In dubio pro Diagnose: Wie ich endlich lernte, meine Depressionen zu akzeptieren

Als ich vor elf Jahren zum ersten Mal in Psychotherapie ging, fühlte ich mich fehl am Platz. Am schlimmsten waren die Gruppensitzungen, bei denen Leute über ihre Agoraphobien, bipolare Störungen und Wahnvorstellungen redeten.

Dazwischen saß ich, eine blöde 18-Jährige mit Kinderproblemen, die höchstwahrscheinlich nur irgendeine spätpubertäre Phase hatte. Bald werden die mich rausschmeißen, dachte ich mir. Sie würden mir sagen: „Frau Friedel, Ihr Zustand ist wirklich nicht annähernd schlecht genug für eine Psychotherapie. Vielleicht sollten Sie es mal mit Meditation probieren.”

Bei mir lagen die Selbstzweifel darin, dass ich dachte, es ginge mir nicht schlimm genug. Depressionen waren in meiner Vorstellung nur den Menschen mit Kindheitstraumata vorbehalten.

Doch ich war schneller. Als dann nämlich mein Sitznachbar eines Tages mein Statusupdate grinsend mit „Na, wie läufts mit dem Liebeskummer?“ einleitete, hatte ich quasi innerlich schon das Land verlassen und meinen Pass verbrannt.

Nach nur drei Wochen mit zwei Sitzungen pro Woche brach ich ab, ohne Bescheid zu geben. Ich litt unter dem Hochstapler-Syndrom, ohne mir dessen bewusst zu sein. Es bezeichnet die Angst, nicht gut genug für etwas zu sein und wird oft im Zusammenhang mit Jobs oder kreativen Prozessen verwendet. Bei mir lagen die Selbstzweifel darin, dass ich dachte, es ginge mir nicht schlimm genug. Depressionen waren in meiner Vorstellung nur den Menschen mit Kindheitstraumata vorbehalten.

Dabei hatte ich eigentlich keine Vorstellung davon, was Depressionen waren und wie man sie erkennen konnte, dachte aber, ich wüsste es genau. Depressionen waren für mich etwas, da musste man total am Ende sein. Ich war also nicht gut genug dafür.

Einfach nur empfindlich

Mein Kopf leistete hervorragende Arbeit, mein Problem kleinzureden. Wahrscheinlich war ich einfach eine Heulsuse. Es ging doch jedem mal schlecht. Ich war einfach nur überempfindlich – am besten noch romantisiert – eine zarte Künstlernatur, nicht gemacht für diese schlechte Welt.

Mein Umfeld tabuisierte negative Emotionen oder sortierte sie säuberlich in falsche Schubladen ein. Meine Emotionen waren erwünscht, wenn sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftauchten und falsch, wenn ich sie nicht im Griff hatte.

Für mein Verhalten gab es keine eindeutige Kategorie, denn ich war ja vermeintlich noch wohlauf. Ich funktionierte, stand morgens auf, ging in die Schule, zum Job und traf mich mit Freunden. Ich schaffte es meistens, einmal am Tag zu duschen.

Für mein Verhalten gab es keine eindeutige Kategorie, denn ich war ja vermeintlich noch wohlauf. Ich funktionierte, stand morgens auf, ging in die Schule, zum Job und traf mich mit Freunden. Ich schaffte es meistens, einmal am Tag zu duschen und hatte noch keinen ernsthaften Suizidversuch hinter mir.

Doch warum wollte ich mir manchmal gerne Schmerzen zufügen, weil ich das Gefühl in meinem Körper zu leben nicht mehr ertrug? Warum bekam ich Panik unter Menschen, weinte Tage lang zuhause und dachte zwanghaft an Unfälle, die passieren könnten?

Ich fühlte es wie einen Käfer in mir, der manchmal an meinem Herz zubiss und mein Leben in grauen Schleim tunke. Ich konnte diesen Käfer nicht greifen oder herausholen, sondern nur mit unterschiedlichen Mitteln betäuben.

Obendrauf pflegte ich eine effektive Selbstsabotage mit Selbstbestimmung als ideologisches Fundament: Meine Tränen, meine Schuld. Ich wollte quasi den Kontrollverlust unter Kontrolle bringen. Das Wunschdenken, dass ich mit eigener Kraft das Ruder rumreißen konnte, war so oft der entgültige K.O. Schlag.

Ein zweiter Versuch

Viel zu viele Jahre nach meiner ersten, abgebrochenen Therapie gab es eine stressige Zeit, in der ich plötzlich nicht mehr U-Bahn fahren konnte, ohne Panik zu bekommen.

Außerdem bekam ich regelmäßig Hitzewallungen, schmeckte mein Essen nicht mehr, litt unter Schwindelattacken und hatte tierische Angst vor Supermarktkassen und den stirnrunzelnden Kassierer:innen, wenn ich vor lauter Zittern meine Karte nicht in das Lesegerät eingeführt bekam.

Ich merkte, dass all dies nicht passierte, weil ich einfach zu doof zum Einkaufen und U-Bahn fahren war, sondern ein Problem hatte, und schaute wieder nach einer Therapie. Dieses Mal achtete ich sehr darauf, dass die Therapie ausschließlich mit Einzelsitzungen durchgeführt wurde.

Depressionen zu erkennen und beim Namen zu nennen war ein Hebel, den ich betätigen konnte, um das Gedankenkarussell der Angst auf Pause setzen.

Dann bekam ich eine Diagnose, meine Erlösung. Endlich konnte der Bürokrat in mir den Ordner beschriften, um all die vielen verstreuten Papiere abzustempeln und einzusortieren. Depressionen zu erkennen und beim Namen zu nennen war ein Hebel, den ich betätigen konnte, um das Gedankenkarussell der Angst auf Pause setzen. Ein sehr rostiger, schwerer, scheiß Hebel.

Ich will auf keinen Fall sagen, dass meine Depressionen und ich „Freunde” geworden sind. Depressionen selbst sind für mich das Gegenteil einer Freundschaft, außer man hat gerne gewalttätige, manipulatorische und narzisstische Freundschaften.
Es lässt sich nicht behaupten, dass meine Zustände durch die Anerkennung so viel einfacher zu ertragen sind. Zudem bilden sich die Trennlinien zwischen Depression und Müdigkeit, Traurigkeit, Ohnmacht und Krankheit sehr undeutlich ab.

Wenn der Gedanke auftaucht, dass ich am besten jetzt sofort alles hinschmeißen sollte, kann ich meinem Hirn rückmelden, diesen Plan erstmal vorsorglich bis auf Weiteres zu verschieben.

Dadurch erinnere ich mich leider immer wieder zu spät an meine Diagnose, wenn der Käfer schon längst mit dem Fressen begonnen hat und mein Leben und mein Gesicht ein hässliches Chaos sind. Doch wenn der Gedanke auftaucht, dass ich am besten jetzt sofort alles hinschmeißen sollte, kann ich meinem Hirn rückmelden, diesen Plan erstmal vorsorglich bis auf Weiteres zu verschieben. Inzwischen habe ich Kinder und die leugnende Sturheit in mir hat seitdem schon oft behauptet, dass ich als Mama nicht depressiv sein kann. Doch ich versuche aktiv, es mir zu erlauben.

Ich hoffe meinen Kindern so mitzugeben, dass sie ihre negativen Gefühle ohne Schuld, Stigma und Scham durchleben dürfen und nicht verdrängen. Damit die nächsten Generationen sich erlauben auf das zu achten, was in ihnen gehört werden will.

Lea Joy lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Athen. In ihrer Freizeit isst sie gerne Kimchi und denkt über soziale Missstände nach.

Header: Olena Bohovyk (Kategorie-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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