Schrei nach Liebe? Ich verletze meinen Körper und möchte endlich von meinen Narben lernen

Es gibt Menschen, für die versuche ich, besonders kaputt zu sein. Und dann gibt es Menschen, vor denen ich mich dafür schäme. Kann Scham ein gutes, richtiges Gefühl sein? Ich glaube ja, denn manchmal zeigt sie uns, was wir schon lange wissen. Kurz zum Verständnis: Kaputt sein kann viele Facetten haben. Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, aber auch weniger drastische Formen, sei es pathologisches Lügen, chronisches, gezieltes Überarbeiten oder anderes destruktives Verhalten. Meine Kaputtheit ist mir auf meiner Haut recht deutlich abzulesen. Wenn dich Worte über Narben und selbstverletzendes Verhalten triggern, lies diesen Artikel bitte nicht weiter.

Wir liegen nebeneinander, noch ein bisschen schwer atmend. Deine Hand fährt über meine Wange, meinen Hals. Meine Hüfte, meinen Oberschenkel. Und dort stoppt sie. Dein Finger fasst eine frische Narbe nach der anderen an, fast liebevoll. Auch dein Mund wandert. Er küsst sie, diese Narben, die ich selbst dort hingelegt habe. „Ich bin da, wenn es dir schlecht geht, das weißt du, oder?“ Eine der Tatsachen, die ich gerne wüsste. Aber was ich weiß, ist, dass dieser Satz eine Lüge ist. Auch wenn du das selbst noch nicht erkennen kannst.

Dein Finger fasst eine frische Narbe nach der anderen an, fast liebevoll.

Und hier liegt das Problem. Für genau diesen Moment gibt es sie, die Narben. Für diese Art von Liebe. Aufmerksamkeit. Beachtung. Sie sind purer Geltungsdrang Menschen gegenüber, die ich eigentlich schon lange aus meinem Leben hätte verbannt haben sollen. Und das ist armselig. So sehr, dass ich grade fieberhaft überlege, ob ich diesen Text unter meinem Klarnamen veröffentlichen kann.

Aber genau das ist es, was ich mir eingestehen muss. Diese Aufmerksamkeit ist nicht ehrlich. Sie ist auch nicht besser als nichts, wie ich es mir immer selber einrede. Sie ist weniger als nichts. Denn du bist nicht da, wenn es mir schlecht geht. Du bist auch nicht da, wenn es mir gut geht. Du sagst diesen Satz, um dich für einen kurzen Moment zu fühlen, als könntest du jemanden retten. Dabei geht es weder um mich, noch darum, dass du es im Falle eines Falles tatsächlich tun würdest. Oder könntest. (Das hier adressierte Du ist keine Person. Es ist ein Verhaltensmuster.)

Ich lechze nach jedem Bisschen dieser Aufmerksamkeit. Ich bekomme sie nur so sporadisch, dass es weh tut.

Und dennoch lechze ich nach jedem Bisschen dieser Aufmerksamkeit. Ich bekomme sie nur so sporadisch, dass es weh tut. Und dieser Schmerz malt Linien auf meiner Haut.

Wie ungesund das ist, merke ich in Momenten, in denen mir gute Menschen gegenüberstehen. In Momenten, in denen ich mich für meine Narben schäme. Ich will nicht sagen, dass diese Scham notwendig ist. Sie führt mir bloß vor Augen, dass ich genau weiß, wie toxisch und schädigend mein Verhalten mir selbst gegenüber ist.

Ich bin nicht blind mir selbst gegenüber. Ich mache nur manchmal die Augen zu.

Ich bin nicht blind mir selbst gegenüber. Ich mache nur manchmal die Augen zu. Und wenn ich sie öffne, verstehe ich mich selbst für einen kurzen Moment nicht mehr. Ich versuche dann fieberhaft, jede der noch dunklen Linien wegzucremen. Überlege mir Taktiken, welche Kleidung ich anziehen kann, die, auch wenn sie verrutscht, keine meiner Schwächen preisgibt.

In diesen Momenten merke ich, dass Menschen, die dieses Verhalten in mir auslösen, die sind, mit denen ich mich eigentlich umgeben sollte. Nicht, weil ich versuche, meine Unzulänglichkeiten vor ihnen zu verstecken. Das ist mein Problem, niemand von ihnen verlangt das von mir. Sondern weil sie mich in meinem Kopf so klar lassen, dass der verletzende Mechanismus gar nicht erst in Kraft tritt.

Wie lernt man, was man eigentlich schon weiß? Wie lernt man, von toxischer Aufmerksamkeit loszukommen?

Wenn ich ihnen die dünnen Linien auf meiner Haut genauso „stolz“ präsentieren würde wie den toxischen Menschen, wäre die Reaktion vermutlich eine andere. Oftmals keine gute. Auf den ersten Blick. Aber eine ehrliche. Und vor allem eine, die in dem Moment nichts mit ihnen, sondern nur mit mir zu tun hat.

Aber wie lernt man, was man eigentlich schon weiß? Wie lernt man, von toxischer Aufmerksamkeit loszukommen? Noch weiß ich es nicht. Vermutlich ist es wie bei einer Sucht und man muss sich helfen lassen. Also beginne ich vielleicht mit Ehrlichkeit. Den richtigen Menschen gegenüber.

Anm. d. Red.: Falls auch du oder jemand in deinem Umfeld sich selbst verletzt, kannst du online oder telefonisch Hilfe bei Neuhland oder der Telefonseelsorge finden. Eine Info- und Netzwerkseite zum Thema selbstverletztendes Verhalten findest du hier. Außerdem können dir Ärzt*innen oder Therapeut*innen weiterhelfen. Je früher du über deine Gefühle sprichst, desto besser kann geholfen werden. Du bist nicht allein.

Headerfoto: Amir Geshani via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

Julia arbeitet in der Redaktion von im Gegenteil. Sonst tanzt sie gerne, aber nur wenn danach ausgeschlafen werden darf. Und sonst? Viel Kaffee, viel Lyrik, viel Konzerte, viel Zimt, viel Action.

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