Ist lesbischer Sex “richtiger Sex”? – Gegen welche Vorurteile ich als Frau, die Frauen liebt, ankämpfen muss

Als Frau, die Frauen liebt, habe ich mir schon so einige Sprüche anhören dürfen. Ob er mitmachen darf, fragt der eine. Nein, darfst du nicht. Ob ich weiß, wie heiß ihn das macht, fragt ein anderer. Nein, weiß ich nicht. Warum wir ihn denn damit extra heiß machen wollen, fragt der nächste. Aha. Ob meine Freundin mir nicht erlauben würde, mit ihm zu ficken. Ja, selbst das wurde ich schon gefragt. Außerdem leider noch, ob ich nicht einfach mal einen Schwanz bräuchte, so einen richtigen Schwanz eben. Nein, danke. Brauche ich nicht, ich bin versorgt.

Das hätte ich jetzt nicht gedacht, du bist doch so hübsch.

Es geht aber auch scheinbar harmloser. „Das hätte ich jetzt nicht gedacht, du bist doch so hübsch.“ Nicht dem Klischee einer Lesbe zu entsprechen, wie auch immer dieses aussehen mag, macht es wohl vielen schwer zu glauben, dass man als Frau auf Frauen steht. Ein regelrechtes kollektives Erstaunen ploppt auf, gefolgt von unbeholfenen Fragen wie „Wer ist denn dann der Mann in eurer Beziehung? Sowas finde ich ja spannend.“ Naja, der Clou an einer lesbischen Beziehung ist – Trommelwirbel – dass keiner der Mann ist.

Fast schlimmer als die Fragen, die diese vulgären Worte wie „Schwanz“ und „ficken“ beinhalten, ist es allerdings, wenn sich in einem Club ein unbekannter Typ einfach dazustellt. Ganz nah und hemmungslos. Sich fast selbstverständlich und ohne Scham an meine Freundin und mich herantanzt. Diese Selbstverständlichkeit erschreckt mich. Sie erschreckt mich zutiefst, denn welches Bild muss sich dem Typen aufdrängen? Welche Vorstellungen zeichnen sich in seinem Kopf ab, die es ihm erlauben, sich uns so respektlos zu nähern? Gesehen werden nur zwei antanzbare Frauen. Leicht zu haben, die auf „versautes Zeugs“ stehen, oder wie?

Als Frau, aber besonders als lesbische Frau, möchte man doch nicht nur eine Männer-Fantasie sein. Als ganzer Mensch wahrgenommen und geschätzt werden und nicht als Erfüllung feuchter Träume. Das wäre doch was, oder? Doch diese Situationen sind mir bekannt. Alles klar. Das kenne ich schon, denke ich mir.

Und wo fängt dann eigentlich der richtige Sex bei dir an?

Was mich aber besonders traf, war jener Satz einer sehr engen Freundin, die mich eines Abends während einer unserer legendären Küchenpartys fragte: „Und wo fängt dann eigentlich der richtige Sex bei dir an?“

Perplex verharrte ich mit dem Weinglas in der Hand in meiner Position. Ich wusste nicht, wo ich anfangen und enden sollte, also fragte ich nach. „Wo der richtige Sex anfängt? Der echte Sex?“ Für meine Freundin schien die Frage berechtigt. Denn nach ihrem Ermessen beginnt der richtige Sex zwischen ihr und ihrem Freund mit der Penetration. Alles davor ist eben das Vorspiel. Fingern, lecken und so weiter.

„Also, wo fängt nun der richtige Sex bei euch an?“

Das musste ich erst einmal sacken lassen. Denn diese Frage inkludiert die versteckte Annahme, dass lesbischer Sex nur aus Lecken und Fingern besteht. Außerdem, dass Sex auch dann erst richtiger, wirklicher Sex ist, wenn eine Vagina von einem Penis penetriert wird.

Sex ist nicht gleich Sex, oder? 

Tatsächlich ist es aber so: Der Sex zwischen zwei Frauen ist vielseitig und besteht eben nicht nur aus klitoraler Stimulation durch die Zunge oder den Finger. Penetration ist ebenfalls nicht nur durch den Finger möglich. Alles kann, nichts muss – klassische Regel. Genau wie bei heterosexuellem Sex.

Doch scheint sich eine heteronormative Annahme manifestiert zu haben: Die Penetration macht den Unterschied. Den Unterschied zwischen Sex und Vorspiel und den Unterschied zwischen richtigem Sex und halbrichtigem Sex. Ohne Penis geht es eben nicht, denken sich viele. Ich habe da andere Erfahrungen gemacht.

Der Unterschied zwischen richtigem Sex und halbrichtigem Sex. Ohne Penis geht es eben nicht, denken sich viele.

Abgesehen davon, dass das Vorspiel bei der gerade erläuterten heteronormativen Annahme als Vorgeplänkel abgetan wird, ist es an der Zeit, etwas anderes deutlich zu machen. Liebe Leute, aufgepasst und zugehört: Es gibt keinen halbrichtigen Sex und Sex zwischen zwei Frauen ist nicht nur das Vorstadium zu etwas Größerem, Besserem, das Lesben (oder anderen queeren Menschen) verwehrt bleibt!

Dazu passend bin ich auf ein interessantes Phänomen gestoßen. Wer nach einem Synonym für „Sex zwischen zwei Frauen“ googelt, wird von den ersten zwei Suchergebnissen „Tribadie“ und „Flotter Dreier“ begrüßt.

Wer das eben Erwähnte allerdings googelt und sich dann nicht weiter informiert, könnte glatt denken, dass zwei Frauen, die Sex miteinander haben, sich nur aneinander reiben. Tribadie (Griechisch „tribein“ für „reiben“), so wird auf Wikipedia erklärt, ist eine nicht penetrative sexuelle Praktik. Das Wort sei im deutschen Sprachraum bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als Synonym für weibliche Homosexualität verwendet worden. Und flotter Dreier? Alles klar. Da wären wir wieder bei dem Typen im Club, der sich selbstverständlich nähert und fragt, ob er mitmachen kann.

Ich habe meine gute Freundin zum Abknutschen lieb und sehe, dass hier einfach ein Denkfehler existiert. Kein böswilliger Denkfehler, keiner, der mit Hass und Ekel gespickt ist. Dennoch ein Denkfehler, der nicht einfach so stehen gelassen werden kann, denn er spricht jener Sexualität zwischen Frau und Frau ihre Relevanz ab. Und das verletzt.

Alles kann, nichts muss 

Wenn meine Klitoris sanft von einer Zunge umspielt wird und ein Finger mich dabei langsam und doch bestimmt penetriert und ich zum Orgasmus komme, dann kann man doch nicht mehr von einem Vorspiel sprechen.

Ob also mit oder ohne Penetration ist doch im wahrsten Sinne des Wortes Latte. Die Erregung, die Lust, die Atmung, das immer intensiver werdende Kribbeln – dieses Gefühl, das einen fast verrückt werden lässt – das ist Sex.

Die Erregung, die Lust, die Atmung, ein immer intensiver werdendes Kribbeln – dieses Gefühl, das einen fast verrückt werden lässt – das ist Sex.

Auf den ersten Blick wirkt diese kleine Frage, von der ich eingangs schrieb, nicht sonderlich gravierend. Doch die Aussage hinter „Aber richtiger Sex ist das ja nicht, oder?“ ist despektierlich der Sexualität lesbischer Frauen gegenüber und nimmt diese nicht ernst. Sie soll auch nicht allzu ernst wirken und auf keinen Fall humorlos und dogmatisierend. Doch ernst genommen werden, das muss sie schon.

Fanny Alexander ist Tänzerin. Geboren, lebt und liebt in Berlin und tanzt mit ihren 22 Jahren irgendwo zwischen Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft und ihren Texten umher – alles Quellen ihrer Inspiration. Ihre Gedanken formuliert sie gerne in Textform, malt und zeichnet wie eine bekloppte und arbeitet gerne heraus, dass es eben doch auf die Feinheiten im Leben (und in der Sprache) ankommt.

Headerfoto: Mahrael Boutros via Unsplash.com. (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

 

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