Leistung um jeden Preis: Wie ich mit 29 ein Burnout hatte und warum wir darüber reden müssen

Wien – meine Heimatstadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, wurde mir letztes Jahr plötzlich zu klein. Nachdem ich mein Masterstudium im Sommer abschloss, teilte mir mein Bauchgefühl auf penetrante Art mit, dass ich meinen Hintern zum frühestmöglichen Zeitpunkt nach Berlin schwingen sollte. Innerhalb kürzester Zeit fand ich in der neuen Stadt dann auch einen Job: als Quereinsteigerin rein in die Welt der Tech-Startups.

Im Octagon mit dem Imposter Syndrom

Täglich stieg ich in den Ring mit meiner strengsten Kritikerin: ,ir selbst. In einem Job voller neuer Herausforderungen, Dingen, von denen ich zum ersten Mal in meinem Leben hörte und Aufgaben, die ich zum ersten Mal machte, waren in meinem Kopf sechs Monate Probezeit eine lange Zeit, in der meine Vorgesetzten eventuell realisieren könnten, dass ich eine Fehlbesetzung bin.

Als einzige Frau machte ich mir außerdem zur Mission, stellvertretend für alle Frauen, die nicht anwesend waren, extra präsent zu sein.

Als einzige Frau im Management machte ich mir außerdem zur Mission, stellvertretend für alle Frauen, die nicht anwesend waren, extra präsent und durchsetzungsvermögend zu sein.

Für mich war klar: Auch wenn ich im Bewerbungsprozess triumphiert habe, muss ich trotzdem jeden Tag aufs Neue beweisen, dass ich für diesen Job geeignet bin. Also hängte ich mich mit dementsprechender Intensität in die Sache rein. Als das Feedback kam, hieß es, ich lerne schnell und hätte ein „achiever mindset“. Meine Proaktivität wurde ebenfalls positiv hervorgehoben. Dennoch hatte ich permanent das Gefühl, dass das was ich leiste, gerade gut genug ist. Zu einer Aufgabe nein sagen? Anmerken, dass ich bereits ziemlich ausgelastet bin? Kam für mich nicht in Frage.

Wenn der Körper um Hilfe schreit

Es war ein schleichender Prozess, deshalb kann ich kein genaues Datum nennen, wann der Stress begann, sich zu akkumulieren – wahrscheinlich rund um das Ende meiner Probezeit.

Es ist erstaunlich, wie gut ich darin war, die auftretenden Symptome zu ignorieren oder zu rechtfertigen.

Es ist erstaunlich, wie gut ich darin war, die auftretenden Symptome zu ignorieren oder zu rechtfertigen.

Nun, zwei Monate nach meinem akuten Burnout, schreibe ich den Artikel, den ich vor ein paar Monaten gebraucht hätte. Um mir klar zu machen: Es ist nicht normal, dass sich meine ersten Gedanken nach dem Aufwachen um die Arbeit drehen und ich dabei Herzrasen bekomme. Es gehört auch nicht automatisch zu einem 40-Stunden-Job dazu, permanent erschöpft zu sein und gleichzeitig unter Strom zu stehen.

Es gehört auch nicht automatisch zu einem 40h-Job dazu, permanent erschöpft zu sein und gleichzeitig unter Strom zu stehen.

Dass die Schlafqualität rapide sinkt, ich das Zubettgehen abends dennoch hinauszögere, weil ich mich vor dem nächsten Morgen drücke. Dass längst die Alarmglocken hätten klingeln sollen, wenn ich während der Mittagspause im Homeoffice, anstatt zu essen, versuche, Schlaf nachzuholen, aber stattdessen nur meinem Ruhepuls von 110 im Ohr lauschen kann vor lauter Bluthochduck. Dass immer häufiger auftretende Heulattacken nicht bedeuten, dass ich schwach oder hypersensibel bin. Sondern, dass ich schleunigst eine PAUSE brauche.

Ich will deutlich machen, dass das alles Warnsignale des Körpers sind, der verzweifelt versucht, einem mitzuteilen: Du bist dabei, mit 180km/h gegen eine Wand zu donnern.

Fühl dich wachgerüttelt, wenn du dich wiedererkennst!

Dieser Artikel ist ein Weckruf, ähnlich dem einer guten Freundin, die dich wachrütteln will und dich dabei ein bisschen zu fest an den Schultern packt, nicht, weil sie dir wehtun möchte, sondern weil ihr am Herzen liegt, dass du den Ernst der Lage checkst. Wenn du das liest und dich insgeheim angesprochen fühlst, sieh‘ mich als diese Freundin, die dich warnen möchte.

Wenn du das liest und dich insgeheim angesprochen fühlst, sieh‘ mich als diese Freundin, die dich warnen möchte.

Erst, seitdem ich proaktiv meinen aktuellen Gesundheitszustand in meinem Umfeld kommuniziere, merke ich, wie viele Menschen, die gleich jung sind wie ich, bereits ähnliche Erfahrungen machen mussten. Burnout ist keine ominöse Krankheit, die ausschließlich Manager:innen im mittleren Alter mit jahrelangen 50-Stundenwochen und aufwärts betrifft. Durch die Leistungsgesellschaft sind außerdem zunehmend mehr Menschen davon betroffen, was eine erhöhte mediale Repräsentation erforderlich macht, um auch stärkeres Bewusstsein für Früherkennung und Prävention zu schaffen.

Und wie geht’s danach weiter?

Niemand hat Schuld an meiner Situation, weder mein Arbeitgeber noch ich. Die Performance-orientierte Unternehmenskultur, die zusammen mit anderen Faktoren zu meinem Burnout geführt hat, fußt auf unserer kapitalistisch geprägten Leistungsgesellschaft.

Die Performance-orientierte Unternehmenskultur fußt auf unserer kapitalistisch geprägten Leistungsgesellschaft.

In der Therapie lerne ich nun, woher mein unbewusstes Bestreben, immer 120% geben zu müssen, um gerade gut genug zu sein, kommt, und wie ich dieses Verhalten nach und nach auflockern und schließlich ablegen kann.

Du erkennst dich in Lenas Text und ihren Erschöpfungssymptomen wieder und weißt gerade nicht, wie du das alleine schaffen sollst? Hier sind ein paar Anlaufstellen, bei denen du Hilfe finden kannst: 

Anlaufstellen: Ein Besuch beim Hausarzt/der Hausärztin deines Vertrauens kann ein guter erster Schritt sein. Auf www.therapie.de findest du freie Psychotherapieplätze in deiner Nähe. Unter 0800-1110111 erreichst du jederzeit die Telefonseelsorge, wenn du dringender Hilfe brauchst.

Du bist nicht allein !<3

Lena Hohl ist in Wien geboren und seit einem Jahr Wahlberlinerin. Im neuen Umfeld hat sie tolle neue Dinge und Menschen kennengelernt, und eine vergessene Liebe wiederentdeckt: Das Schreiben. Es ist ihr Instrument der Wahl, um ihrem Inneren Ausdruck zu verleihen, Situationen zu verarbeiten und Menschen zu erreichen. Das macht sie über Gedichte, Artikel und Texte, die nicht wirklich in ein Genre passen. Hauptsache der Stift bewegt sich über’s Papier. Mehr von Lena gibt es auf Instagram

Headerfoto: Karolina Grabowska (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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