Nachtsehnen – Oder wie ich dir fast nicht widerstehen konnte

Mein Herz schlägt schneller als sonst. Vielleicht drei Stunden, mehr habe ich bisher nicht geschlafen. Weil ich an dich denken muss. Hellwach. Und immer wieder kann ich der Versuchung nicht widerstehen und lasse dein Bild in meinem Kopf zu. Ich hab schon alles versucht. Bin aufgestanden und eine Runde gelaufen. Der Regen strömte mir übers Gesicht und ich merkte, dass mein Körper eigentlich viel zu müde ist.

Trotzdem zwinge ich mich dazu, alles zu geben, um dich zu vergessen. Vor allem den Moment, als wir uns ansahen: Als würden wir zum ersten Mal sehen. Sehnen. Es macht mich ganz krank. Ich setze Wasser auf und schaue aufs Handy. Ich suche mir einen Tee aus und schaue aufs Handy. Ich gieße etwas von dem Tee in die Tasse und schaue aufs Handy. Auch jetzt gerade, während ich das schreibe. Dabei haben wir nicht einmal Nummern ausgetauscht.

Ich zwinge mich dazu, dich zu vergessen. Vor allem den Moment, als wir uns ansahen: Als würden wir zum ersten Mal sehen. Sehnen.

Geduscht, gefrühstückt – das heißt, nur Tee getrunken, essen geht nicht. Alles mit dir in meinem Kopf. Deine Augen. Hab ich bis dahin jemals Augen gesehen? Ich denke an die Nacht zurück.

Ich tanze und spüre deine Blicke auf mir. Du allein. Ich in der Gruppe. Geschmeichelt. Dann wieder ein kurzer Blick, ob du noch da bist. Ein Lächeln. Ich will dich eigentlich nicht ermutigen, will nichts anfangen. Kann nicht widerstehen. Nur ein Lächeln. Schnell wieder weggeguckt. Mit einer Freundin geredet. Zumindest so getan. So getan, als wäre nichts, weitergetanzt. Noch ein kurzer Blick.

Du stehst nicht mehr da. Jetzt sehe ich mich nach dir um. Du bist hinter mir. Nicht direkt. Es sind immer noch mindestens zwei Armlängen Abstand. Du bietest mir Deine Hände an, um zu tanzen. Eine verblichene, altmodische Jeans, ein rotes T-Shirt. Dein Lächeln, so selbstbewusst, deine dunkelbraunen Locken, deine schönen Hände. Du weißt genau, was du willst

Du weißt genau, was du willst.

Ich kann nicht länger widerstehen. Mit dir zu tanzen. Deinen muskulösen Oberkörper zu streifen. Meine Hand auf deinem Schulterblatt. Nur getrennt durch den dünnen Stoff. Die andere Hand in deiner Hand. Du weißt genau, was du willst. Du berührst mich gerade mal so viel, wie es der Tanz benötigt. Auf keinen Fall mehr. Dann ist das Lied vorbei.

Ein kurzer fragender Blick. Ich weiß nicht, wie ich jemals wieder aus deinen Armen kommen soll. Sehe den Blick meiner Freunde, ihre Gedanken. Ich hätte so gerne mehr, aber ich bin mit ihnen da. Muss mit ihnen tanzen. Alles klar. In Ordnung. Du bedrängst mich nicht. Gehst. Enttäuscht.

Ich weiß nicht, wie ich jemals wieder aus deinen Armen kommen soll. Sehe den Blick meiner Freunde. Ich hätte so gerne mehr, aber ich bin mit ihnen da.

Erleichterung, als du wieder dastehst. Bin beeindruckt, wie lässig und kreativ du um mich wirbst. Sprichst exakt die Sprachen, die ich auch spreche. Nur heute Abend nicht, dazu bin ich viel zu aufgeregt. Ich merke, wie schön du bist und bringe nicht mal mehr auf meiner Muttersprache einen zusammenhängenden Satz heraus.

Es ist die Musik, die nicht mehr so viele Drehungen zulässt. Die fordert, dass wir uns anschauen. Deine Augen sind so kraftvoll, dein Blick so eindeutig. Nur eine Sekunde länger und jegliche Anziehungskraft der Erde hätte versagt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, deinem Blick zu entkommen: entweder mich abrupt aus deinen Armen zu reißen oder meinen Kopf seitlich neben deinen zu bringen. Ok, es gibt nur eine Möglichkeit.

Unsere Hüften berühren sich, ich merke, wie hart dein Penis ist.

Ich spüre deine Wange an meiner, höre deinen Atem. Eigentlich gibt es keine Veranlassung dazu, so nah bei dir zu stehen. Unsere Hüften berühren sich, ich merke, wie hart dein Penis ist. Und ich weiß, dass du weißt, wie feucht meine Vulva ist.

Ein bisschen mehr. Vielleicht drei Sekunden länger – oder deine Hand auf meinem Rücken, eine unbeabsichtigte Berührung mehr – und ich wäre mit dir überall hingegangen. Ich hätte mit dir alles gemacht und du mit mir. Ich hätte jede einzelne Stelle deines Körpers mit Küssen bedeckt. Deine Muskeln gefühlt. Deinen wunderbaren Duft eingeatmet. Langsam deinen Penis mit meinem Mund verwöhnt.

Du flüsterst mir ins Ohr, dass du da gerne weitermachen würdest, wo wir jetzt angefangen haben.

Ein Schaudern läuft mir über den Rücken bei dem Gedanken, dass du deinen Blick in Taten umsetzen könntest. Du flüsterst mir ins Ohr, dass du da gerne weitermachen würdest, wo wir jetzt angefangen haben. Angefangen? Ich versuche, etwas Abstand – und auch ein kleines bisschen Anstand – zwischen uns zu bringen. Schaue in deine Augen.

Selbst jetzt, während ich schreibe, tut es fast schon körperlich weh, an deinen Blick zu denken. So groß ist das Sehnen nach seiner Verheißung. Ich merke, dass ich viel zu weit gegangen bin. Dir falsche Hoffnungen, mir falsche Hoffnungen gemacht habe. Reihe wieder dumme Worte aneinander. Dass Tanzen schon ok sei, mehr aber vielleicht nicht.

Ich merke, dass ich viel zu weit gegangen bin. Dir falsche Hoffnungen, mir falsche Hoffnungen gemacht habe.

Du schaust mich verwirrt an. Forderst ein Ja oder ein Nein. Ich meine Jein. Also Nein, wenn dir das hilft. Wie feige. Wie feige.

Und jetzt sitze ich hier. Jeder Gedanke geht an dich. Ich frage mich, wie lange es mein Herz noch schafft, in diesem Tempo weiterzuschlagen – oder dabei zu sterben. Immer wieder deine verlangenden Augen. Die Gedanken sind frei. Einen Scheiß sind sie.

Luise wurde in einer Kleinststadt ausgesetzt und heiratete dort die Liebe ihres Lebens. (Sofern man das mit Ende 20 sagen kann.) Eigentlich heißt sie ganz anders, weiß aber, dass ihr Mann mit ihren polyamoren Monogamiekonzepten nicht ganz klar kommt. Passiert ist noch nichts, außer in Gedanken. Und um an diesen nicht zu ersticken, teilt sie diese mit euch.

Headerfoto: Stockfoto von Ilya Morozov/Shutterstock(„Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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