Retroactive jealousy – Ich bin eifersüchtig auf die Exfreundin meines Partners

Das ist mein bisher wohl persönlichster Text. Zumindest der, der mir bisher am schwersten gefallen ist. Vielleicht, weil Eifersucht in unserer Gesellschaft ein Tabuthema und No-Go ist. Weil es um irrationale Emotionen geht und weil Angst, vor allem wenn sie irrational ist, mit Schwäche gleichgesetzt wird. Und vielleicht auch, weil ich mich mit dem, worüber ich da schreibe, oft alleine und hilflos fühle. Genau aus dem Grund schreibe ich aber darüber. Damit jede*r, die*der das auch erlebt, sich vielleicht ein bisschen weniger alleine fühlt.

Ich öffne Instagram. Entfolgt bin ich ihr schon vor einer Weile, manchmal denke ich über sie nach, eigentlich nur noch selten. Ach, ich guck einfach mal, was so geht, heute ist doch ein guter Tag, denke ich. Ich gehe auf ihr Profil. Ist eigentlich eh nicht öffentlich, ich rechne mit nichts, als mir plötzlich ihr Gesicht entgegenspringt. Shit, eine Millisekunde Adrenalinkick. Einfach mal gucken, denke ich, passiert ja nichts.

Ich scrolle und scrolle, bis der Moment kommt, mit dem ich hätte rechnen müssen, den ich aber immer wieder bagatellisiere: Herzrasen, Atemnot, Kloß im Hals. Ich schließe Instagram, starre aus dem Fenster, versuche mich zu beruhigen. Greife wieder zu meinem Handy, öffne die App, öffne den Post, der mir Herzrasen verursacht hat, checke das Datum, drei Jahre alt, ist doch nichts, alles okay. Ich lege das Handy weg, versuche zu arbeiten, starre auf den Bildschirm des Computers, Kopfkino.

Für Betroffene, die Retroactive Jealousy erleben, fühlt es sich verdammt real an. Die Szenarien, die unser Kopf kreiert, sind es vielleicht nicht, die Gefühle, die daraus resultieren allerdings schon.

Weil sie mal was miteinander hatten, ganz kurz nur, war nichts Ernstes, er hatte dann keinen Bock mehr. Alles gut also. Ich versuche alles, um das Herzklopfen zu beruhigen und wieder klar denken zu können. Langsam ein- und ausatmen. Nicht auf die Szenarien schauen, die meine Psyche kreiert. Kiste zumachen, Deckel drauf, imaginative Übungen, die mein Therapeut mir vor Jahren beigebracht hat. Ich hab auch eine Vergangenheit, ich hatte vermutlich mindestens ebenso viele ernste und nicht so ernste Geschichten, nothing to worry about. Was zählt, ist doch das hier, das was jetzt ist, weil zwischen uns alles absolut genau richtig ist. Das spüren wir, das sagen wir uns gegenseitig, das versuche ich mir jetzt zu verdeutlichen.

Das hilft aber nicht oder nur bedingt. Das, was ich erlebe, habe ich lange Zeit nicht einordnen können, nicht benennen, habe nichts dagegen tun können außer mit Freund*innen drüber reden und Realitätschecks machen: Das ist die Vergangenheit, das ist nicht real. Für Betroffene, die Retroactive Jealousy erleben, fühlt es sich allerdings verdammt real an. Die Szenarien, die unser Kopf kreiert, sind es vielleicht nicht, die Gefühle, die daraus resultieren allerdings schon.

Ich stoße auf den Begriff, als ich aus lauter Verzweiflung Google bemühe. Retroactice Jealousy, zu Deutsch „retrospektive Eifersucht“ oder „retrograde Eifersucht“, bezieht sich auf „schmerzhafte Gedanken und Neugier in Bezug auf die Beziehungen und / oder Sexualgeschichte eines Partners.“

Bisher dachte ich, dass es momentan so schlimm ist, weil ich das erste Mal eine Beziehung führe ohne all die Abwehrmechanismen, die meine Psyche sonst zu bieten hat. Weil ich eine Therapie mache und alles in Angriff nehme. Weil ich versuche, so viel wie möglich alleine zu bearbeiten, um mein Päckchen aus Verlustangst und Bindungsunsicherheit nicht mit in die Beziehung zu bringen und sie damit zu belasten. Ich dachte, dass diese Szenarien bisher so quälend deutlich waren, weil jetzt alles ganz nah unter der Oberfläche ist, weil ich so verliebt bin. Ich so eng mit meiner Angst zusammenarbeite und sie anhören muss, damit sie nicht destruktiv wird wie in vorherigen Beziehungen.

Ich versuche, so viel wie möglich alleine zu bearbeiten, um mein Päckchen aus Verlustangst und Bindungsunsicherheit nicht mit in die Beziehung zu bringen und sie damit zu belasten.

Ich dachte, ich muss da durch, muss das aushalten, dann wird es besser. Dann stelle ich fest: Diese Szenarien gab es früher auch schon. Nur habe ich sie gedeckelt, habe ich meine Psyche alle Abwehrmechanismen auffahren lassen, die sie zur Verfügung hatte, um sich nicht diesen Emotionen stellen zu müssen, die da brodelten. Auch früher schon war die Vergangenheit meiner Ex-Partner*innen (und meine eigene) etwas, was ich thematisiert haben wollte und was mich gleichzeitig quälte, ohne dass ich rational etwas dagegen hätte tun können.

Auch unabhängig davon, wie diese Vergangenheit aussah: Einer meiner Exfreunde hatte nur One-Night-Stands vorher, ich war seine erste feste Freundin und die erste Person, der er sagte, dass er sie liebe, mit 24 Jahren, that meant something. War mir egal, war meiner Psyche egal, war der Retroactive Jealousy egal. Auch bei dem Exfreund, der vor mir nur mit 2 anderen Frauen geschlafen hatte, kamen die Szenarien, obwohl meine Vergangenheit deutlich ereignisreicher war.

Im DSM-V (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen), dem amerikanischen Pendant zu ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten, inklusive psychischer Erkrankungen, herausgegeben von der WHO) wird Retroactive Jealousy den obsessive compulsive disorders zugeordnet, den Zwangserkrankungen.

Ich verstehe: Deswegen entstehen diese Szenarien so schnell, vor allem, wenn Unsicherheiten auf meiner Seite getriggert werden. Es hat etwas Zwanghaftes, dieses Checken von Social Media, dieses Kopfkino. Meine Psyche zwingt mich wieder und wieder, mich mit diesen Ängsten auseinander zu setzen. Ich weiß als Psychologiestudentin aber auch, dass man nicht alles ständig in Diagnoseschubladen stecken sollte. Mir hilft es zu verstehen, dass ich damit nicht alleine bin und dass es besser werden kann. Trotzdem versuche ich, das große Ganze zu sehen.

Es hat etwas Zwanghaftes, dieses Checken von Social Media, dieses Kopfkino. Meine Psyche zwingt mich wieder und wieder, mich mit diesen Ängsten auseinander zu setzen.

Das, was da stattfindet, ist meine Psyche, die mir sagt: Wir müssen uns mit dieser Angst auseinandersetzen. Damals, als diese Angst vor Verlust, die Angst, nicht gut genug zu sein, entstanden ist, konnte ich nicht konstruktiv damit umgehen, ich war noch ein Kind. Damals hat sie sich festgesetzt.

Das, was meine Psyche jetzt macht, nennt man in der Tiefenpsychologie „Re-Inszenierung“: Immer wieder durchlebt man die negative Emotion wie Angst oder Trauer von damals. Weil damals nicht damit umgegangen werden konnte, sie also nicht bearbeitet wurde und nicht erledigt ist. Und unsere Psyche irgendeinen Weg finden musste, sie zu handhaben. „Abwehrmechanismen“ nennt man diesen Weg. Meistens sind die gut, um uns vor negativen Emotionen zu schützen. Manchmal kommen sie uns im Alltag aber auch in die Quere.

Bei mir sieht das dann beispielsweise so aus: Die Angst wird getriggert, zum Beispiel von einer Ex-Partnerin meines aktuellen Partners, die in meinen Selbstzweifel-Augen irgendwie besser ist als ich. Entweder die Angst ist dann einfach so da oder sie kommt Hand und Hand mit einem Szenario, einem Bild, Kopfkino von meinem Partner mit einer anderen Person. Dann potenziert sich die Angst, ich habe Paniksymptome, Herzrasen, ich bekomme keine Luft. Dieses unglaublich schlimme Gefühl muss reguliert werden, also reagiert meine Psyche.

Abwehrmechanismus Nummer eins: Mauern. Unabhängig sein, wir brauchen niemanden, we are good on our own. Nummer zwei: Rückversichern. Babes, das mit uns ist richtig, das ist was Besonderes, stimmt‘s? Es folgt eine kurze Linderung der Angst, es gibt nichts, wovor wir uns fürchten müssen (denn entweder ich fühle mich unabhängig von der Bezugsperson, deren Verlust ich fürchte, oder aber diese Person versichert mir, dass zumindest momentan keine Gefahr für einen etwaigen Verlust besteht).

Das Problem an der Sache: Diese Angst kommt eben immer noch aus der Vergangenheit und solange sie da nicht eingeordnet wird, kommt sie immer wieder. Und da stehe ich jetzt: Ich muss das alleine schaffen, muss mich damit auseinandersetzen, dass an einigen entscheidenden Punkten in meiner Kindheit jemand nicht für mich da war und ich deswegen jetzt Angst in Bezug auf Bezugspersonen in meinem Leben habe, shit happens. Ich brauche keine Onlineforen durchkämmen, keine Selbsthilferatgeber wälzen. Ich muss das einfach bearbeiten, so scheiße und schmerzhaft das auch ist. Das Gute daran: Ich weiß, wenn ich das schaffe, kann ich eine Beziehung führen, ohne dass diese Angst ein regelmäßiger Begleiter ist. Oder zumindest ist es okay, wenn sie mal vorbeikommt, weil ich weiß, sie gehört in die Vergangenheit.

Eifersucht ist ein Kostüm. Ein Kostüm, das sich Verlustangst manchmal anzieht. Und sie sollte zumindest erst einmal ernst genommen und angeschaut werden, bevor man sich selbst oder andere dafür verurteilt.

Eifersucht ist in unserer Gesellschaft ein No-Go. Irgendwann, als ich mich mit alternativen Beziehungsmodellen auseinander gesetzt habe, habe ich verstanden: Eifersucht ist ein Kostüm. Ein Kostüm, das sich Verlustangst manchmal anzieht. Und sie sollte zumindest erst einmal ernst genommen und angeschaut werden, bevor man sich selbst oder andere dafür verurteilt. Spüre ich heute Eifersucht, sei sie auf aktuelle oder Personen aus der Vergangenheit bezogen, weiß ich: Erstmal hingucken, warum die jetzt da ist. Habe ich einen unsicheren Tag? Mag ich mich heute nicht? Ist das die Angst aus der Vergangenheit oder muss ich mir wirklich Sorgen machen, dass in meiner Beziehung gerade etwas nicht stimmt?

Und somit wird die Eifersucht, sei sie nun retrospektiv oder nicht, für uns zu einer Chance, sich mit uns selbst auseinanderzusetzen und zu lernen. Das ist gut. Das ist anstrengend, aber auch gut. Das hilft dabei, vergangene Beziehungen zu verstehen. Es hilft zu verstehen, dass Trennungen nicht das Ende der Welt bedeuten und dass ich tatsächlich good on my own bin – es aber auch schön ist, wenn da ein anderer Mensch ist.

Und wenn das alles nicht so richtig funktioniert, bleibt nur der friendly reminder: don’t stalk exes. Niemand hat etwas davon, Zeit kann sinnvoller genutzt werden und Masochismus ist, zumindest wenn es um Emotionen geht, sowas von out.

Unsere Autorin möchte lieber anonym bleiben. Unterschiedliche Beziehung, ihr Psychologiestudium und gutgemeinte Ratschläge von Freund*innen gaukeln ihr manchmal vor, die Liebe und das Leben zu verstehen – Angst hat sie trotzdem recht oft. Und dann schreibt sie darüber.

Headerfoto: Brooke Cagle via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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