Eastpacks, Kajal und Internetmodems – Woran wir uns erinnern, wenn wir auf unsere Jugend zurückblicken

Verbotene Zigaretten in der Waldlichtung am Stadtrand, aufgekratzte Schürfwunden vom Skateboarden, das erste Album von Sabrina Setlur. Mein Zicke-Shirt, deine vollgeschmierten Chucks. Dein Chatname, mein W-Lan Modem. We will never e-meet us again.

Analog vs. digital

Wir sind hybride Wesen, die von einer analogen Welt hinein in das digitale Zeitalter gewachsen sind. Wir überlebten die Pubertät nur durch die ersten Handys mit ausziehbaren Antennen und dumpf piependen Tasten und zogen in den Krieg mit den ersten Internetmodems, mit denen wir zuhause die Telefonleitung blockierten. In den abgetragenen Klamotten unserer älteren Geschwister saßen wir vor dicken, grellen Computerkästen und tippten uns mit blau glitzernden Fingernägeln hinein in eine noch nicht regulierte, immaterielle Welt.

In Chatrooms vernetzten wir unsere Gedanken mit der Außenwelt, schlossen virtuelle Freundschaften mit unbekannten Gleichgesinnten, die für immer ein pixeliges Profilbild blieben und dennoch oder gerade deswegen unsere tiefsten Geheimnisse von uns erfuhren. (Tigerlilli_4eva, **tagträumer** und $LinkinPark_89$: Bitte meldet euch, wenn ihr das lest.)

Auch wir haben uns seltsame Chatnamen mit komplizierten Zahlenkombinationen und Sonderzeichen gegeben, uns neu erfunden und dabei für einen kurzen Augenblick den Stempel vergessen, den wir täglich mit uns tragen mussten: der Loser, der Streber, die Stille, der Schülersprecher, die Tussi, der Schönling, die Frühreife, der Spätzünder, die Dicke.

Nostalgiegefühle

Auf den grauen Wohnzimmerteppichen unserer Eltern suchten wir in dicken, gelben Telefonbüchern nach den Festnetznummern unserer heimlichen Liebschaften. Damit niemand die Nummer nachverfolgen konnte, gingen wir mit unserem Kleingeld zur Telefonzelle neben dem Zigarettenautomaten um die Ecke. Der Herzschlag jedes einzelnen folgte den dumpfen Pfeiftönen der Telefonleitung, mit jedem Piepen schlugen die Herzen höher, blieben stehen, wenn sich plötzlich fremde Stimmen meldeten und wurden gebrochen, sobald die Person am anderen Ende der Leitung genervt auflegte.

Mit Edding-Filzstiften beschmierten wir frustriert unsere Federmäppchen und Schulbänke, verzierten Toilettentüren mit unseren Parolen und Anarchie-Zeichen. Die Stifte waren unsere Wunderwaffen, mit denen wir zerschnittene T-Shirts und die Cover für unsere selbstgebrannten Mix-CDs gestalteten.

Sleepover-Time!

Wir übernachteten bei Freund*innen und saßen die ganze Nacht gemeinsam vorm Fernseher, voller Aufregung, denn vielleicht würde irgendwann auf MTV oder Viva unser Lieblingsvideoclip laufen. Mit Kopfhörern in den Ohren und Disc-Men in den Händen schirmten wir uns ab von einer Außenwelt, die wir nicht verstanden und die uns nicht verstehen wollte.

Glücklichsein war out, Rauchen war in. Die Augen mit schwarzen Kajal-Rändern umzäunt, fotografierten wir uns mit silbernen Digicams, dabei immer in gleicher Pose mit langgestrecktem Hals, die Augen weit aufgerissen, den Mund ekstatisch leicht geöffnet. Im grellen Blitz der Kameras verschwanden die Nasen aus unseren Gesichtern.

Wir wollten dabei sein

Wir wollten dabei sein, ohne dass jemand merkte, dass wir dabei sein wollten. Wir kamen von der Schule nach Hause, schmissen unsere Eastpaks in die Ecke, verschlossen unsere Zimmertüren und räumten dort eine Tanzfläche nur für uns frei. Wir legten das neue Album von Christina Aguilera in den CD-Player ein und sangen lautstark mit, in den Händen eine Haarbürste als Mikrophon. Warme, schwarze Tränen flossen über unsere Wangen, die mit Mitessern übersät waren. You are beautiful, no matter what they say. Thanks for making me fighter.

Lissy schreibt Texte über Fotos, die ihr zufällig in die Hände fallen.

Headerfoto: diana spatariu via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

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