Jede Frau ist schön und wertvoll und darf sich auch so fühlen

Es war ein ganz gewöhnlicher Abend, bis eine Diskussion darüber startete, dass manche Frauen einfach nicht „schön“ sind. Die unschöne Wahrheit, wieso uns Frauen solche Aussagen so wehtun.

Vor einigen Wochen, als es noch erlaubt war, Menschen zu treffen, fand in unserer Wohnung eine kleine Hausparty statt. Mein Freund hatte einige Freund*innen eingeladen, ich ebenfalls. Es wurde gelacht, gespielt und getrunken und es wäre beinahe ein Abend geworden, der keinen eigenen Artikel verdient hätte.

Doch das änderte sich zwischen ein und zwei Uhr nachts. Eigentlich hätten wir es besser wissen müssen, nach der zweiten Flasche Rum keine solche Diskussion mehr zu starten. Aber es passierte einfach. Und als es erst mal im Rollen war, war es nicht mehr aufzuhalten.

Ein Freund von uns erklärte uns aus dem Kontext gerissen, dass er ein Problem damit habe, wenn auf Covern von Magazinen Frauen abgebildet werden, die offensichtlich keine Models seien. Dies würde nur allen Frauen das Gefühl geben, dass jede auf dem Cover eines Magazins sein könnte und damit schön wäre.

Stille

Es wurde einen Moment sehr still. Am Tisch saßen einige (meiner Meinung nach sehr schöne) Frauen und jede Einzelne davon hielt die Luft an. Wir standen alle unter Schock. Nach einigen Sekunden drückender Stille traute sich eine von uns nachzufragen, wie er das genau meinte. Im Zweifel für den Angeklagten. Doch unseren Gesichtern war abzulesen, dass diese Aussage nur noch zum Schein war. Denn obwohl keine von uns gemeint war, waren wir alle verletzt.

Über eine Stunde lang zog sich diese Diskussion, in der wir versuchten, ihm zu erklären, wieso solche Aussagen so schwierig für uns waren. Er verstand es nicht. Verglich es immer und immer wieder damit, dass es ja kein Problem sei, nicht jede*r müsse schön sein. Es müsse auch nicht jede*r musikalisch sein. Nicht jede*r müsse groß sein. Nicht jede*r müsse schnell laufen können. Für ihn war das alles dasselbe. Für uns nicht.

Schönheit als Wert der Gesellschaft

Als Frau war das häufigste Kompliment, das man als Kind bekommen hatte: „Du bist aber ein hübsches Mädchen.“ Und seit wir ein kleines Mädchen waren, ist genau das unsere Mission: hübsch sein. Das ist unsere Aufgabe und unser Wert in der Gesellschaft wird daran geknüpft. Wir müssen vor allem hübsch sein. Wenn wir zusätzlich noch intelligent, klug, schlagfertig, tough oder sexy sind, ist das gut für uns. Aber wenn wir nicht hübsch sind, werden wir für diese Gesellschaft mehr oder weniger wertlos. Doch was macht dieses Wissen mit uns?

2019 wurden 11.000 weibliche Teenager von der Warwick Universität in England befragt, wie wohl sie sich in ihrem Körper fühlen. 6 von 10 jungen Frauen gaben an, komplett unglücklich mit ihrem Aussehen zu sein. Außerdem gaben 4 von 5 jungen Frauen an, ein schlechtes Selbstbild zu haben.

6 von 10 jungen Frauen gaben an, komplett unglücklich mit ihrem Aussehen zu sein.

Dies kann bei jungen Frauen zu Depressionen, Selbstzweifel oder Essstörungen führen und tiefe psychische Narben hinterlassen, die viele auch als Erwachsene nicht loslässt. Besonders gut wurde dieses Thema in dem Film Embrace dargestellt. Die Australierin Taryn Brumfitt machte sich für diese Dokumentation auf eine Reise, um herauszufinden, wieso so viele Frauen ihren Körper und ihr Aussehen hassen. Der Film kam 2017 erstmals in die Kinos und wurde komplett über Kickstarter finanziert.

Im Zuge dieses Films wurden uns einige erschreckende Wahrheiten vor Augen geführt: Zum Beispiel sind 90 % aller Menschen mit Essstörungen Frauen.

Die Wahrheit

Es gibt bestimmt Frauen, die mit ihrem Aussehen nicht kämpfen. Aber ich denke, dass ein Großteil aller Frauen es tut. Und ich glaube, dass es wichtig ist, dass Männer genau das wissen. Dass sie wissen, dass wir manchmal nackt vor dem Spiegel stehen und weinen möchten. Dass wir uns manchmal einfach ekelhaft finden und dass, wenn jemand sagt, nicht jede Frau ist schön, in unserem Kopf folgendes passiert: „Er spricht bestimmt von mir.“

Männer müssen wissen, dass wir manchmal keine Lust auf Sex haben, weil wir uns in unserem Körper nicht wohl fühlen und unser einziger Gedanke ist: Hoffentlich sieht er nicht zu genau hin. Und dabei ist es komplett egal, wie wir aussehen. Sie müssen wissen, wie sehr wir uns mit unseren eigenen Gedanken verletzen können, mit unserer eigenen Kritik zerstören. Wie oft wir uns vergleichen und merken, dass wir in diesem Vergleich mit anderen Frauen verlieren, weil wir alle so unterschiedlich sind. Obwohl es gut ist, dass wir verschieden sind!

Natürlich würden wir uns wünschen, dass wir in einer Welt leben, in der schön sein so ist, wie groß sein oder schnell laufen können oder musikalisch sein. Oder, dass es uns egal ist.

Es ist nicht so, dass der Freund auf dieser Party nicht Recht hatte. Natürlich würden wir uns wünschen, dass es egal ist, ob wir schön sind. Dass wir in einer Welt leben, in der schön sein so ist, wie groß sein oder schnell laufen können oder musikalisch sein. Oder, dass es uns egal ist. Dass nur wichtig ist, dass wir mutig und lustig und klug und tough sind.

Aber so ist es für uns Frauen nicht. Deshalb lasst uns doch einfach denken, dass wir hübsch sind. Verwendet normale Frauen für Magazin-Cover und lasst uns denken, wir könnten die Frau auf diesem Bild sein. Wem wird damit geschadet, wenn wir uns gut fühlen? Wem wird dabei wehgetan, wenn wir uns in unserer Haut wohl fühlen und strahlen können? Wem schadet es, wenn die kleinen Kritiker in unserem Kopf zumindest für kurze Zeit die Klappe halten?

Dieser Text ist bereits hier erschienen.

Headerbild: Rendiansyah Nugroho via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt und zugeschnitten.) Danke dafür!

SANDRA ist weder Landei noch Stadtkind, weder Realist noch Träumer, weder selbstbewusst noch verschlossen. Sie hat Journalismus studiert und arbeitet aktuell hauptberuflich als Redaktions- und Projektleitung für zwei Fachmagazine und diverse Kundenmagazine. Auf ihrem Blog Ungeschönt teilt sie die zum Teil unschönen Wahrheiten über das Leben.

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