Reise zu mir selbst – Wie ein Roadtrip mich meiner Verlustangst näher brachte

16 Tage, 384 Stunden, im Auto quer durch Europa mit einen Mann, den ich noch nicht lange kannte. Ich habe mir vorher keine Gedanken gemacht, was es für mich bedeutet, so lange einen Raum miteinander zu teilen … und ich meine nicht nur die stundenlange Autofahrt oder das Hotelzimmer. Es war eine Herausforderung für mich, denn meine “Me-Time” war mir schon immer heilig.

Ich musste lernen, Kompromisse einzugehen, die Bedürfnisse des anderen zu achten und auch meine Bedürfnisse offen zu äußern. Es gab Situationen, wo mich mein Partner genervt hat und ich meine Ruhe brauchte. Erschwerend kam hinzu, dass ich kurz vor meiner Periode stand und meine Hormone durchgedreht sind.

Ich musste lernen, Kompromisse einzugehen.

Jede Frau kann das nachempfinden und für die Herren: Das ist keine Ausrede! Ihr habt ja keine Ahnung, was in uns vorgeht! Jeden Monat beginnt ein neuer Zyklus und unsere Hormone spielen verrückt. Wir Frauen sind zyklische Wesen, mit allen erdenklichen Emotionen, die in uns auftauchen. Ich bin generell nicht leicht zu handlen, aber gerade in dieser Phase kann ich ziemlich anstrengend sein.

Es gab Momente auf unseren Trip, die waren nicht so schön. Da hätte auch der beste Instagram-Filter nicht geholfen. In Mijas Pueblo einer Provinz in Málaga, kamen wir nach stundenlanger Fahrt endlich in unserer Airbnb-Wohnung an. Auf den ersten Blick Hui und auf den zweiten Blick Pfui. Es war dreckig und das Bettlaken hat wahrscheinlich noch nie eine Waschmaschine von innen gesehen. Im Badezimmer klebten überall Haare und auch der Urin auf der Klobrille vom Vormieter begrüßte uns mit einem freundlichen “Hola”.

Meine Laune war im Keller und ich steigerte mich so richtig in den Frust hinein. Doch bevor ich einen Heulkrampf erlitt, konnte mich mein Partner beruhigen und wir suchten gemeinsam nach einer Lösung. Wir wollten uns die Stimmung nicht versauen lassen und beschlossen, erstmal Reinigungsutensilien zu besorgen (die es in der Unterkunft nicht gab).

Es gab Momente auf unseren Trip, die waren nicht so schön.

Wenigstens die Aussicht hielt was sie versprach, die Villa lag in den Bergen von Mijas Pueblo und man konnte von dort aus den ganzen Ort erblicken. So zogen wir los, um es uns so angenehm wie möglich zu machen. Wir kauften eine Decke, diverse Putzlappen und ein nach Minze duftendes Reinigungsmittel. Wir haben das Beste aus der Situation gemacht und die Stimmung ging vorerst bergauf.

Nach ein paar Gläsern Wein und einen Putzmarathon sah die Welt schon wieder anders aus. Wir genossen die Aussicht über den Dächern von Mijas Pueblo. Die Wohnung roch nach Minze und war blitzsauber, sodass sich sogar der Gastgeber am Ende der Reise über meinen Sauberkeitsfimmel freute und sich bei mir bedankte, wie herrlich frisch wir doch die Wohnung verlassen haben.

Doch irgendwie schien die Sonne an der Costa del Sol nicht für uns.

Wir suchten im Netz nach einem schönen Restaurant und wurden bei tripadvisor fündig, eine 5* Bewertung in der nächstgelegenen Stadt. Doch schon bei der Ankunft in Fuengirola kippte die Stimmung, die Stadt war einfach viel zu touristisch und das 5* Restaurant passte optisch dazu. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört und wollte weitersuchen. Nur weil eine Plattform vorgibt, dass die Location 5* verdient hat, muss das nichts heißen. Nur weil 100 Menschen sagen, dass etwas super ist, muss das nicht auf mich zutreffen. Ich bin einer von den Menschen, die sich treiben lassen und einfach spontan entscheiden, ob es sich richtig anfühlt oder eben nicht.

So zogen wir weiter und ich merkte, wie genervt mein Partner war. Mit bedrückter Stimmung suchten wir also eine passende Location und unser Magen knurrte vor sich hin. Als ich dann noch einen wunden Punkt bei ihm getroffen hatte, verging uns der Appetit und wir fuhren schweigend zurück in den Ort Mijas Pueblo, um dort den Abend ausklingen zu lassen.

Grade diese Momente haben uns näher zueinander geführt.

„Autsch“, mitten ins Schwarze getroffen und zur Strafe stiefelte ich meterweit hinter ihm her. Nach einer sehr langen Schweigeminute haben wir offen darüber geredet und kamen uns dadurch näher. Als sich die Regenwolken über uns aufgelöst hatten, schien wieder die Sonne. Grade diese Momente haben uns näher zueinander geführt. Diese Momente sind es, auf die ich mit einem fetten Grinsen über den Wangen zurückblicke.

Erst wenn wir unsere wunden Punkte ansprechen, darüber reden, zuhören und aufeinander eingehen, kann wahre Intimität entstehen. Rückblickend war es genau dieser Ort, der etwas in mir ausgelöst hat. Ab diesen Zeitpunkt verlangte ich nicht mehr nach meiner “Me-Time”, ich genoss seine Nähe und fühlte mich sicher und geborgen.

Wir sind wahre Meister in Improvisation geworden und handelten gemeinsam als Team. Das zeigte sich auch am Silvesterabend, als wir mit hoher Erwartung am Rathausplatz in València angekommen sind. Wir wollten mit Einheimischen feiern und zu guter Musik in das neue Jahr tanzen. Die angekündigten Dj’s auf dem Rathausbalkon, dazu fröhliche Spanier um uns herum … hach, herrlich dieser Gedanke. Es kam natürlich anders als geplant.

Wir sind wahre Meister in Improvisation geworden und handelten gemeinsam als Team.

Als wir um 22:00 Uhr immer noch an der Absperrung standen, ohne alkoholische Getränke und Snacks, beschlossen wir, zurück ins Hotel zu fahren. Knapp eine Stunde standen wir in der Schlange und es rührte sich nichts. Mein Stresspegel stieg an und so schnappten wir uns ein Taxi, mit dem Gedanken, an der Hotelbar mit anderen Gästen gemütlich ein paar Wein zu trinken. Auch so ein schöner Gedanke, der schon bald wie eine Seifenblase zerplatzte.

Keine Reservierung = keine Plätze für uns. Leicht deprimiert tranken wir erstmal ein Glas Wein und überlegten uns einen Plan C. Kurzerhand besorgten wir uns Getränke und plünderten den Snackautomaten, der in der Hotellobby stand. Eingedeckt mit etlichen Tüten Chips feiert wir im Hotelzimmer und schauten Netflix. Trotz der Umstände war es ein gelungener Abend.

Es ist egal wie und wo man feiert, es kommt darauf an, mit wem man feiert.

Wir haben uns von solchen Rückschlägen nicht einschüchtern lassen. Hier zeigt es sich mal wieder, dass diese Phasen uns nur stärker machen und dass sie ein Geschenk mit sich bringen. Dieses Geschenk habe ich erst nach dem Urlaub bekommen. Wie eine Postkarte, die man am Anfang der Reise in den Briefkasten wirft und die erst 14 Tage später zu Hause eintrifft.

Man sagt, die Seele reist langsamer und wir brauchen erst eine Weile bis wir wieder angekommen sind. Ich kann das nur bestätigen! Im Urlaub selbst sind mir diese Geschenke gar nicht bewusst geworden. Nach 16 Tagen intensivem Zusammenleben, nach Höhen und Tiefen, nach wahrer Intimität, fällt es mir echt schwer, mich an den Abstand zu gewöhnen. Mich daran zu gewöhnen, alleine einzuschlafen, alleine aufzuwachen, nicht mehr alles rund um die Uhr mit dem anderen zu teilen.

Man sagt, die Seele reist langsamer und wir brauchen erst eine Weile bis wir wieder angekommen sind.

Ich sitze hier wieder alleine, in einer viel zu großen Wohnung, mit viel zu vielen Dingen, die ich nicht brauche. Es ist schon verrückt, wie sich alles wandeln kann. Ich musste mich von einem Extrem ans nächste gewöhnen und wieder umgekehrt.

Aber da gab es auch die schönen Momente. Angefangen mit einem Gospelchor, der in einer Kathedrale in Troyes, einer kleinen Gemeinde in Frankreich aufgetreten ist und uns einen Gänsehaut-Moment beschert hat. Der Regenbogen über dem Meer, der sich in San Sebastian zeigte, als wir eine kleine Pause eingelegt haben. Ein Herz geformt von Steinen in einer kleinen Höhle mitten in einem Park. Die Greifvögel, die uns auf der Strecke von Spanien nach Portugal am Himmel begleitet haben. Der Sonnenuntergang und der wunderschön gefärbte Himmel, als wir die Algarve erreicht haben. Der kleine Gecko, der uns an der Wand im Cottage Casa da Osga begrüßte (Osgar = Gecko). So viele positive Zeichen, die uns geschickt wurden.

Wir haben gemeinsam gekocht, getrunken und gelacht, uns von der Sonne wärmen lassen und die Ruhe genossen.

Die vielen intensiven Gespräche bei einem Glas Wein. Wir haben gemeinsam gekocht, getrunken und gelacht, uns von der Sonne wärmen lassen und die Ruhe genossen. In unserer zweiten Unterkunft wurden wir herzlich empfangen, mit frisch gepflückten Orangen und selbst gebackenem Orangenkuchen. Wir haben Ausflüge zu den schönsten Orten der Algarve gemacht und den Ausblick aufs Meer genossen. Wir sind barfuß im Sand gelaufen und haben in den Dünen gechillt. Wir sind durch kleine Gassen spaziert und haben den portugiesischen Flair auf uns wirken lassen. Die Zeit an der Algarve war wirklich traumhaft.

Auf der Rückfahrt von València nach Deutschland verlor unser Roadtrip diesen besonderen Charme. Wir hatten nur noch ein Ziel, und das war Deutschland. Die Fahrt durch Frankreich zog sich und so übernachteten wir in Hotels, die auf der Route lagen. Während mein Partner nach Hause wollte, machte sich in mir ein ungutes Gefühl breit. Ich wusste, dass dieser Roadtrip bald vorbei sein würde und ich wieder im Alltag ankommen. Ich durfte einen Vorgeschmack auf das bekommen, was schon länger in mir schlummert. Ich erhielt einen Vorgeschmack darauf, wie sich wohl Freiheit anfühlen mag. Ins Auto und einfach weg, raus ans Meer, der Sonne entgegen, ohne Plan und ohne Ziel.

Auf der Rückfahrt von València nach Deutschland verlor unser Roadtrip diesen besonderen Charme.

Die Seele reist langsamer, so sagt man … und so brauchte ich ein paar Tage hier in Deutschland, um mich zu fangen. Ich war wieder hier, in meiner viel zu großen Wohnung, mit viel zu vielen Dingen, die ich nicht brauche und die mich fast zu erschlagen drohten. Ich war irgendwie verloren und musste mich wieder sammeln. Ängste stiegen in mir auf und auch ein Vermissen machte sich in mir breit.

Ich wusste nichts mit mir anzufangen, also machte ich erstmal das, was mir schon immer geholfen hat. Ich räumte meine Wohnung auf und mistete alles aus, was sich in der vergangenen Zeit angehäuft hat. Der Müllsack füllte sich mit viel zu vielen unnützen Dingen, es war so befreiend! Mit leeren Schubladen lässt es sich besser denken.

Ich fing an, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auf mich und meine Visionen, auf mein Yoga, meine Bücher, die Astrologie und das Schreiben. Alles Dinge, die mich erden und positiv stimmen lassen. Dieser Roadtrip hat vieles in mir ausgelöst, alle Facetten die uns das Leben schenkt. Die freundlichen, sowie auch alle Schattenthemen, die in uns schlummern.

Mein ganzes System fuhr runter.

In diesen 16 Tagen habe ich mich sicher und geborgen gefühlt, mein Nervensystem konnte sich vollkommen entspannen und ebenfalls in den Urlaub fahren. Es stand nicht wie sonst ständig in Alarmbereitschaft, mein ganzes System fuhr runter.

Warum? Weil ich in dieser Zeit keine Angst haben musste, verlassen zu werden. Meine Verlustangst triggert mich jeden Tag … mal mehr, mal weniger und ich bin heutzutage schon sehr viel bewusster im Umgang mit meiner Angst. Sie ist mein ständiger Begleiter, und das wird sie auch mein Leben lang sein.

Wenn mich banale Situationen aus der Bahn werfen, fängt mein Verstand an, sich die wildesten Geschichten zurechtzuspinnen.

Ich habe mich mit dieser Emotion angefreundet und laufe nicht mehr vor ihr davon oder verdränge sie. Ich nehme sie wahr und versuche diese Energie fließen zu lassen – so wie Freude. Trotzdem, oder besser gesagt genau deswegen, ist das kein Zuckerschlecken. Ich bin mutig, meine Angst anzunehmen und sie als das zu sehen, was sie ist, eine Emotion die gefühlt werden will. Wenn mich banale Situationen aus der Bahn werfen, fängt mein Verstand an, sich die wildesten Geschichten zurechtzuspinnen und ich male mir Horrorszenarien aus, die ich in der Vergangenheit bereits schon mal erlebt habe.

Wenn ich da nicht bewusst eingreife, bekomme ich Panik und spule meine gewohnten Muster ab. In diesen Momenten brauche ich Aufmerksamkeit und ich schreibe über WhatsApp irgendeine Nachricht, nur um mich zu vergewissern, dass die andere Person noch da ist. Das klingt für einen Außenstehenden vielleicht banal, aber das panische Gefühl, welches sich in solchen Momenten in mir breit macht, ist es nicht!

Ich habe lange Zeit versucht, meine Angst zu verdrängen, aber langfristig hat es mir nicht geholfen.

Ich habe lange Zeit versucht, meine Angst zu verdrängen oder sie durch die oben erwähnte Aufmerksamkeitstaktik zu kaschieren, aber langfristig hat es mir nicht geholfen. Ich wusste ja nicht, was in mir vorgeht und warum ich so reagiere, unbewusst habe ich immer auf mein bekanntes Muster zurückgegriffen. Das Leben schickt uns aber zum Glück immer die passenden Lektionen und wir wiederholen sie so lange, bis wir sie verstanden und integriert haben.

Ich habe mich in der Vergangenheit geschämt, über meine Verlustangst zu sprechen und wenn ich es denn mal getan habe, wurde ich nicht verstanden und als verrückt dargestellt. Hilfreich ist es, wenn unser Gegenüber sensibel und empathisch genug ist, um zu verstehen, was da eigentlich passiert. Dieses Glück hatte ich nicht immer in meinen Leben, aber heute weiß ich, dass diese Menschen es einfach nicht wert waren. Ich bin im Nachhinein dankbar, dass sie mich verlassen haben. Mich gibt es nur All Incluisve.

Ich habe mich in der Vergangenheit geschämt, über meine Verlustangst zu sprechen.

Themen, die hochkommen, anschauen, verarbeiten und das Beste für sich mitnehmen, anstatt verdrängen und betäuben. Das ist wohl das Wertvollste, was einem passieren kann! Ich habe mich geöffnet und nicht nur über das Schreiben einen Seelenstriptease hingelegt, sondern auch bei meinem Partner.

Ich durfte erfahren, dass ich gehalten werde und nicht sofort fallen gelassen, nur weil ich nicht wie gewünscht funktioniere. Ich habe mir meine Sehnsüchte angeschaut und einen neuen Samen gepflanzt, der jetzt wachsen darf. Der Traum von einem Bulli, mit dem ich in Zukunft an die schönsten Orte dieser Welt fahren kann, um mir so ein kleines Stück Freiheit zurückzuerlangen.

Da will man einfach nur entspannt in den Urlaub und es tauchen so viele Dinge in einem auf, die gesehen und verarbeitet werden wollten. Es liegt an uns, was wir aus den vermeintlich “negativen” Situationen machen.

Steffi, 35, leidet an Verlustangst. Ich komme mir vor wie bei einer Selbsthilfegruppe, wenn ich das so schreibe. 🙂 In meinen Text geht es vorerst um einen Roadtrip quer durch Europa, ein kleines Reisetagebuch wenn man es so nennen mag. Da will man nur entspannt in den Urlaub und plötzlich tauchen alte Ängste wieder auf, die man erstmal verarbeiten muss. Und wie mache ich das am besten? Natürlich durchs schreiben. 😉 Es geht mir hauptsächlich um meine Verlustangst und wie ich versuche, sie als Freund zu sehen, mit der ich ein Glas Wein trinke, anstatt sie zu verjagen. Sie will doch nur in den Arm genommen werden. Mehr von Steffi gibt es auf ihrer Webseite und Instagram.

Headerfoto: averie woodard via Unsplash. (“Wahrheit oder Licht”-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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