Von Lückenfüllern und Lieblingskeksen: Warum in der Schwebe zu hängen nicht immer schlecht ist

Da bist du. Und da ist er. Und dann wieder du. Seit zweieinhalb Jahren bist du schon in meinem Kopf. Ganz hinten, aber trotzdem da. In den letzten Wochen hast du es weiter nach vorne geschafft. Aber auch jemand ganz neues ist plötzlich da. Ziemlich unerwartet, aber keineswegs unerwünscht. Irgendwie schreiben wir miteinander, seit zwei Monaten ist er Single. So wie du. Das ist verrückt.

Lückenfüller oder mehr?

Ihr habt beide eine lange Beziehung hinter euch und seid jetzt an meiner Seite. Lückenfüller gibt es immer, manche Menschen heiraten ihre Lückenfüller sogar. Aber sie sind immer da. Die Position des Lückenfüllers ist dabei keine statische Rolle. Das Wort Lückenfüller sagt eigentlich ja nur aus, dass etwas unverarbeitet zurückgeblieben ist. Aber kann man nicht auch etwas mit einer Person verarbeiten und mit genau dieser Person dann auch neu anfangen? Nimmt man es wahr, wenn man aktuell nur ein Lückenfüller ist? Wird man von seinem Gegenüber absichtlich zum Lückenfüller gemacht?

Ich hatte noch nie einen Lückenfüller nötig. Das sage ich jetzt so, weil ich noch nie eine Beziehung hatte. Aber haben Lückenfüller nur nach Beendigung einer ernsthaften Beziehung ihren Auftritt? Oder gibt es sie in den unterschiedlichsten Situationen?

Wir alle haben Lücken

Jeder Mensch hat Lücken. Und jeder Mensch braucht Lückenfüller. Und sie müssen nicht immer die Gestalt einer Person haben. Oder zumindest nicht die Gestalt einer Person, die wir attraktiv finden. Angenommen, ich habe Streit mit meiner Schwester. Und weil mich das frustriert, veranstalte ich einen Mädelsabend mit zwei Freundinnen. Die Lückenfüller: eine Packung Eis und meine beiden Freundinnen. Das Wort Lückenfüller ist oft negativ konnotiert, das muss aber nicht so sein.

Angenommen, ich esse immer die Kekse einer bestimmten Marke (ja ok, ich gebe zu: eine an den Haaren herbeigezogene Annahme ist das gar nicht) und die Kekse werden vom Markt genommen, weil sie dem Verbrauchergeschmack nicht entsprechen. Dann muss ich mir zwangsläufig ein Ersatzprodukt suchen. Wären diese Kekse die einzig wahren für mich, wird kein Ersatzprodukt für mich ausreichen.

Offen sein für Neues

Aber wenn ich offen für neue Kekse bin, merke ich vielleicht, dass andere Marken auch leckere Kekse haben (die Analogie zu „Andere Mütter haben auch schöne Söhne“ ist an dieser Stelle bewusst gewählt). Bis ich die beste Variante der Ersatzprodukte gefunden habe, muss ich aber vielleicht in Kauf nehmen, dass ich auch ein oder zwei nicht so leckere Kekspackungen erwische. Nach dem Probieren esse ich sie aber trotzdem weiter, alles andere wäre ja Verschwendung.

Während des Schreibens ist mir ein erschreckender Gedanke gekommen. Was, wenn ich die beste Variante der neuen Kekssorte direkt beim ersten Kauf eines Ersatzproduktes erwische? Sozusagen ein Glücksgriff. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nach dem Probieren der ersten neuen Kekssorte den Geschmack mag und beschließe, dass kein anderer Keks je so nah an meine Vorstellungen rankommt, ist super gering. Eher wäre ich skeptisch und würde trotz des guten Geschmacks glauben, dass es bestimmt noch bessere Kekse gibt. Weil, mal ganz ehrlich, wie wahrscheinlich ist es schon, dass ich direkt zu den richtigen Keksen gegriffen habe? Also esse ich die erste neue Kekspackung zwar auf, teste danach aber weitere und verliere die neuen besten Kekse erstmal aus den Augen.

Eine Timing-Frage?

Nach einiger Zeit (und vielen unbefriedigenden Kekspackungen) stehe ich im Supermarkt vor dem Regal mit den Keksen und denke an diesen ersten Kekskauf nach DEN Keksen zurück. Waren das eigentlich die besten Kekse? Wie haben meine ursprünglichen Kekse eigentlich geschmeckt? Kaufte ich sie gegen Ende nicht nur noch aus Gewohnheit? Ich beschließe meine endlos lange und anstrengende Suche nach Keksen aufzugeben. Waren die ersten Kekse danach nicht vielleicht sogar leckerer?

Dass ich sie damals direkt als erstes gekauft habe, kann eigentlich kein Zufall sein. Vielleicht sind sie ja dazu bestimmt, meine neuen Kekse zu werden. Vielleicht waren sie es schon immer und meine Gewohnheit hat mich daran gehindert, sie überhaupt erst zu entdecken. Eigentlich muss ich DEN Keksen danken. Ohne ihr Verschwinden vom Markt wäre ich ja nie auf die neuen Kekse aufmerksam geworden.

Mir fällt plötzlich auf, dass ich die neuen besten Kekse sogar schon mal früher auf einer Party probiert hatte. Sie haben so gut geschmeckt! Warum ich sie anschließend ich gekauft habe? Ich glaube ich war einfach bequem und bin bei den anderen Keksen geblieben. Vielleicht waren sie aber auch teurer oder hatten zu viel Zucker.

Die Suche geht weiter

Langsam schweift mein Blick über die Regale. Ohne Erfolg. Ich kann sie nicht mehr finden. Ich habe bereits eine Befürchtung, vergewissere mich sicherheitshalber aber nochmal bei einem Mitarbeiter. Auch die neuen Kekse wurden aus dem Sortiment genommen. Frustriert schaue ich wieder auf das Regal. Nun steht mir wieder die Suche nach neuen Keksen bevor. Wäre ich doch nur gleich bei diesen Keksen geblieben. Ich atme tief durch, schaue auf die Stelle wo meine Kekse gestanden hätten, greife mir eine Packung Gummibärchen und gehe. So viel Aufwand sind doch Kekse gar nicht wert, oder?

Headerfoto: Lethu Zimu via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!

Heimlich blind vor Liebe, bekannt offen für Zynismus.

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