Irgendwann war die Luft raus, aber zum Glück bin ich geblieben. Eine Liebeserklärung an meinen Freund

Vier Jahre, vier Monate und 23 Tage. Ich habe soeben eine Website bemüht, mir auszurechnen, wann mein Freund und ich uns das erste Mal geküsst haben. Kurz bin ich aus den Latschen gekippt. Nicht, dass ich nicht wüsste, dass dieses Jahr unser Vierjähriges ansteht – das offizielle Datum liegt ein halbes Jahr nach dem ersten Kuss –, aber diese Zahlen muss ich trotzdem erstmal sacken lassen.

Ich meine, es ist meine erste lange Beziehung und da darf man sich schon mal von so einem Berg an Zahl verunsichert fühlen. Vor allem, wenn die rosarote Brille längst ihren Platz im Reliquienschrein gefunden hat. Also, Weinflasche auf und Glas bis zum Rand gefüllt: Ich hab da ein paar Fragen.

Erstens: What the fuck, wo ist die Zeit hin?

Okay, anscheinend hat meine Oma doch Recht und je älter man wird, desto schneller fliegen die Zeiger. Aber irgendwas müssen wir ja in diesen letzten vier Jahren gemacht haben und das kann doch nicht alles nur belangloser Unsinn gewesen sein. Und sofort fällt es mir wieder ein. Verdammte Hacke, wir haben eine Menge gemacht und alle Erinnerungen, die aufpoppen, sind großartig! Wir haben unsere komplette Kohle auf den Kopf gehauen und sind einfach ständig weggefahren.

Okay, anscheinend hat meine Oma doch Recht und je älter man wird, desto schneller fliegen die Zeiger.

Zwei Wochen 37 Grad in Italien, Nacktbaden im Meer in Griechenland, den teuersten Burger essen in Finnland, Songs schreiben in Spanien, Picknick mit Akkordeonspielern an der Seine in Frankreich, Anbaden im April auf einem Campingplatz in Deutschland, mein Geburtstag bei strömendem Regen im Hyde Park in England, Matjes nach Hausfrauenart in Uwes Fischerhütte an der Ostsee, mit dem Camper-Van entlang der Côte d’Azur.

Meine interne als auch externe Festplatte ist voll mit Bildern. So viele perfekte Momente. Doch die vielleicht schönste Erinnerung: Du warst der erste Freund, mit dem ich jemals im Urlaub war.

Meine interne als auch externe Festplatte ist voll mit Bildern.

Wir sind viel und weit gereist, nicht nur raus aus Berlin, sondern auch jeder für sich persönlich. Als wir uns getroffen haben, standen wir beide beruflich vor einem neuen Abschnitt. Du hattest Deine Bühnenkarriere beendet und wolltest hinter die Kulissen: Songs schreiben, produzieren, Künstler unter Vertrag nehmen und Dein Studio aufbauen. Ich hatte gerade meinen Musikbusiness-Office-Job gekündigt und wollte auf die Bühne. Wir hatten so viele Möglichkeiten, uns gegenseitig zu unterstützen und voranzubringen, sodass wir keine davon ausgelassen haben.

Aus Deinem Studio wurden sieben Räume, aus meinen Songs Produktionen, die veröffentlicht wurden und die ersten Fans in die Konzertlocations brachten. Wir sind nicht nur uns immer mit Respekt begegnet, sondern auch unseren Träumen. Es war immer unser Ding, Unmögliches möglich zu machen. Ich habe an Dich geglaubt und Du an mich und mit der Einstellung haben wir gemeinsam mehr erreicht, als es uns allein möglich gewesen wäre.

Zweitens: Wie weit lässt sich der Gummi spannen?

Aber so eine Solo-Karriere braucht viel Aufmerksamkeit und mehr Ego, als mir lieb ist. Irgendwann habe ich das Gefühl bekommen, dass der Fokus zu sehr auf mich verlagert wurde, von meiner Seite aus, aber auch von Deiner. Uns gab es nur noch in Form meines Projektes und Dich gab es nur noch ganz wenig. Obwohl Du Dich für mich ein Stück weit aufgegeben hast, fand ich dieses fehlende Gleichgewicht unsexy.

Meine Vorstellung von einer guten Beziehung ist, dass man zwei individuelle Leben so kompromisslos wie möglich vereint, so dass jeder sein eigenes Glück findet, man aber auch in die gleiche Richtung schaut. Die Idee, dass sich einer von beiden für den anderen aufgibt, finde ich gruselig.

Uns gab es nur noch in Form meines Projektes und Dich gab es nur noch ganz wenig. Dieses fehlende Gleichgewicht fand ich unsexy.

Am meisten an Dir liebe ich Deinen eigenen Kopf, voller Ideen und Tatendrang. Ich will wissen, von was Du träumst, was Du erlebt hast und worüber Du nachgedacht hast, wenn Du von mir getrennt warst und wie das Dein Leben und Deine Entscheidungen beeinflusst. Können wir unsere eigenen Wege gehen und trotzdem füreinander da sein?

Genauso wenig, wie mir diese Entwicklung entgangen ist, hat sie mich kalt gelassen. Es ist natürlich nicht sofort klar gewesen, warum ich immer öfter genervt von Dir war. Und es ist natürlich nicht sofort klar gewesen, warum ich auf einmal anders fühlte. In dieser Zeit kamen mir immer wieder uncoole Gedanken und unangenehme Fragen in den Kopf. Es hat mich wahnsinnig gemacht, weil ich nicht wusste, wie ich mich entscheiden sollte.

Der Satz „Es ist nicht so einfach“ war für mich ein Zeichen für Feigheit. Aber eine lange Beziehung ist wie ein Paralleluniversum, da gelten andere Regeln.

Früher hätte ich sicherlich bald schon die Reißleine gezogen. Generell hatte ich es nie nachvollziehen können, wenn Menschen unsicher in Beziehungen waren. Entweder ist sie gut oder schlecht und so entscheidet man. Der Satz „Es ist nicht so einfach“ war für mich ein Zeichen für Unentschlossenheit oder sogar Feigheit. Aber eine lange Beziehung ist wie ein Paralleluniversum, da gelten andere Regeln. Das habe ich zum ersten Mal gespürt. Es geht in aller erster Linie nicht darum, wie ich mich entscheide, sondern ob ich mich wirklich entscheiden muss.

Wenn ich eins von Kalendersprüchen gelernt habe, dann, dass man in hochemotionalen Momenten keine Entscheidungen treffen sollte. Ein kluger Ratschlag, der auch mich Emo-Bombe entschärfte und uns die nötige Zeit gegeben hat. Denn nach so einer langen Beziehung springt man keinem Menschen, den man eigentlich liebt, gern mit 12 Kilo Dynamit in den Rücken.

Drittens: Werden wir gemeinsam alt?

Jetzt weiß ich, „Es ist nicht so einfach“ hieß wahrscheinlich also immer nur: „Ich nehme es nicht auf die leichte Schulter“. Aus meiner jetzigen Perspektive mehr als nachvollziehbar. Ich bin dankbar für die Offenheit meiner Freunde, die in langen Beziehungen sind und die Tipps meiner Mama, was einen guten Mann ausmacht. Denn, wenn ich all das und mein eigenes Gefühl in Betracht ziehe, habe ich mit diesem Mann den Jackpot geknackt.

Jetzt weiß ich, „Es ist nicht so einfach“ hieß wahrscheinlich also immer nur: „Ich nehme es nicht auf die leichte Schulter“.

Es gab Momente, da war ich so in meinen Emotionen gefangen, dass ich glaubte, dass es das Beste wäre, einfach einen Schlussstrich zu ziehen. Vielleicht, dachte ich sogar, gibt es irgendwo jemanden, der besser passt und in den ich mich neu verlieben könnte. Aber die Vorstellung von perfekt, im Sinne von reibungslos, ist eine Illusion.

Für mich ist die perfekte Beziehung eine, die nicht alles hinnimmt, auch nicht alles problemlos aushält, aber am Ende alles übersteht und noch enger verbindet. Und die habe ich offensichtlich in Premium-Ausführung. Der beste Mensch, in den ich mich neu verlieben könnte, warst also immer Du.

Mittlerweile bin ich fast schon dankbar für diese unsichere Zeit. Mein Verständnis für eine Partnerschaft hat sich noch einmal komplett verändert. Auch, wenn ich keine Heiratsenthusiastin bin, verstehe ich jetzt besser die Versprechen, die man sich gibt. Je länger die Beziehung ist, desto realer wird sie. Desto mehr zeigen wir uns unserem Gegenüber und bekommen einen Eindruck von ihm. Das bedeutet, dass wir beinahe alle Schwächen kennen, aber auch jede Größe.

Kein Mensch ist perfekt und keine Beziehung ist perfekt, das Leben ist lebendig und wir sind es auch.

Kein Mensch ist perfekt und keine Beziehung ist perfekt, das Leben ist lebendig und wir sind es auch. Wir alle haben unsere Phasen, wir brauchen alle manchmal unsere Zeit. Wir gehen unsere Wege und wir alle haben viel zu lernen. Miteinander und jeder für sich. Wir verändern uns manchmal sehr und manchmal bleiben wir zu lange stehen.

Aber inmitten all dem Trubel, inmitten dem Leben, dürfen wir nicht vergessen, was den Menschen, mit dem wir zusammen sind und den wir lieben, eigentlich ausmacht. Und das sind mehr als genug Gründe, die nächsten vier Jahre, vier Monate und 23 Tage immer wieder mit Dir zu knutschen.

Diese Kolumne könnt ihr euch auch bei Spotify, iTunes und Deezer von Karlie höchst persönlich vorlesen lassen. Oder einfach hier:

KARLIE APRIORI ist Singer-Songwriterin, hostet die Podcasts „Karlies Kolumne“ & „Behind The Lyrics - Interview mit dem Künstler“ und schreibt Kolumnen. Passioniert reflektiert sie in ihren Texten und mit ihren Gästen das Menschsein. Dabei sucht sie immer nach der ehrlichsten Antwort. So eigenartig sie auch sein mag, die Wahrheit erblickt das Licht der Welt. So, wie es Hemingway empfohlen hat und so, wie es doch auch am meisten Spaß macht: „All you have to do is write one true sentence.“

1 Comment

  • Ich danke dir. Genau diesen Zwiespalt habe ich seid einiger Zeit. Bei mir sind es bald 12 Jahre die ich mit einen wunderbaren Menschen verbracht habe mit Höhen und Tiefen…mit meinen eigenen Dämonen die mich treiben Schlussstriche zu ziehen obwohl ich es nicht will. Du hast Recht, man darf nicht Hochemotional entscheiden. Deswegen bleibe ich auf den Tatsachen und es wird gut werden. Mit ihm werde ich alt.

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