Eine Liebeserkärung an uns – Warum Vergleiche mit anderen nur uns selber schaden

Warum vergleichen wir uns überhaupt miteinander? Man würde ja auch nicht auf die Idee kommen, seine Organe miteinander zu vergleichen, nur um dann enttäuscht festzustellen, dass die Nieren nicht verdauen und der Darm kein Blut reinigen kann. Sie stehen alle für sich, haben ihre eigene spezielle Funktion und sind eingebettet im Körper, so wie wir in diesem Kosmos.

Es ist nicht nur mühselig sondern auch toxisch, sich mit anderen zu vergleichen. Was wissen wir schon von den inneren Kämpfen, die jeder für sich im stillen Kämmerlein austrägt?

Als Außenstehende sehen wir vielleicht die Spitze des Eisbergs, die aus dem Wasser ragt, aber nicht den restlichen Teil, der sich unter der Wasseroberfläche verbirgt. Ebenfalls mühselig und notwendig ist es, sich von dem Gedanke zu befreien, dass irgendjemand mit irgendetwas in seinem Leben „weiter“ ist, als man selbst. Was bedeutet „weiter“? Wir haben weder denselben Startpunkt, die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen, Talente und gesundheitliche Verfassung noch dieselben Ziele im Leben.

Was wissen wir schon von den inneren Kämpfen, die jeder für sich im stillen Kämmerlein austrägt?

Die einzige wirklich feste Variable, die uns eint, ist die, dass wir alle einst geboren wurden und eines Tages sterben werden. So wie viele andere Menschen vor und nach uns. Dazwischen passiert so viel Verschiedenes im Leben eines jeden Menschen, das wir es niemals in ein Konstrukt pressen könnten, um es an irgendwelchen Maßstäben zu messen. Dafür sind die Voraussetzungen, auf die wir in unserem Leben stoßen, und diejenigen, welche wir mitbringen, zu verschieden.

Auch wenn es immer mal wieder Schnittmengen mit den Leben anderer Menschen geben wird. Es geht nicht darum, Wege zu gehen, die andere vor uns gegangen sind, auch wenn wir gewiss manchmal die ein oder andere ähnliche Kurve nehmen wie unsere Mitmenschen.

Am Ende des Tages müssen wir uns auf unseren ureigenen Weg begeben. Irgendwann werden vielleicht andere Menschen, die ebenfalls auf der Durchreise sind, auf den bereits von dir breit getretenen Trampelpfad stoßen und eine Strecke darauf gehen, ehe sie neue Wege für sich erschließen, deren Spuren wiederum eines Tages andere folgen werden. Nur ein Narr würde behaupten, die Lunge sei wichtiger oder „wertvoller“ als das Herz.

Das Herz darf Herz sein und die Lunge Lunge. Und wir dürfen wir sein, in unserer vollkommenen Unvollkommenheit.

Wie kommt man also auf die Idee, seinen eigenen Wert oder den anderer Menschen zu minimieren, in dem man ihn aufgrund gewisser Qualitäten oder Qualifikationen höher oder niedriger stellt? Durch Vergleiche, Selbsterniedrigung oder gar Erhöhung und toxische innere Monologe. Das Herz darf Herz sein und die Lunge Lunge. Und wir dürfen wir sein, in unserer vollkommenen Unvollkommenheit.

Was nicht ausschließt, stetig an einer besseren Version seiner Selbst zu arbeiten. Nicht nach den Prinzipien der Leistungsgesellschaft: „besser, schneller, höher, weiter, schöner“, sondern nach den eigenen Prinzipien und im eigenen Tempo. Ansonsten werden unsere Gedanken unser Seelenleben nach und nach vergiften, wie der schöne, rote, glänzende Apfel einst Schneewittchen. Mit dem großen Unterschied, dass kein Prinz auf seinem weißen Schimmel angeritten kommt, um uns wach zuküssen.

Den Schleier, der uns von unserer Selbsterkenntnis trennt, den werden wir uns selbst abnehmen müssen. Er ist nicht immer aus leichtem, wallendem Stoff. Manchmal ist er schwer und bleiern und über die Jahre hat sich auch noch Staub auf ihm abgesetzt.

Früher konntest du durch den Schleier noch Umgebungsumrisse erkennen, sowie hell und dunkel unterscheiden. Heute trübt auch noch der Staub der Vergangenheit deinen Blick. Sein Inneres freizulegen, wird eine Lebensaufgabe werden. Was ist meins und gehört zu mir? Welchen Müll haben andere bei mir liegengelassen oder sogar mutwillig abgestellt? Mit Müll meine ich Konditionierungen und Geschehnisse, die zur Selbstentfremdung beitrugen oder heute noch beitragen.

Heute trübt der Staub der Vergangenheit deinen Blick. Sein Inneres freizulegen, wird eine Lebensaufgabe werden. Was ist meins und gehört zu mir?

Dieser seelische Großputz wird, so denke ich, ein Leben lang andauern. Immer wieder müssen wir entrümpeln, abstauben und Bilder an der Wand zurechtrücken. Bilder von anderen und unserem Selbstbild.

Nie werden wir mit Sicherheit sagen können: „So jetzt bin ich fertig!“ Das würden wir nach dem Putzen in der Wohnung auch nur zu gerne glauben, wissen jedoch, dass es nach kurzer Zeit hier nicht mehr wie im Katalog aussehen wird. Ich denke „Psychohygiene“ werden wir ein Leben lang betreiben müssen, genauso wie alles kritisch nach seinem Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, von sich selbst sagen zu können: „Jetzt bin ich fertig, jetzt ist alles aufgeräumt!“ Das werden immer nur Momentaufnahmen bleiben. Vielleicht ist es viel wichtiger, irgendwann sagen zu können: „Jetzt bin ich angekommen. Mehr bei mir selbst angekommen.“

Nicht so zielgerichtet an einen Ort gehen, sondern dieses Ziel, welches gar nicht genau als solches definiert ist, erreichen wir indirekt. Ich will nicht sagen zufällig, aber indirekt. Über die Wege, über die uns das Leben führt, und diejenigen, die wir selbst erwählen.

Dimitra ist eine naturverbundene Seelenschmökerin mit Hang zur Tagträumerei und melancholischem Einschlag. Philosophiert gerne über das Leben und belästigt nun neuerdings auch ihre Mitmenschen mit ihren schriftlich festgehaltenen Gedanken.

Headerfoto: Stockfoto von Kristina Korotkova/Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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