Meine größte Angst bin ich selbst: Ein Leben voller Fragen, auf die ich keine Antworten habe

Was macht euch so richtig Angst? Für manche von uns mag es der einsame Weg durch einen dunklen Park, das Treffen mit dem:der Ex oder die nächste, viel zu knapp gesetzte Deadline sein. Ohne Frage handelt es sich bei alldem um unangenehme Dinge, die den Puls nach oben treiben. Doch nichts löst meinen Fluchtreflex so stark aus wie die Frage: „Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?“

Wo sehen Sie sich in 5 Jahren? 

Ob bei Vorstellungsgesprächen oder Pseudo-Deep-Talks mit Menschen, die einem nicht so nah stehen (denn die, die es tun, wissen, dass man mich sowas nicht fragt) – diese sieben kleinen Worte treiben mir Schweißperlen auf die Stirn und entfachen das Verlangen, einfach „Ciao“ in das erstaunte Gesicht meines Gegenübers zu brüllen.

Ob bei Vorstellungsgesprächen oder Pseudo-Deep-Talks mit Menschen, die einem nicht so nah stehen – diese sieben kleinen Worte treiben mir Schweißperlen auf die Stirn.

Woran liegt das? Warum habe ich so große Angst? Nicht zu selten geisterten mir diese Fragen schon in nächtlichen Overhinking-Sessions durch den Kopf. Doch in der Regel führte es zu Atemübungen in der Nacht, Augenringen am nächsten Tag und keinem Gewinn an Erkenntnis.

Erst als ich durch eine völlige Erschöpfung, ausgelöst durch beruflichen Stress, gezwungen worden bin, bei meinem aktuellen Lebensabschnitt aka meinem Rumhetzen, mal kurz auf Pause zu drücken und durch- bzw. aufzuatmen, tauchten die Fragen wieder auf und auf einmal war alles ganz klar.

Woran es liegt, dass die Frage mir so Angst macht? – Weil ich keine Antwort habe.

Und keine Antwort bedeutet Schwäche und Schwäche macht man nicht. Ist nur was für die anderen. Was daran am meisten wehtut? Die Feststellung, dass ich mich die letzten 30 Jahre lang nicht gefragt habe, was eigentlich meine Werte, Interessen und Ziele sind. Weil ich mich allgemein wenig gefragt und viel gemacht habe. Natürlich will ich Karriere machen! Schnell aufsteigen? Viel Gehalt? Viel Verantwortung? Na klar!

Was daran am meisten wehtut? Die Feststellung, dass ich mich die letzten 30 Jahre lang nicht gefragt habe, was meine Werte, Interessen und Ziele sind. Weil ich mich allgemein wenig gefragt und viel gemacht habe.

Und wenn ich mal gestresst bin und Körper sowie Geist streiken? Na, da lautet das Zauberwort: Self-Care! Yoga, Meditation, Spazierengehen, ein frisch gekochtes healthy Gericht und mal wieder stundenlang mit Freund:innen quatschen. Am besten direkt alles auf einmal nach Feierabend also so innerhalb von drei Stunden. Und ist man danach entspannt?

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Zauberformel nicht immer aufgeht. Eigentlich fast nie. Irgendwann kommt der Punkt, an dem nichts mehr geht und man sich nach wochenlangem emotionalem Durchquälen auf einmal fragt: „Was will ich eigentlich und warum tue ich es nicht?“

Irgendwann kommt der Punkt, an dem nichts mehr geht und man sich nach wochenlangem Emotionalem durchquälen auf einmal fragt: „Was will ich eigentlich und warum tue ich es nicht?“

Kleine Triggerwarnung, die Erkenntnis kann ganz schön wehtun.  Aber für ein „erfüllteres Ich“ ist es ein angemessener Preis, wenn ihr mich fragt.

Mehr Kommunikation für mehr Bewusstsein

Natürlich kann man sich auch selbst verrückt machen, indem man alles hinterfragt. Versteht mich nicht falsch: Mir geht es nicht darum, im Selbstoptimierungswahn noch mehr To-Dos zu haben. Anstatt uns immer mehr Meditation Apps runterzuladen und die neusten Achtsamkeitstipps durchzulesen, hat mir die Erfahrung gezeigt, dass es einen einfachen und gleichzeitig auch sehr anstrengenden Weg gibt: die ehrliche und offene Kommunikation.

Nicht umsonst ist der Wortursprung der „Kommunikation“ aus dem lateinischen „communi – care“ was so viel heißt wie „teilnehmen lassen“, „gemeinsam machen“, „vereinigen.“

Mir hat die Erfahrung gezeigt, dass es einen einfachen und gleichzeitig auch sehr anstrengenden Weg gibt: die ehrliche und offene Kommunikation. 

In Gesprächen mit Freund:innen, Fremden, Familien und vor allem sich selbst bietet sich uns die Möglichkeit zu benennen, was wir sind, wer wir sein wollen und was uns wichtig ist.

Die Voraussetzung dafür? Wir lassen die Fragen, auch die unangenehmen, zu und sind offen für Impulse und Reaktionen von außen sowie von innen. Die Kommunikation gibt uns nicht nur eine Bühne für unser Mitteilungsbedürfnis. Nein, sie erschafft auch einen Raum, in dem wir uns formen, verstehen, mit uns selbst und anderen vereinigen und damit auch wirklich etwas in Gang setzen können.

Die Voraussetzung dafür? Wir lassen die Fragen, auch die unangenehmen, zu und sind offen für Impulse und Reaktionen von außen sowie von innen. Die Kommunikation gibt uns nicht nur eine Bühne für unser Mitteilungsbedürfnis.

Für mich ist es der Startschuss zu einem Prozess mit dem Ziel, am Ende sagen zu können: „Vor genau fünf Jahren hatte ich einen ziemlichen Tiefpunkt, der mich dazu brachte, mich meinen Ängsten zu stellen und mich zu fragen, wer ich eigentlich sein. In fünf Jahren möchte ich weiterhin zurückblicken auf eine Zeit, in der ich nicht aufgehört habe, die Person zu werden, die ich sein will.“

Werde, wer du bist.

Wenn ihr mich fragt, hatte Nietzsche es schon 1876 mit „Werde, der du bist“ ziemlich auf den Punkt gebracht. Doch bevor man der:diejenige werden kann, der:die man ist, muss man wissen, wer man nicht mehr sein will.

Bevor man der:diejenige werden kann, der:die man ist, muss man wissen, wer man nicht mehr sein will.

Mein Appell an alle und vor allem an mich selbst: Weniger Leben abarbeiten, mehr Leben abbekommen. Wahrscheinlich meinte das einer mit YOLO, oder?

Adele hofft auf Irrungen und Wirrungen im Leben von 2021 und frisch in der Kategorie Ü30 durch das Schreiben zwei Fliegen mit einer Klatsche zu schlagen. Erstens als Ventil, um die vielen Tabs im Kopf zu schließen und zweitens, um allen, die sich ähnlich fühlen zu zeigen, dass sie mit ihren Gedanken und Gefühlen nicht alleine sind.

Headerfoto: Sunsetoned via Pexels. (Kategorie-Button hinzugefügt und Bild gecroppt.) Danke dafür! 

 

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