In einem anderen Universum unter einem anderen Himmel wären wir vielleicht perfekt gewesen

Ich vergesse vieles. Ich vergesse Termine, vergesse Rechnungen zu bezahlen und vergesse manchmal das Vergessen. Ich werde nie vergessen, wie es war, mit dir zu leben, wie wir waren, aber ich habe mich vergessen, wie ich vor dem Wir war. Ich vergesse dein Lächeln nicht, als du mich geküsst hast, aber ich vergesse auch nicht die Tränen, die ohne Küsse vergossen wurden.

Ich vergesse deinen Atem nicht, aber vergesse dabei selbst zu atmen, wenn ich mich erinnere. Ich vergesse das Pochen deines Herzschlags nicht und vergesse meinen dabei ganz. Nichts funktioniert mehr wie vorher, auch nicht das Vergessen. Das Vergessen bringt Nebenwirkungen mit sich und ich spüre, wie du mich langsam, aber sicher vergisst. Und der Schmerz des Vergessens, der Bruch des Versprechens, sich nicht zu vergessen, all das ist nun meine Bürde.

Der Schmerz des Vergessens, der Bruch des Versprechens, sich nicht zu vergessen, all das ist nun meine Bürde.

Du bist weg, aber deine Erinnerungen hast du im Gepäck bei mir vergessen. Oder doch absichtlich liegen lassen, damit das Gehen schneller vergeht und das Neue leichter beginnt? Was passiert dann mit der Liebe, die einst so spürbar da war? So immens, dass ich sie nicht vergessen kann? Sag, was hast du mit deiner Liebe getan? Lässt man die alte Liebe wie Altlast hinter sich und hängt an derselben Stelle eine neue dran?

Wenn man vergisst, was war, vergisst man auch, wer man war? Ich kann nichts loslassen, was mich nicht loslässt. Ich kann dich nicht vergessen, weil du mich mit ausgemacht hast. Ich weiß nicht mehr, wer ich vor dir war und wer ich jetzt sein will. Diese Erinnerungen zu vergessen wird dauern und ich werde mich dann wohl nicht mehr mit dem Gedanken der Trennung beschäftigen. Wir werden aus unseren Erinnerungen hinauswachsen und aus allem, was wir zurücklassen ein Vergessen machen.

Wenn man vergisst, was war, vergisst man auch, wer man war?

Alles, was ich mir wünsche, ist zu leben und zu lieben, aber dich nicht zu vergessen – genauso wie ich nicht vergessen werden will. Also bitte, auch wenn von Tag zu Tag das Vergessen dich drängt und die Erinnerungen süßliche Schmerzen hinterlassen, so behalt wenigstens etwas von unserer Zeit bei, denn auch das hat dich zu dem gemacht, der du heute sein darfst. Ich wollte, dass du mir mehr Zeit gibst.

Mehr Zeit mit dir und noch ein paar mehr Erinnerungen für bitter-süße Nächte. Mehr Zeit, um zu akzeptieren, dass es uns nicht weitergeben wird. Mehr Zeit, um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. Mehr Zeit, um zu forschen wo, wann und weshalb es so kompliziert wurde. Und um eine Zeitmaschine zu bauen, um all das zu beheben und um das Happily Ever After zu leben.

Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt, um die passenden Worte zu sagen. Wenn ich mich an unsere letzte Begegnung erinnere, dann sind es viele Worte. Viele, weil ich dachte, es sei besser, jeden Gedanken, der mir durch den Kopf geisterte, auszusprechen, um meine Geister später nicht mit ins Bett nehmen zu müssen.

Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt, um die passenden Worte zu sagen.

Aber wenn ich ehrlich bin, hat das Vergessen nicht geholfen und ich stehe heute da mit meinen Geistern und die Zeit ist schon längst abgelaufen. Ich frage mich, ob wir eines Tages über das Vergessen hinwegkommen und unsere Geister Frieden schließen werden. Denn, trotz all der Zeit und all den wieder aufkeimenden Schmerzen und Hoffnungen, wünsche ich mir, nichts zu vergessen. Ich glaube, wir waren gut und unsere gemeinsame Zeit war gut und dass sich unsere Wege getrennt haben war gut.

Denn ich bin mir sicher, eines Tages werden sich unsere Wege wieder schneiden, nicht als Liebende oder Freunde, aber als zwei Menschen, die ihren Weg gefunden haben und sich nichts haben wegnehmen lassen durch die Zeit und die Wunden. Ich freue mich, dass du weitergehen konntest.

Nein ehrlich, das tue ich. Denn wenn ich bedenke, dass du so wie ich irgendwo im Limbo unserer Liebe feststecken würdest und wir zu dem Entschluss kämen, dass das ein Zeichen des Schicksals sei, dann glaube ich, wären wir zu Geistern unserer selbst geworden. Mit jedem Tag ein bisschen mehr unbeweglich, ein bisschen mehr traurig und ein bisschen mehr einsam in dieser Beziehung. Und ich glaube auch, dass wir perfekt waren, perfekt für unsere Zeit. Wie denn auch nicht, denn du bist meine erste Liebe.

Ich glaube, dass wir perfekt waren, perfekt für unsere Zeit. Wie denn auch nicht, denn du bist meine erste Liebe.

Die Art von Liebe, der niemand das Wasser reichen kann. Weil sie aufregend, verzehrend und herzzerreißend schön war. So unerwartet und atemberaubend einmalig. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich uns noch lachen an dem Tisch beim kleinen, versteckten Italiener. Du und ich. Nur wir beide. Und heute kann ich sagen, ich bereue diese Liebe nicht, denn offensichtlich war es ein Herzversehen, für das wir beide nichts konnten. Und auf der gemeinsamen Reise haben wir alles geteilt und den ein oder anderen Teil von uns im Chaos verloren.

Es war keine Naturkatastrophe. Trotzdem gab es Momente, in denen es innere Erdbeben oder einen Erdrutsch der Gefühle gab und manchmal Wellen von Tränen. Es war auch nicht der dritte Weltkrieg, aber ein wenig Krieg hatten wir miteinander und auch mit uns selbst. Dabei wurden harte Geschütze aufgefahren, denn im Krieg und in der Liebe ist doch alles erlaubt, nicht wahr? Es gibt nichts zu vergeben, denn es war nur ein Herzversehen. Denn es war die Liebe, die uns wie Wasser durch die Finger glitt.

Sie scheint wie ein Fluss, der sich als Treibsand entpuppt, sobald der Durstige sich hineinstürzt. Ein Trugbild, eine Fata Morgana, die sich in Luft auflöst, sobald du dachtest, sie erreicht zu haben. Und wenn du gerade einen Schlussstrich ziehen wolltest, tatest du dies mit ernsten Absichten oder hattest du doch einen Bleistift in der einen und ein Radiergummi in der anderen Hand, jederzeit einsatzbereit?

Liebe scheint wie ein Fluss, der sich als Treibsand entpuppt, sobald der Durstige sich hineinstürzt.

Jetzt gehen wir getrennte Wege, um das Universum daran zu erinnern, dass das nicht alles gewesen sein kann. Wenn wir uns eines Tages wiedersehen, werden sich zwei fremde Herzen gegenüberstehen. Die einstige Illusion der Liebe wird erlöschen sein. Aber das, was wir hatten, wird immer in unserer Erinnerung weiterleben.

Und in einem anderen Universum unter einem anderen Himmel, ja vielleicht funktioniert es da. Aber unter dem Himmel, in dem wir getrennt leben, frage ich mich, ob du denselben Mond anschaust. Vielleicht zur selben Zeit und dasselbe wieder fühlst wie damals.

Und wenn nicht, ob du die gemeinsamen unzähligen Stunden im Auto vermisst. Die Atmosphäre und all das, was wir uns zu sagen hatten, scheint mir wie verschwunden. Nie da gewesen. Hast du keine Angst, du schließt eines Tages die Augen und all das, was wir hatten, ist verschwunden? Vom Wimpernschlag mitgerissen in ein anderes Universum, wo wir unter demselben Himmel zur selben Zeit dieselben Gefühle teilen?

Manchmal will ich einfach zurück zu dir laufen. Aber du sollst wissen, jedes Mal, wenn ich mich zurückhalte, entschwindet ein kleiner Teil von mir trotzdem und schafft es zurück zu dir. Und die Hoffnung, dass wahre Seelenverwandte immer einen Weg zurück zueinanderfinden, lässt die Brücken, die ich hinter mir verbrannt habe, so lichterloh brennen, dass du den Weg zurückfindest. Dich zu erfahren war kein Plan. Aber du warst so einfach da und hast mich und meine Katastrophen mit offenen Armen empfangen.

In einem anderen Universum unter einem anderen Himmel, ja vielleicht funktioniert es da.

Als ich wusste, dass es Liebe war, wollte ich wissen, wo ich sie das erste Mal in dir erblickt habe. Also schaute ich dir besonders lange und unerschrocken in die Augen. Tiefe sanfte braune Augen, die über meine Seele und dabei besänftigend über alte Narben strichen. Manchmal glaube ich, ich habe mich damals in deinen Augen verloren. Und als du gingst, blieb ein kleiner, aber bedeutsamer Teil von mir dort.

Und heute weiß ich, dass es nicht zurückkommen wird, nach all der langen Zeit. Ein Kollateralschaden, wenn man so will. Wir haben beide etwas von uns im anderen verloren und begraben. Aber wie nimmt man Abschied von dem, was zurückbleiben musste, damit wir uns neu erfinden können? Ich weiß nur, dass die Liebe erschlagen wurde von dem, was ein Begleitschaden unserer individuellen Veränderung mit sich brachte und die Versuche, sie zu retten, brachte die Liebe zu einem Existenzminimum.

Was am Ende immer bleiben wird, ist die Sicherheit, dass das Universum, das Schicksal oder meinetwegen auch Gott, etwas Größeres für uns bereithält.

Was am Ende immer bleiben wird, ist die Sicherheit, dass das Universum, das Schicksal oder meinetwegen auch Gott, etwas anderes, Größeres und Langlebigeres für uns bereithält. Wir dürfen nur nicht aufgeben, wir müssen die bitter-süße Pille schlucken, wir müssen einsame Nächte hinter uns bringen, viele gescheiterte Anfänge und das Leben und seine Hürden nehmen und sie umarmen. Liebe ist nicht einfach, aber bedeutsam und heilend.

Uri ist eine stolze afghanisch-bayrische junge 22-Jährige, die am allerliebsten ihr tägliches Brot mit Kunst verdienen würde, aber eigentlich eine Hotelfachfrau ist. Sie versucht sich täglich neu zu entdecken und gestalten. In ihrem kurzen Leben ist ihr vieles widerfahren, wofür sie in ihren Texten und in ihrer Kunst eine Plattform schaffen möchte. Sie ist beim Schreiben am allerliebsten in einem Zug oder zeichnet im Wohnzimmer ihrer WG. Ihre Freunde bedeuten ihr die Welt, für sie würde sie jeden Schmerz auf sich nehmen. Ihr Motto ist: „Frauen gehören an die Spitze der Weltherrschaft, denn wir sind atemberaubende Wesen.“

Headerfoto: Stockfoto von Balzhan Bukeyeva /Shutterstock. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

5 Comments

  • Richtig toller Text!
    So weise. Tröstet mich grad sehr über die ständige, beständige Bewegung des Lebensflusses hinweg. und dass das ja gar nicht so schlimm ist. nur manchmal schwer zu umarmen.

    „Für den Moment war es perfekt.“ denke ich oft, im Rückblick auf vieles. Constant reminder. Denn unser Leben besteht ja eh nur aus dem, was GERADE ist. Und für den Moment hat alles seinen ganz einzigartigen Wert.

  • Danke für deine tollen Gedanken. Du sprichst mir gerade aus der Seele. Ich habe Krebs und muss bald sterben, vor 8 Monaten habe ich mich getrennt und ich würde ihm gerne noch so vieles sagen. Habe ihm einen Brief geschrieben aber es kommt nichts mehr zurück. Ich muss das akzeptieren…… dennoch hoffe ich, dass er auch noch manchmal an unsere Liebe zurück denkt, die wir einmal hatten……danke K.

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