Meine Freunde daten unter ihrem Niveau – Warum?

Der beste Freund hat ‘ne neue Freundin und alle so: WARUM?!

Martin ist lieb und lustig, bringt bei Treffen immer die besten Snacks mit, hat einen grauenvollen Musikgeschmack und hört in Gesprächen super zu. Er sieht okay bis gut aus, hat blonde Haare, die er sich zu selten schneiden lässt und eine bärige Figur. Martin ist für die Ausbildung nach Berlin gezogen und arbeitet jetzt grob gesagt im medizinischen Bereich.

Tialda stammt aus den Niederlanden, ist aber schon als junges Mädchen mit ihren Eltern nach Berlin gezogen. Sie verträgt überhaupt keinen Tequila, kann den gesamten Text vom Intro zu „Der Prinz von Bel Air“ mitrappen und liebt anspruchslose Historienromane. Sie hat einen aufgeweckten Blick, feine Gesichtszüge, geschwungene Lippen und man könnte ihren Look als „spezielle Schönheit“ bezeichnen. Sie promoviert in BWL und jobbt nebenher im Café.

Martin und Tialda kennen sich nicht und haben nur mich als gemeinsamen Nenner – naja, und die Tatsache, dass sie sich mit Anlauf in die Nesseln setzen, wenn es um die Partnerwahl geht.

Martin und Tialda heißen eigentlich anders. Die beiden kennen sich nicht und haben nur mich als gemeinsamen Nenner – naja, und die Tatsache, dass sie sich mit Anlauf in die Nesseln setzen, wenn es um die Partnerwahl geht. Zu sagen, die beiden hätten einen fürchterlichen Frauengeschmack, wäre untertrieben. Richtiger ist: Die beiden suchen sich Personen aus, die schlecht für sie sind. Drastisch ausgedrückt: Martin und Tialda begeben sich immer in vergiftete Beziehungen.

Nein – nicht nur ich sehe das so!

Bevor mir der Vorwurf gemacht wird, dass ich einfach das Problem bin, weil ich so gerne Fehler in Personen suche, die neu in meine Freundeskreise kommen: Ich bin nicht die Einzige mit dieser Meinung. Vielmehr sind es ganze Freundeskreise, die mit der Partnerwahl von Tialda und Martin zu kämpfen haben. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass sogar Eltern und Geschwister jedes Mal ratlos zusehen, wie sich die beiden mit Personen umgeben, die fürchterlich sind.

Ich habe lange versucht, es freundlicher auszudrücken, aber die Wahrheit ist: Martin und Tialda haben einen Sensor, der Amors Pfeil immer dann losschickt, wenn eine richtige Fritte in unmittelbarer Nähe ist. Sie finden die Personen, die allen in ihrer Umgebung die Nackenhaare aufstellen.

Die jeweilige Wahl der beiden trifft immer einen ganz bestimmten Typen.

Die jeweilige Wahl der beiden trifft immer einen ganz bestimmten Typen: Martins Frauen wissen immer alles besser – und unterbrechen am liebsten ihn, wenn er etwas erzählt. Seine aktuelle Liebste, Elisa, hat wie alle seine Frauen ein besonderes Faible fürs Drama. Sie macht ihm liebend gerne Szenen – ganz egal ob bei der Taufe seiner Nichte, im Kino oder beim gemeinsamen Restaurantbesuch. Häufig genutztes Werkzeug: Rot anlaufen, schreien, schubsen und – ungelogen – mit Schuhen um sich werfen.

Tialdas Angebetete sind immer besonders anhänglich und können nicht alleine schlafen, essen, zur Arbeit fahren (wenn sie überhaupt einen Job haben) oder aufs Klo gehen. Außerdem haben sie immer ein Problem mit dem Konsum von irgendwas. Ihre jetzige Flamme Johanna kifft jeden Tag – auch morgens. „Die ist sonst hyperaktiv! Die hat auch immer so viele Gedanken im Kopf und eine echt schlimme familiäre Situation!“

Am Ende sind wir ja alle auf eine bestimmte Art verkorkst – ist ja trotzdem keine Entschuldigung dafür, sich zu verhalten wie ein Idiot!

Die „echt schlimme familiäre Situation“ bekommen auch Martins Frauen stets serienmäßig dazu. Deshalb sind sie auch manchmal „echt emotional“ oder gehen schon mal fremd wie Martin immer entschuldigend erklärt. Wenn man dann genauer nachfragt, bedeutet „echt schlimme familiäre Situationen“ meistens das, womit jeder mehr oder weniger zu kämpfen hat: Beziehung zu Papa ist nicht so rosig, Eltern haben sich scheiden lassen, Mama hatte Depressionen, Onkel hat sich umgebracht, usw. Am Ende sind wir ja alle auf eine bestimmte Art verkorkst – ist ja trotzdem keine Entschuldigung dafür, sich zu verhalten wie ein Idiot!

„Es geht nicht nur um dich!“

Es gibt sie einfach: Diese eine Person im Freundeskreis, die beim Dating einen beherzten Griff ins Klo vollführt. Das Ding ist: Sie ist in ihrer Beziehung meistens selbst nicht glücklich. Es ist nicht so, dass Martin mit seinem emotionalen Nervenbündel oder Tialda mit ihrem anhänglichen Hasch-Muffin jeden Tag mit verliebtem Lächeln aufwachen. Klar, die erste Zeit hilft die rosarote Brille, danach ist es auch für die beiden anstrengend.

Häufig ist es phasenweise schön, meistens nach heftigem Streit. Den Rest der Zeit leben Martin und Tialda mit der resignierten Gewissheit: „Es ist halt schwierig!“ Und wir, ihre Freunde und Familien, nicken verständnisvoll, verstehen aber gar nichts. Einerseits, weil wir denken, die beiden haben was Besseres verdient und weil wir ihr Leid spüren; andererseits, weil wir die Partnerinnen der beiden auch ertragen müssen. Es ist verdammt noch mal auch für uns schwierig!

Häufig ist es phasenweise schön, meistens nach heftigem Streit.

Natürlich gibt es Gespräche hinter dem Rücken der beiden. Gespräche, die meistens mit Ratlosigkeit anfangen und in fiesem Lästern enden. Das ist gemein und tut einem hinterher auch wahnsinnig leid. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich gesagt habe, dass Tialda realitätsfern ist, weil sie nicht sieht, dass jede ihrer Freundinnen sie finanziell ausnimmt wie eine Weihnachtsgans – wer seine Kohle für Drogen ausgibt, braucht halt Tialda, die immer mal mit ein paar Euros für die Miete aushelfen muss.

Mir tut es leid, dass ich gesagt habe, dass Martins Girlfriend eigentlich der Veranstaltung hätte verwiesen werden müssen, als sie betrunken seine Mutter beleidigte (und am besten auch nie wieder kommen sollte). Gleichzeitig fragen wir uns immer alle: Was ist denn bloß los mit den beiden?!

Was zur Hölle ist denn bloß falsch mit euch?!

Diese Frage stellen wir uns häufiger. Vor allem, weil Martin und Tialda ja nicht ausnahmsweise wen Komisches anschleppen – sondern immer. Und zwar immer mal so schlimm, dass es durchaus an Selbstdestruktion grenzt. Bettina Vibhuti Uzler ist Expertin zu diesem Thema. Sie ist Gründerin des Instituts für Beziehungsdynamik in Berlin-Schöneberg. Die Schwerpunkte der Diplom-Sozialpädagogin liegen unter anderem bei den Themen Abhängigkeit in Beziehungen und destruktive Beziehungsmuster – die perfekte Gesprächspartnerin für mein Anliegen also.

Natürlich ist es auch für Uzler schwer, mir mal eben so eine Ferndiagnose zu meinen Freunden zu geben – zumal ich ihr ja auch durch meinen Filter von ihnen erzähle. Aber sie bestätigt mir zunächst: Sich immer wieder einen toxischen Partner auszusuchen, hat häufig einen psychologisch-strategischen Hintergrund. „Es kann definitiv eine Strategie sein, von sich selbst abzulenken. Wenn etwa der neue Partner noch schlechter dran ist als man selbst, muss man sich erst mit ihm beschäftigen – und nicht mit sich selbst“, erklärt sie mir.

Die Partnerwahl hat ganz häufig was mit der eigenen Biographie zu tun, aber auch mit dem Selbstbild, das man mit sich trägt.

Möchten Martin und Tialda also sich selbst ablenken, um die eigenen Probleme nicht zu stark vor sich zu haben? Schon möglich, meint Uzler. Aber es kann auch noch tiefergehende Gründe haben: „Die Partnerwahl hat ganz häufig was mit der eigenen Biographie zu tun, aber auch mit dem Selbstbild, das man mit sich trägt.“ Die Therapeutin spricht von Schattenseiten, die wir Menschen alle haben: Wir wissen, dass wir nicht perfekt sind. Jeder hat Gutes und eben auch Schlechtes in sich. Diese Schattenseiten sind nicht unbedingt etwas Negatives – aber es kann vorkommen, dass wir sie an uns nicht mögen und nicht so leicht mit ihnen umgehen können.

„Wer glaubt, viele Schattenseiten in sich zu tragen, möchte diese vielleicht gerne außerhalb seines Selbst sehen – im Partner.“ Somit kann man sich erstens distanzierter mit diesen Schatten beschäftigen; und sie sind einem eben auch nicht allzu nah. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes außerhalb von einem selbst.

Ein altbekanntes Muster ist außerdem die Wahl des Partners nach Vorbild der eigenen Eltern.

Ein altbekanntes Muster ist außerdem die Wahl des Partners nach Vorbild der eigenen Eltern. Spannend daran ist, dass wir uns nicht jemanden suchen, der so ist wie Papa oder Mama, sondern einfach jemanden auswählen, mit dem wir stellvertretend die Probleme ausfechten können, die wir bisher noch nicht mit unseren Eltern verarbeiten konnten. So erklärt die Expertin:

Wer beispielsweise von seinem Vater nicht genug Beachtung geschenkt bekommen hat und sich immer ungeliebt fühlte, sucht sich eventuell jemanden, der ihn oder sie genauso behandelt. Dahinter steht der Wunsch, mit dem Partner endlich den Konflikt lösen zu können und den Partner entsprechend zu verändern, um dann die Beachtung und Liebe zu erhalten, die man vom Vater nie bekommen hat.

Es kann sein, dass wir uns so lange mit diesen Partnern umgeben, bis wir einen Konflikt endlich gelöst haben.

Ich denke darüber nach – vor allem bei Tialda ergibt genau das Sinn. Ihr Elternhaus war wahnsinnig unbeständig, es fehlte immer an Zeit und einem geregelten Leben. In ihren Beziehungen lässt sie sich immer auf Frauen ein, die genau das repräsentieren und bei denen man nie so richtig weiß, wann sie abstürzen. Ist Tialda nun ein hoffnungsloser Fall? Uzler macht Mut: „Wir Menschen sind auf unsere Entwicklung aus und wollen stets den nächsten Schritt dieser Entwicklung gehen. Daher kann es sein, dass wir uns so lange mit diesen Partnern umgeben, bis wir einen Konflikt endlich gelöst haben.“

Was aber ist mit dem oft zitierten „Niveau“? Was ist das für ein Phänomen, dass ich vor allem bei Martin erkenne: Er datet immer unter seinem Niveau! Seine Freundinnen haben immer ein deutliches Bildungsdefizit, sehen meistens schlechter aus als er und sind ihm auch sozial selten gewachsen. Uzler verdeutlicht mir, dass ein solches Niveau ja immer von dem Menschen selbst ausgeht: „Menschen, die unter dem sogenannten Niveau daten, fühlen sich häufig selbst einfach schlecht, wertlos oder unschön.“

Martins Problem ist also sein Selbstwertgefühl.

Martins Problem ist also sein Selbstwertgefühl. Auch das ergibt Sinn: Martin hat nie überwunden, dass er statt „Waschbrettbauch“ eher „Waschbärbauch“ hat, wie er selbst sagt. Er hat sein Abi abgebrochen, und erklärte mir in einer ruhigen Minute, dass er der einzige in seiner Familie sei, der nie studiert hat.

Und was jetzt? Tatenlos zusehen?

Mein Gespräch mit der Fachfrau macht mit deutlich: Weder Martin noch Tialda können etwas dafür, dass sie sich Personen aussuchen, die ihr Leben eher schlechter als besser machen. Uzler bestätigt: „Die Menschen in solchen Beziehungen können gar nicht anders.“

Ich frage mich, was nun meine Rolle in der ganzen Geschichte ist. Soll man seine Freunde in den doofen Beziehungen einfach machen lassen? Ihnen zusehen, wie sie sich mit Amors Pfeil selbst ritzen? Martin und Tialda wissen über meine Haltung zu ihrer Partnerwahl. Ich habe mit ihnen darüber gesprochen, und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich lieber hätte nichts sagen sollen. Zu schmerzhaft sind häufig die Erkenntnisse, die ihnen dann großkotzig von mir dargelegt werden.

Als Freundin oder Freund sollte man ehrlich sein.

Ich bin ja nicht die Beiden, ich bin nicht diejenige, die nicht anders kann, als sich jemanden ans Bein zu binden, der nicht gut für sie ist und der von niemandem aus meinem Umkreis gemocht wird. „Als Freundin oder Freund sollte man ehrlich sein. Man kann durchaus auch mal darüber sprechen, was man beobachtet hat“, sagt Uzler.

Nach meinem Gespräch mit der Therapeutin erscheint mir vieles verständlicher. Martin und Tialda agieren nach eingeprägten Mustern – so wie wir alle. Ich suche mir vielleicht nicht die schrecklichen Partner aus, aber ich habe andere „Schattenseiten“ – um mal beim Fachjargon zu bleiben. Und beide auf ihre Weise, Martin wie Tialda, halten diese ja auch aus. Sie sind trotzdem für mich da, auch wenn ich manche Dinge immer wieder „falsch“ mache.

Vielleicht ist ja der eine oder andere Entwicklungsschritt gar nicht mehr so weit.

„In guten wie in schlechten Zeiten“ gilt meines Erachtens nicht nur für die Ehe – auch in Freundschaften machen eben auch schlechte Zeiten oder Eigenschaften einen Menschen aus. Ich empfinde das als gute Erkenntnis im Zusammenhang mit Martin und Tialda. Es macht es einfacher für mich, ihre geliebten Nieten zu tolerieren. Und wer weiß: Vielleicht ist ja der eine oder andere Entwicklungsschritt gar nicht mehr so weit.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Noizz.de.

Silvia lebt und arbeitet in Berlin. Meistens schreibt sie über Musik, Politik und Popkultur. Manchmal wundert sie sich über ihre Mitmenschen. Dann macht sie auch das zum Thema. Sie trinkt am liebsten Wasser mit Sprudel oder trockenen Rosé.

Headerfoto: Stockfoto von KIRAYONAK YULIYA/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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