarer zu sehen.  Es geht darum, uns gegenseitig auf unserem Weg zu unterstützen, bewusst zu sein und einen Weg in unsere Wahrhaftigkeit zu finden. Dies ist ein Denkanstoß für dich, unabhängig davon ob du nun Selfies von dir postest oder nicht. Es gibt viele Ausprägungsformen für unsere nicht geheilten Muster. Selfies sind jedoch die markanteste unserer Generation.

Balance is it!

Du brauchst dich natürlich auch nicht zu verstecken. Vielmehr geht es um die Balance zwischen der Außenwelt und deiner Innenwelt. Je mehr du bei dir bist, desto mehr bist du im Jetzt, fernab der Sozialen Netzwerke. Es ist schön, dich anzuschauen, wenn dein Bild dein authentisches Sein widerspiegelt. Mehr Sein als Schein.

Deine Eltern sind deine größten Lehrer. Dort findest du alle Antworten für die Dinge, die in deinem Leben vielleicht nicht so super laufen. Und wenn du sie das nächste Mal siehst, kannst du ihnen sagen, dass du froh bist, dank ihnen so viele Selfies zu posten und erkennen konntest, dass dies eigentlich nur eine Verletzung aus deiner Kindheit ist. Und dann machst du ein schönes Bild mit ihnen und hashtagst #thisselfiechangedmylife.

Amen.

Headerfoto: Agung Pratamah via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

ANNELIE ist eigentlich ein Einhorn, das auf die Erde geschickt wurde, um möglichst viel Konfetti und Liebe zu verstreuen. Sie widmet sich voll und ganz neuen Lebenskonzepten und unterstützt das Universum beim Erwecken derjenigen Menschen, die noch in ihren alten staubigen Strukturen verharren. Sie weiß eines ganz sicher: Die größte Kraft, die es gibt, ist und bleibt die Liebe. Mehr von der fabelhaften Annelie gibt es auf ihrem Blog.

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