Loslassen, Raum schaffen, Verändern – Auf der Suche nach der verlorenen Lebensrhythmik!

Mein Jahresurlaub stand im April 2020 vor der Tür. Das Heimatherz wollte dieses Jahr wieder mal so richtig ausgiebig österreichische Luft tanken inkl. Familien- und Freundeszeit. Daraus wurde wegen Corona ein Urlaub zu Hause in Hamburg. Urlaub in den eigenen vier Wänden. Für die einen eine Katastrophe: Urlaub in der gewohnten Umgebung. Urlaub im Routineleben. Urlaub im Gewohnheitskäfig. Für die anderen: Eine Möglichkeit der Neuorientierung.

Prinzipiell würde ich sagen, dass ich stets bemüht war, mir meine Freizeit so zu gestalten, dass sie sich wie freie Zeit anfühlt – bunt und lebensfrisch, manchmal auch etwas zu bunt. Ich war viel verabredet – gerne unterwegs im treibenden Stadtleben. Auch Corona hat mich tatsächlich nicht viel langsamer werden lassen, denn mein neuer exklusiver Zeitvertreib war: mit Freund*innen spazieren gehen. Oder ich war viel am Ohr verabredet.

Abgesehen davon war ich oftmals auch pausenlos und schnelllebig unterwegs, man könnte sagen, ich wollte alles auf einmal machen und dann artete es auch mal in Freizeitstress aus, der eigentlich völlig überflüssig ist, wenn man sich auf das Wesentliche im Leben beruft.

Auf die Plätze. Fertig. Urlaub!

Diese fünf Wochen in Hamburg sollten jedoch etwas Besonderes werden. Besonders im Sinne von: Anders. In Windeseile hat sich der dringliche Wunsch, nicht erreichbar zu sein, eingestellt. Ich wollte in einen sogenannten (Urlaubs-)Schutzraum kehren. Keine Reize von außen. Just me! Also: Handy aus! Bam! Kein WhatsApp, keine Anrufe. Insta, Facebook, Twitter etc. pp. nutze ich von vornherein nicht, da ich meine Social-Media-Reizgrenze kenne. Keine Verabredungen und keine Termine – so wie man es im Urlaub halt macht.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich jedoch nicht, welche Tragweite dieses Handy-Off für mich haben würde. Dazu möchte ich sagen, dass mir die Geselligkeit mit Freund*innen – gute Kontakte zu pflegen – am Herzen liegen. Nichtsdestotrotz war ich reif für einen Rückzug; also ab in die Urlaubskapsel. Tür zu und let it go.

Schlafende Handys sollte man nicht wecken!

Ob Tag oder Nacht, das Handy schlief im Schrank – es machte seinen Frühlingsschlaf. Zwischenzeitlich kamen mir die kriminellen Gedanken, dass es auch nicht schlimm wäre, wenn aus dem Frühlingsschlaf ein technischer Stillstand wird. Error. Plötzlicher Handytod.

Ich lebte in Ruhe und Einkehr. Dadurch kam ich zum Ursprung meiner Gewohnheiten, die mein Freigeist oftmals versucht zu geißeln. Ich war nicht nur in den eigenen vier Wänden zuhause. Ich war vor allem bei mir in meinem Körper zuhause. In mir hatte sich ein Rhythmus eingestellt, der sich wie Nachhausekommen angefühlt hat.

Wer eine Reise nicht nach innen tut, wird immer auf der Suche sein. Ich bin mir begegnet.

Mein individueller Lebensrhythmus entfaltete sich. Ich habe ihn (wieder) gefunden. Sofern ich ihn schon jemals gehabt habe. Nun habe ich ihn und das fühlt sich richtig toll an. Eine Reise zu mir selbst. Frei nach dem Motto: Wer eine Reise nicht nach innen tut, wird immer auf der Suche sein. Ich bin mir begegnet. „Wohin gehen wir? Immer Nachhause“, sagt Novalis. Dieser Satz rundete mein geschütztes Urlaubskapselleben vollkommen ab.

Meine Finger tippten keine Buchstaben mehr auf einem digitalen Mini-Display, sondern sie waren mit Wolle, Stoff, Fotos, Papier und Stift beschäftigt. Wow. Endlich mal die Dinge machen, die ansonsten hintenanstanden und wofür nicht ausreichend Zeit war. Mir wurde bewusst, dass Kreativität existenziell wichtig für mich ist, um mich voll entfalten zu können. Kreativ war ich schon immer und zwischenzeitlich ging ich dieser Fähigkeit auch nach.

Aus der Einfachheit heraus entstand ein neuer Lebenszauber!

Ich merkte aber, dass ich noch viel, viel, viel mehr machen wollte. Ich fing an, Grußkarten zu gestalten und zu schreiben. Ich bekam von einer Freundin eine Flaschenpost geschickt und mein Briefkasten freute sich über all die Postkarten. Diese Art von Kommunikation hat mich unglaublich erfreut. Bitte mehr davon!

Also tschüss du schnelllebiges Kommunikationsformat WhatsApp. Mal telefonieren oder mal ne SMS – wie vor 10 Jahren. Oder Briefe schreiben, wie vor 30 Jahren. Das macht mir Spaß und ich kann meine Schreiblust mit der Gestaltung der Briefe kombinieren. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Wohooo! Ich liebe es! Ich saß auch oft auf dem Platz neben meiner Wohnung und strickte an einer Babydecke für den*die Bauchbewohner*in einer Freundin. Eigentlich alles ziemlich unspektakulär. Und obwohl es (für einen Urlaub) total langweilig klingt, war es herrlich schön! Ich beobachte dort die Kinder, wie sie sich sorgenfrei hinter den Bäumen versteckten, rastlos dem Ball hinterherliefen oder die grauen Pflastersteine bunt bekritzelten.

Am amüsantesten waren die Kleinen, die gerade laufen gelernt haben (plumps). Oder ich unterhielt mich mit neugierigen Kindern oder mit Eltern, die Rotkäppchen-Piccolos tranken – Elternsein in Corona Zeiten. Obwohl ich nicht mit Freund*innen verabredet war bzw. das Handy als Kontaktmedium im Schrank ruhte, hatte ich nicht das Gefühl, dass ich kontaktlos lebte.

Im Gegenteil – ich hatte ganz wundervolle Begegnungen mit Menschen. Es waren herzliche Smalltalks. Wobei, Smalltalk klingt immer so oberflächlich. Ich würde sagen, es waren spontane berührende Gespräche. Es gab keinerlei großartige Big Bangs in diesem Urlaub und trotzdem empfand ich diese Urlaubskapselreise als so unglaublich wertvoll, dass ich mehr davon haben wollte bzw. ich einen Großteil auch in mein Leben nach dem Urlaub integriert habe.

Das Leben setzt immer dort an, wo du noch nicht warst!

Oftmals lag ich in der Wiese und schaute in den Himmel und dachte über die großen Lebensfragen nach. Dadurch sind die wesentlichen Dinge im Leben in den Vordergrund gerutscht, ohne dass ich dabei angestrengt darüber nachdenken musste. Die Herzensangelegenheiten haben sich ihren Raum genommen. Das Herz meldet sich immer zu Wort, wenn Ruhe einkehrt.

Das Herz meldet sich immer zu Wort, wenn Ruhe einkehrt.

Ich habe vor zwei Jahren ein Kleinunternehmen gegründet namens maid&SPROSS – Raum für Bindung. Bindung am Lebensanfang. Ich begleite dort Eltern und ihr Kinder in emotionalen Krisen rund um die Geburt. Mit dem Konzept von maid&SPROSS stehe ich mit all dem, wer und was ich bin – Kreativität und vielfältiges Fachwissen für berufliche Selbstverwirklichung. Aktuell befinde ich mich in der Phase, mein Unternehmen weiter nach vorne zu bringen.

Dies braucht viel Zeit und Investment. „Habe ich nicht“ gibt es nicht (mehr). Ich nehme sie mir einfach. Wow – wie zielstrebig! Hier triumphiert die Gleichberechtigung des Lebens. Jedem Menschen stehen 24 Stunden pro Tag zur Verfügung. Keine Ausnahmen. Für die Gestaltung ist jede*r selber zuständig. Echt jetzt?! Oha! Ja! Daher: mehr Raum für meine Arbeit und weniger Raum für Freizeittermine. Es geht um die berufliche Erfülllung – heart meets business.

Leben zwischen Geburt und Tod!

Als mich vor vier Jahre meine Eltern in Hamburg besuchten und ich ihnen am Küchentisch gegenübersaß, war es plötzlich wie ein Erwachen aus dem kindlichen Denken – Eltern sind nicht unsterblich. Seitdem beschäftige ich mich immer wieder mit dem Thema Sterben und Tod. Um es nun auf den Punkt zu bringen:

Einer meiner Herzenswünsche ist, Menschen am Lebensende zu begleiten. Eigentlich habe ich diesen inneren Drang schon seit zwei Jahren in mir. Aber wie es halt so ist: Keine Zeit. „Damit ist jetzt Schluss“, dachte ich mir im Stillen. Ich habe ein Hospiz gefunden und warte nun auf Antwort.

Ich habe viele kleine Menschen in die Welt begleitet und jetzt möchte ich auch Menschen aus dem Leben begleiten. 

Als Hebamme im Kreißsaal bin ich in der Begleitung von Familien am Lebensanfang tätig. Ich habe viele kleine Menschen in die Welt begleitet und jetzt möchte ich auch Menschen aus dem Leben begleiten. Für mich sind die Einbindung in das Leben und die Entbindung aus dem Leben ein ewiger Kreislauf. Und ist das Leben nicht auch eine ständige Abfolge von Loslassprozessen?

Mit der Auseinandersetzung der eigenen Endlichkeit nimmt das Wort „Zeitwert“ einen immer größeren Raum ein. Schon alleine dadurch kam es in meiner Innenwelt zu einem Perspektivenwechsel. Den eigenen Zeitwert zu definieren. Wie nehme ich Zeit für mich wahr? Damit hängt für mich auch die Rhythmik des Lebens zusammen. Vor allem hat sich eines eingeprägt: Das Leben duldet keinen Aufschub.

Begegne ich mir, begegne ich dir!

Wie begegne ich mir und wie begegne ich Menschen? Ich glaube, dass es in alldem, egal, was man tut, vor allem die Art ist, wie man Menschen begegnet. Natürlich geht es auch um das Tun. Aber vor allem geht es um das Sein, um das Mensch-Sein. Denn als erstes begegne ich einem Menschen. Ob dieser Mensch gerade Mutter/Vater geworden ist, oder dieser Mensch gerade geboren wurde oder ob dieser Mensch am Lebensende steht. Es geht darum, Menschen wertfrei und mit Herzlichkeit zu begegnen, sodass sie sich willkommen und angenommen fühlen, mit alldem, was sie ausmacht. 

Den Takt zu dem Rhythmus deiner Lebensmusik kennst nur du!

Dieser Urlaubskapselausflug war wie ein Pausenknopf. Er hat mir das innere Vertrauen gegeben, dass ich in der Rhythmik meiner Lebensmelodie tanzen möchte. Dieser Rhythmus gibt den Takt an. Ich gebe den Takt an. Gerade neu entdeckt, ist diese Lebensrhythmik noch ganz frisch und schutzbedürftig. Wie ein neugeborenes Kind. Jetzt, wo der Urlaubskapselausflug vorbei ist, ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich mit meinem (Lebens-)Bus auf der Überholspur unterwegs bin.

Innehalten hilft, um mich daran zu erinnern, dass es Rastplätze auf der Autobahn gibt bzw. es nicht immer die Autobahn sein muss. Es gibt auch schöne Landwege. Ich möchte nicht den schnelleren Weg im Leben fahren – ich möchte den schönsten Weg auswählen. Durch diese mentale Umorientierung habe ich jetzt ein Leben, das zu mir und meinen Fähigkeiten passt. Es ist schön, einen Lebensrhythmus gefunden zu haben, der so ganz genau zu mir passt – ohne beim Tanzen zu stolpern. ♡

Ein aufgepusteter Luftballon fliegt immer Richtung Himmel!

In diesen fünf Wochen habe ich für mich einige Antworten gefunden, ohne dabei zu suchen. Ein bekannter Speaker im deutschsprachigen Raum hat in einem Vortrag die Frage gestellt: „Wie würde der Buchtitel deines Lebens heißen? Nicht die Kapitel, das sind die Lebensziele. Was steht in deinem Leben über allem?“ Man könnte auch sagen: Was ist der Lebenssinn? Kurz vor Ende der Urlaubsreise war es klar: Der Buchtitel würde heißen: „Begegne dir selbst – bis, dass der Tod dich scheidet und darüber hinaus.“ Ich würde sagen: mein Lebenssinn sind Begegnungen.

Begegnungen mit sich selber und Begegnungen mit Menschen. Ich habe vor kurzem eine kleine Geschichte gehört, in der es darum ging, dass es Menschen gibt, die einen wohlwollend im Leben aufpusten und es gibt Menschen, die nehmen einem die Luft raus. Wenn du selber im Leben Menschen aufpustest und ihnen Kraft gibst und Zeit schenkst, dann kommen all diese Menschen am Lebensende zu dir und pusten dich auf, damit du losgelöst und leicht in den Himmel fliegen kannst. Mein Herz weinte über diese wahrhaftigen Worte.

Das Leben will gelebt werden – mit all seinen Facetten!

Elisabeth ist Wahlhamburgerin. Unabhängig vom Wohnort mag sie: Bedachtheit, Idylle, Ordnung, Fotoalben, Ice-Cream, Spotify, umräumen, Authentizität, Weitsicht, gute Gespräche, Achtsamkeit, nachdenken – auf sich besinnen, Antipasti, Thai Essen, Überraschungen, Durchatmen, Hummus, Postkarten, Briefe, Lebenszauber, Dünen, Vertrautheit, Zugehörigkeit, Verpflichtungsfreiheit, Wärmflasche, Inspirationen, Kichern, Menschen beobachten, Vino, Tiefgang und vor allem Besonnenheit. There is beauty in simplicity! Mehr von ihr findet ihr hier.

Headerbild: Brooke Cagle via Unsplash. („Wahrheit oder Licht“-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür!

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