Du und ich: Wenn ein Tagtraum Wirklichkeit wird

Da sitze ich in der Bahn. Auf dem Weg nach Hause. Meinen Körper ans Fenster, der Sonne entgegen geschmiegt. In meinem Kopf: der Klang einer Playlist. Der Platz neben mir ist noch frei. Bis jetzt. Du setzt dich neben mich. Wirkst entspannt, obwohl ich dich nicht kenne. Dein Gesicht kann ich in der Glastrennwand nur verschwommen und unscharf erkennen.

Würde die Scheibe doch stärker reflektieren, denk ich mir. Wohin du wohl unterwegs bist? Ich hab keine Ahnung. Plötzlich kippt dein Jutebeutel um. Der Inhalt erstreckt sich vor meinen Füßen. Ich helfe dir dabei, deinen Kram wieder einzusammeln. Dabei entdecke ich dasselbe kleine gelbe Heftchen, welches ich auch gerade lese.

Es ist eines dieser kleinen gelben Heftchen, die man für wenige Taler im Buchladen oder auf Flohmärkten bekommt. „Wie findest du es?“, frag ich dich. Wir beginnen zu reden, uns zu unterhalten. Du sagst, dass es dir echt gut gefällt und dass das gerade die Station gewesen wäre, an der du hättest aussteigen müssen.

‚Hast du Lust auf einen Kaffee?‘, frag ich dich spontan. Lege den Mut, welcher mir für gewöhnlich fehlt, in meinen Mund.

„Hast du Lust auf einen Kaffee?“, frag ich dich spontan. Lege den Mut, welcher mir für gewöhnlich in solchen Situationen flöten geht, in meinen Mund. Du nickst lächelnd. Wir steigen aus, gehen in irgendein Café. Den Namen hab ich vergessen.

Wir unterhalten uns über das kleine gelbe Heftchen und über gefühlt tausend andere Dinge. Schon komisch, denk ich mir. Bis vor ein paar Stunden kannten wir uns noch nicht und jetzt reden wir schon eine ganze Weile.

Es ist dunkel, als wir den Weg nach Hause antreten. Die Handynummern sind schon längst ausgetauscht. „Wir sehen uns wieder“, sagen wir uns zum Abschied. Ahnen wir doch beide irgendwie, dass wir uns genau das merken werden.

Vielleicht beginnt ja genauso eine – unsere – gemeinsame Geschichte.

Vielleicht beginnt ja genauso eine – unsere – gemeinsame Geschichte. Vielleicht ist das etwas kitschig, zugegeben. Vielleicht beginnt sie auch auf Tinder, aber das ist eher unwahrscheinlich, denn ich nutze gar kein Tinder. Vielleicht begegnen wir uns in der Uni und suchen beide einen Raum. Begegnen uns dann wieder in der Schlange vor dem Kaffeeautomaten. Vielleicht.

Ganz egal, wie sie beginnt, ich will ihren Beginn nicht kennen. Auch nicht den Zeitpunkt. Würde ich die richtige Bahn dann verpassen, würde ich mir das wohl nie verzeihen. Unwissenheit ist in diesem Punkt tatsächlich ein Segen. Ich würde alles zerdenken. Könnte zig Computersimulationen konstruieren und durchlaufen lassen. Nützen würde es nix. Es würde eher das komplette Gegenteil bewirken.

Dich zu finden steht auf (m)einer To-Do-Liste, sofern ich eine hab. Auf ihr stehst du jedoch nicht an erster Stelle. Denn das würde dir, mir, uns nicht gerecht werden.

Du wirst der bunte Schnipsel sein, der mir in meinem Konfetti noch gefehlt hat.

Du wirst der bunte Schnipsel sein, der mir in meinem Konfetti noch gefehlt hat. Den ich, ohne zu suchen, gefunden habe. Das eigene Glück allein von einer einzigen Person abhängig zu machen – ohne zu wissen, wann sie kommt – macht auf lange Sicht unglücklich. Wir alle haben so viel zu bieten. Sind, ganz plakativ, der Schmied unseres eigenen Glückes.

Du, du wirst mich ergänzen, wirst mich zum Lächeln bringen, wenn ich doch lieber schreien will. Wir werden uns begegnen. Wann und wo? Ich weiß es nicht – und will es noch nicht wissen. Auf diesen fetten Spoiler hab ich keine Lust. Und sollte mir es jemand spoilern – woher auch immer diese Person das dann wissen will –, dann werde ich demjenigen einen gehörigen Arschtritt verpassen. Ich will den Moment ganz intensiv erleben, ohne zu wissen, was da kommt.

Ein paar Tage später klingelt mein Handy. Du bist dran. Es ist Sonntag. Flohmarkttag, wie ich ihn nenne. „Hey, hättest du spontan heute Zeit und Lust auf einen Flohmarktbesuch?“, fragst du mich mit leicht zitternder Stimme. „Ja klar!“, sag ich und frage mich währenddessen, ob du davon wissen könntest, dass Sonntag bei mir Flohmarkttag ist.

Egal, für die Beantwortung der Frage habe ich keine Zeit. Die Bahn kommt gleich. Während ich zum vereinbarten Treffpunkt fahre, frage ich mich, ob das jetzt ein Date ist. Am Anfang ein ja naja, vielleicht. Kurz bevor ich aussteige, weiß ich es. Es ist wohl ein Date, denn da war etwas beim Abschied vor ein paar Tagen. Dieses Gefühl, dass wir beide uns diesen Moment merken werden.

Während ich auf dich warte, merke ich, wie mir der Arsch zusehends auf Grundeis geht.

Ich bin etwas früh dran. Während ich auf dich warte, merke ich, wie mir der Arsch zusehends auf Grundeis geht. Nach einer gefühlten Ewigkeit, wahrscheinlich sind es nur drei Minuten gewesen, sehe ich dich, wie du um die Ecke biegst. Da stehst du nun vor mir. Lächelnd.

Wir beide kriegen nur ein „Hey, wie geht’s?“ raus. Was danach folgt, ist für die Geschichte nicht zwingend von Relevanz. Wir gehen über den Flohmarkt und obwohl es voll ist, verstehen wir jedes Wort des anderen. Das ist wohl dieses Barphänomen. Auch wenn es noch so voll und laut in einer Bar ist, schafft unser Gehirn es, die anderen Gespräche auszublenden und sich allein auf eins zu konzentrieren. Unseres.

Mit einem letzten sanften Berühren deiner Lippen lasse ich dich in deine Wohnung gehen, mit dem Wissen, dass ich wohl jetzt öfters hierher vorbei komme.

Zwei Kugeln Eis gehen wir dann auch noch irgendwo essen. Du hast Pistazie und Kirsch. Ich nehme Jogurt und Haselnuss. Als es kühler wird, gebe ich dir meine Jacke, denn ich brauche sie jetzt nicht mehr. Ich bringe dich kurz vor Mitternacht nach Hause.

Wir beide müssten eigentlich morgen früh raus, längst schlafend im Bett liegen, aber diese Zeit nehmen wir uns jetzt. Ich leuchte mit meinem Handy in deine Tasche, damit du deinen Schlüssel findest. Die Suche danach geben wir beide schnell auf, da wir uns etwas trauen, was wir sonst eigentlich nie machen würden.

Zaghaft nähern sich unsere Köpfe. Voller Vorsicht treffen unsere Lippen aufeinander. So stehen wir noch eine Weile da. Mit einem letzten sanften Berühren deiner Lippen lasse ich dich in deine Wohnung gehen, mit dem Wissen, dass ich wohl jetzt häufiger hierherkommen werde.

Plötzlich erwache ich aus meinem Tagtraum. Der Jutebeutel der jungen Frau neben mir ist umgekippt …

Felix liebt Filterkaffee, Konfetti, laute und leise Gitarren, Poesie und gefühlt tausend andere Dinge. Mal ehrlich, direkt und frei nach Berliner Schnauze. Mal poetisch philosophisch und nichtssagend. Aber immer auch ein wenig selbstironisch. Ein Kopf, der sich in keine Schublade stecken lassen will, denn diese engen das Denken nur ein. Mehr von ihm gibt’s auf Instagram.

Headerfoto: Dallin Hassard via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

Folgt im gegenteil auf Bloglovin.

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