Marie Kondo adé: Der Weg zum Glück führt durchs Chaos

Kaffee auf der Hose, ein matschiger Schokoriegel im Rucksack, die Fahrradkette springt ausgerechnet im strömenden Regen ab. Wenn’s mal wieder ein bisschen aus dem Ruder läuft, dann regt sich mal der schuppige Drache in der Brust, mal der Kritiker im Kopf oder – man bleibt einfach gelassen. Diejenigen, denen diese Situationen bekannt vorkommen, dürfen sich glücklich schätzen. Denn nicht Feng Shui und auch nicht Ordnungssysteme à la Marie Kondo machen glücklich, sondern das Gegenteil: Chaos.

Einmal Kladderadatsch zum Mitnehmen, bitte

„Kladderadatsch“ aus dem Berlinerischen beschreibt Chaos lautmalerisch und meint Durcheinander, Missgeschicke und kleinere ungeplante Alltags-Wendungen. Ausgenommen davon sind schwere Schicksalsschläge und Katastrophen, in diesem Zusammenhang wäre das Wort Chaos verharmlosend.

„Ah, du bist also ein kleiner Tollpatsch“, schlussfolgerte einmal eine Küchen-Party-Bekanntschaft. Darauf hätte ich heute geantwortet: „Nein, ich bin nur offen für den Humor des Lebens, es ist eine Lebenseinstellung und keine ungewollte Planlosigkeit, ich bin flexibel sowie Teilzeit-Optimistin.“

Plan A ist Mainstream

Je mehr Kontrolle herrscht, desto weniger kann Unvorhergesehenes passieren. Der Spruch „Immer Herr der Lage sein“ (oder „Frau der Lage“) ist positiv konnotiert, klingt nach guten Nerven, Durchsetzungsvermögen und Charisma.

Jeder möchte ein möglichst geiles Leben haben, erfolgreich sein und wachsen. Und obwohl wir unserer Freundin zum Trost auf dem Sofa in weisen Momenten vorleiern, dass ja erst die schweren Zeiten wirklich weiterbringen – geht’s um uns selbst, müssen wir zugeben: So richtig scharf auf Enttäuschung, Misserfolg oder Chaos sind wir nicht. Im Gegenteil, wir versuchen diese Dinge um jeden Preis zu vermeiden. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, lautet deshalb für viele die Devise. Das Mittel zum Zweck ist Planung, das Raster dazu bringen Kalender und Uhrzeit.

Ein Arbeitskollege bat mich neulich um „Hugo-Gläser“ als Leihgabe, er hatte ein Date – Picknick am Strand – und alles sollte perfekt für sie sein, er wollte sich richtig ins Zeug legen. Er brauchte die Gläser „zeitnah“, denn Zuhause habe er nur „normale Wassergläser“. Dass das Date individuell und damit erinnerungswürdig geworden wäre mit genau diesen Gläsern, sah er nicht so. Er wollte kein Chaos, die Gläser mussten passen, außerdem habe er noch eine Kühltruhe mit Eiswürfeln und Minze eingeplant. „Puh, wie unsexy“, dachte ich insgeheim.

Ist Picknick nicht gerade dann am unvergesslichsten, wenn nach zermatschten Sandwiches einer auch noch am Ufer des Badesees abrutscht und man irgendwann frierend, voller Mückenstiche, aber lachend nach Hause radelt?

Für mich war das ein Widerspruch in sich: Picknick am Strand, aber bitte perfekt. Ich dachte insgeheim: Wenn‘s so schon nicht funkt, dann bringen dir die passendsten Gläser nichts. Wie ich später erfuhr, wurde es tatsächlich nichts. Ob’s an seinem Perfektionismus lag? Ist Picknick nicht gerade dann am unvergesslichsten, wenn nach zermatschten Sandwiches einer auch noch am Ufer des Badesees abrutscht und man irgendwann frierend, voller Mückenstiche, aber lachend nach Hause radelt? Oder habe ich das jetzt falsch verstanden?

Mein Freund und ich hatten bei unserem Picknick natürlich die passenden Gläser vergessen. So tranken wir den Rotwein eben aus Muttis Teebechern und schlenderten nach Stunden albern lachend mit der Wolldecke, wie ein doppelter Superhelden-Umhang über unsere Schultern gelegt, durch die Stadt nach Hause. Noch heute grinsen wir darüber, die Leute hatten so unheimlich blöd geguckt.

Ohne Plan in die emotionale Black-Box

Leider ist es so, dass Unvorhergesehenes abseits des Plans eine emotionale Black-Box ist. Weicht etwas vom Plan ab, wird es also entweder richtig scheiße oder richtig geil oder irgendwas dazwischen. Das Risiko gehen viele, unter anderem mein Arbeitskollege, ungern ein. Denn das Risiko in Kauf zu nehmen würde bedeuten, auch möglichen Misserfolg oder Enttäuschung anzunehmen.

Jede*r lebt in einer Kapsel aus Sicherheit, Routine und Bekanntem. Darin lässt es sich ziemlich gut aushalten. Da ist die Familie, da sind Freund*innen und Bekannte, vielleicht ein*e Partner*in, vielleicht Kinder und dazu ein Haustier, Sport, der Job, die Wohnung, das Haus, das Fahrrad, Hobbys und Rituale, das Lieblingsrestaurant. Was fehlt, ist oft das Neue und das Unbekannte. Wer will, schafft es vielleicht, dieses immer wieder neu zu suchen oder aber, er oder sie bleibt lieber in der bekannten Kapsel, auch bekannt als Comfort-Zone.

Die Dinge nehmen, wie sie kommen

Chaos zwingt zum Ausbrechen aus der Comfort-Zone. Da muss gar nicht eigene Kraft und Überwindung aufgebracht werden, um über die Bequemlichkeit hinaus zu gehen, kreative Ansätze oder Pläne von B bis Z zu entwickeln, Strukturen und Routinen aufzubrechen.

An einem dieser chaotischen Tage verpasste ich den Bus, das Auto war in der Reparatur, kurzerhand schwang ich mich aufs Rad. Bis heute fahre ich seitdem mit dem Rad zur Arbeit. An einem anderen Tag versagte mit während einer wichtigen Präsentation der Laptop – kurzerhand musste ich improvisieren. Vielleicht war der Vortrag nicht der beste, aber ich erntete allerhand Anerkennung von den Hörer*innen.

Vor kurzem fiel aufgrund von Corona mein lange geplanter Urlaub ins Wasser. Nun entdecke ich in regelmäßigen Wochenendtrips mit Zelt und Polo meine Heimatregion und das Nachbarland – und bald realisiere ich endlich meinen langeplanten Städtetrip nach Kopenhagen, der „krasseren Reiseplänen“ nach Indien oder Vietnam weichen musste. Überhaupt hat das Coronavirus uns beigebracht, was passiert, wenn Pläne durchkreuzt werden. Vielen scheint das ganz gut getan zu haben.

Humor ist die halbe Miete

Chaos wirbelt alles durcheinander, Plan A ist dann nicht mehr drin. Chaos nimmt die Entscheidung ab. Wichtig ist dabei nur eine Regel: Lass das Chaos nur dann zu, wenn du Humor hast oder ihn erlernen willst. Kontrolliertes Chaos ist eben eine ziemlich optimistische Lebenseinstellung.

Jule-Marie spielte schon früher in einem Zeltlager die „Göttin of Confusion“. Verwirrt ist sie zwar nicht, aber sie hinterfragt Dinge und regt zum Nachdenken an. So lange, bis sie manchmal selbst davon Kopfschmerzen bekommt. Heute fädelt sie ihre Gedanken deshalb regelmäßig auf Spulen und webt daraus bunte Texte. Kontrolliertes Chaos ist für sie eine Lebenseinstellung. Um das in Schach zu halten, nutzt sie für ihr Privatleben am liebsten Notizbücher oder digitale Projektmanagement-Tools.

Headerbild: Juan Ordonez via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür!

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